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Erste Vereinsmannschaft turnt in langen Anzügen - wichtiges Zeichen gegen Sexismus im Sport

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Von: Sina Alonso Garcia

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Als erste Vereinsmannschaft in Deutschland treten die Turnerinnen des KSV Hoheneck zum Wettkampf in langen Anzügen an. Für die Sportlerinnen führt das neue Outfit zu einem gestärkten Wohlbefinden ohne Angst vor unangenehmen Situationen.

Hoheneck - Schon seit vielen Jahren ist es ein leidiges Thema. Wettkampf für Wettkampf stehen Turnerinnen vor dem Problem, dass ihr knapper Anzug verrutschen könnte. Bei aufwendigen Figuren auf dem Barren, dem Schwebebalken oder beim Bodenturnen ist es leider absolut keine Seltenheit, dass die Sportlerinnen mehr preisgeben, als ihnen recht ist. „Der Turnsport lebt von Spagaten und gespreizten Beinen“, sagt Uta Ziegler, Trainerin der 3. Bundesliga-Mannschaft des KSV Hoheneck (Ludwigsburg), im Gespräch mit BW24. „In den kurzen Anzügen, die ja ähnlich sind wie Badeanzüge, fühlen sich die Mädchen einfach nicht wohl.“ Das Absurde: Wenn ein Anzug bei einer Übung verrutscht, dürfen die jungen Frauen diesen nicht einmal zurechtziehen - falls sie es doch tun, gibt es vom Kampfgericht Punkteabzug.

Immer wieder mussten Ziegler und ihre Turnerinnen in den vergangenen zehn Jahren die Presse bitten, unvorteilhafte Bilder zu löschen oder zurückzuhalten. „Es waren Sachen zu sehen, die nicht an die Öffentlichkeit gehören“, sagt Ziegler. Das Problem begleite sie schon seit ihrer eigenen aktiven Zeit und auch seit der ihrer Töchter. „Meine Tochter Mona hatte einmal einen Heimwettkampf, bei dem sie am Boden geturnt hat. Während der Übung verrutschte ihr Turnanzug. Im Publikum saßen Leute aus ihrer Schule - natürlich zog sie den Anzug zurecht.“ Nun soll endlich Schluss sein mit Momenten der Blöße und unangenehmen Gefühlen: Als erste Vereinsmannschaft in Deutschland hat der KSV Hoheneck lange Anzüge eingeführt. Das Feedback nach dem ersten Wettkampf in neuer Montur Ende Mai: Überwältigend.

KSV Hoheneck: „Wären Sponsoren nicht gewesen, hätten wir die neuen Anzüge vielleicht nie realisiert“

„Inspiriert wurden wir vom Auftritt der deutschen Nationalmannschaft 2021“, erklärt Uta Ziegler. Nachdem sich Sarah Voss bei der EM-Qualifikation in Basel im April 2021 als erste Turnerin langbeinig präsentiert hatte, zog die gesamte deutsche Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen im August nach. Laut Ziegler sei dieser Auftritt „wie eine Befreiung“ gewesen. Auch in Hoheneck reifte die Idee, umzudenken.

Konkretisiert wurde das Projekt schließlich nach einem Gespräch mit der Marbacher Zeitung, in dem ein Journalist die Sportlerinnen nach ihren Wünschen in Bezug auf neue Outfits befragte. Bereits hier äußerten die Hoheneckerinnen viele Ideen, wie sie sich die Anzüge vorstellen könnten. In den folgenden sieben Monaten arbeiteten die Turnerinnen an der Umsetzung des Projekts. So zogen sie erste Sponsoren an Bord - neben Elektro Lillich aus Asperg erklärte sich auch die Stadt Ludwigsburg bereit, die Ganzkörperanzüge mitzufinanzieren. „Der finanzielle Aspekt war immer ein Thema“, so Ziegler. „Wären die Zusagen der Sponsoren im Herbst 2021 nicht gekommen, hätten wir die neuen Anzüge vielleicht nie realisiert.“

KSV Hoheneck: Neuer Turnanzug sollte einer sein „der ins Auge sticht, aber gleichzeitig bezahlbar ist“

Am Design der Anzüge haben alle zwölf Turnerinnen aus dem Drittliga-Team mitgewirkt. „Alle Geschmäcker abzudecken war gar nicht so einfach“, lacht Trainerin Uta Ziegler. In einem Punkt waren sich aber alle einig: „Wir wollten einen Anzug haben, der ins Auge springt.“ Gemeinsam mit einer Schneiderin hat das Team sich schließlich auf ein pink-schwarzes Design mit auffälligem Muster am Brustbereich geeinigt. „Es sollte etwas sein, das ins Auge sticht, aber gleichzeitig bezahlbar ist“, so Ziegler. Am Ende lag der Preis für einen Anzug bei 220 bis 230 Euro - etwa 100 Euro mehr, als der Verein bislang für einen kurzen Anzug bezahlt hatte. Durch Sponsoren, die im Laufe der Zeit noch aufgesprungen sind, hat der KSV die bestellten Anzüge inzwischen komplett finanziert bekommen.

Stolz präsentierten die Turnerinnen der 3. Bundesliga die neuen Anzüge erstmals auf einem Wettkampf Ende Mai:

Der Auftritt der Hohenecker Turnerinnen erzeugte ein riesiges Medien-Echo. Kein Wunder: Die langen Anzüge im Vereinssport gleichen einer absoluten Revolution. „Ich kann eigentlich gar nicht glauben, dass wir der einzige Verein in der Bundesliga sind, der die langbeinigen Anzüge umgesetzt hat“, sagt Uta Ziegler. Tatsächlich gebe es etwa in der gesamten schwäbischen Turnliga - der größten Liga in Deutschland - keinen einzigen Verein außer Hoheneck, der im langen Dress turnt. Auch im Rest der Bundesrepublik gibt es bislang keinen anderen Verein, der diesen Weg gegangen ist.

KSV Hoheneck als Vorreiter: Rest der Turnvereine in Deutschland hält sich mit Veränderungen noch zurück

Während der Rest der Turnvereine in Deutschland sich also noch zurückhält, ist Uta Ziegler überzeugt, dass der Schritt, den der KSV gegangen ist, goldrichtig war. „Ich bin stolz auf meine Turnerinnen und auf den gesamten Prozess - sowie auf den Verein, der das mitgetragen hat“, sagt Ziegler. Es habe „viel Zustimmung auf verschiedenen Ebenen“ gegeben. Auch die Turnerinnen selbst genossen ihren Auftritt in den neuen Anzügen sichtlich. „Klar mussten sie sich an den neuen Anzug erstmal gewöhnen - er ist etwas wärmer als der kurze Anzug. Gleichzeitig ist der Stoff aber auch sehr dünn - und das Wohlbefinden der Mädels vor und nach der Übung wiegt schwerer als jedes Argument für einen kurzen Anzug.“

Ich bin stolz auf meine Turnerinnen und auf den gesamten Prozess.

Uta Ziegler, Trainerin beim KSV Hoheneck

Für die Zukunft wünscht sich Uta Ziegler, dass alle Mannschaften im Verein bald die Möglichkeit bekommen, im langen Anzug zu turnen. „Bislang haben wir die langen Anzüge nur in der 3. Bundesliga sowie in der Oberliga. Unser ganz klares Ziel ist es, dass es auch in der Kreisliga möglich sein wird, lange Anzüge zu tragen.“ Nachdem die 3. Bundesliga-Mannschaft den Auftakt gemacht hat, wird das Oberliga-Team des KSV am 25. Juni erstmals in den neuen Anzügen antreten. Bei Einzelwettkämpfen dürfen die Turnerinnen sich natürlich weiterhin auch für den kurzen Anzug entscheiden. Lediglich bei Mannschaftswettkämpfen sollte das Team sich für eine Variante entscheiden, um einheitlich aufzutreten.

Trainerin des KSV Hoheneck überzeugt: „Umdenken in der Turnbranche ist notwendig“

Insgesamt spricht Ziegler von einem „gelungenen Projekt, auf das alle stolz sind und mit dem sich alle identifizieren können“. In der Turnbranche sei derweil ein „Umdenken notwendig“. So seien es häufig vor allem die Trainer, die eine Entwicklung in diese Richtung blockieren und Veränderungen kritisch gegenüberstehen. Die Resonanz, die der KSV aktuell erhält, spricht jedenfalls stark dafür, wie sehr der Verein mit seinem Umdenken den Nerv der Zeit trifft. So erreichte etwa ein Video auf TikTok, in dem die Turnerinnen auf dem KSV-Kanal ihre neuen Anzüge zeigten, mehr als 600.000 Aufrufe. Auch das generelle Echo in den sozialen Medien sowie im Umfeld des Vereins ist durchweg positiv. Man darf gespannt sein, wann auch andere Vereine auf den Zug aufspringen und ihren Turnerinnen die Freiheit ermöglichen, selbst darüber zu entscheiden, wie freizügig sie sich auf dem Wettkampf zeigen möchten.

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