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Tot und verschollen: Weiße Tauben Opfer von umstrittenem Hochzeitsbrauch - „wie Wegwerfprodukte“

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Von: Sina Alonso Garcia

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Zwei weiße Tauben sitzen auf einem Tuch.
Während diese zwei hübschen Tauben die Aktion überlebten, fand eine dritte den Tod - die vierte ist verschollen. © Facebook/Wildvogelhilfe Göppingen

Die Hochzeit gilt für viele Menschen als der schönste Tag in ihrem Leben. Für vier Tauben endete eine Hochzeitszeremonie in Bietigheim-Bissingen jedoch alles andere als schön.

Bietigheim-Bissingen - Rund um die Hochzeit gibt es viele traditionelle Bräuche: Vom Anschneiden der Hochzeitstorte über das Brautstrauß-Werfen bis hin zum Hochzeitstanz. Auch weiße Tauben gehören für manche Menschen anscheinend bei ihrer Hochzeit dazu. Die symbolträchtigen Tiere stehen für vieles, was sich die Paare für die gemeinsame Zukunft wünschen - zum Beispiel Fruchtbarkeit und Liebe. Seit der Barockzeit gibt es den Brauch, dass Hochzeitspaare weiße Tauben fliegen lassen. In Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) hat ein Brautpaar damit jetzt bei einer ehrenamtlichen Vogelhilfegruppe Entsetzten ausgelöst.

„Wieder mal Hochzeitstauben“, schreibt die Wildvogelhilfe Göppingen auf ihrer Facebookseite. „Insgesamt vier waren es, für die der schönste Tag des Menschen zu ihrem schlimmsten wurde. Das glückliche Brautpaar lies [sic] sie romantisch in den Himmel steigen.“ Völlig verwirrt und orientierungslos hätten die Tauben später nach ihrem Taubenschlag, ihrem Partner und ihren Jungen gesucht. „Sie irrten tagelang an der gleichen Stelle umher, fanden den Heimweg nicht mehr“, so die Initiative.

Hochzeitstauben in Bietigheim-Bissingen irrten tagelang durch die Altstadt

Bei den Bietigheimer Hochzeitstauben handelte es sich laut eines Berichts der Bietigheimer Zeitung um noch relativ junge Brieftauben. Sie seien noch nicht erfahren genug gewesen, selbst wenn man mit dem Flugtraining bereits begonnen hätte. Über Tage hinweg irrten die Tauben, deren Fütterung in vielen Städten in Baden-Württemberg verboten ist, durch die Bietigheimer Innenstadt. Zwei Bürger, die den Ernst der Lage erkannten, kontaktierten schließlich die Wildvogelhilfe Göppingen. Unterdessen wurde eine der vier weißen Tauben überfahren und tot aufgefunden, eine weitere ist verschollen.

Immerhin zwei der Tauben konnten von der Wildvogelhilfe gerettet, untergebracht und wieder aufgepäppelt werden. „Da die Tauben nicht beringt waren, glaube ich, dass sie als Wegwerfprodukte verkauft worden sind“, erklärt Anja Noll, die die ehrenamtliche Gruppe betreibt. „Trainierte Tauben hätten zu ihrem Züchter und ihrem Heimatschlag zurückgefunden - sogar im Umkreis von 50 Kilometern.“ Tauben gelten als standorttreu. „Insbesondere weiße Tauben haben einen weniger ausgeprägten Orientierungssinn“, so Noll.

Beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) stieß die Aktion ebenfalls auf blankes Entsetzen: „Das ist Tierquälerei“, sagte Ulrich Hirsch, Vorsitzender der NABU-Gruppe Bietigheim-Bissingen auf Nachfrage der Bietigheimer Zeitung. Der NABU, der der Uni Tübingen Krähen für Tierversuche zur Verfügung stellte, lehne diesen Hochzeitsbrauch ab - ganz egal, ob es sich um trainierte oder untrainierte Vögel handle. Es sei nicht akzeptabel, Tiere als Objekte zu missbrauchen. Man wünsche sich ein Machtwort durch die Stadt.

Hochzeitstauben-Brauch erschüttert Tierliebhaber: „Es macht mich so wütend“

Die Stadt Bietigheim-Bissingen erklärte, dass man bereits durch Flyer jedes Brautpaar bei der Anmeldung zur Eheschließung darauf hinweise, dass das Fliegenlassen von Tauben nicht erwünscht sei. Wer die Tauben letztendlich freigelassen hat, ist nicht bekannt - und kann vermutlich auch nicht nachkontrolliert werden. „Es macht mich so wütend, dass diesbezüglich nichts vonseiten der Politik passiert“, kommentierte ein Facebook-Nutzer unter dem Beitrag der ehrenamtlichen Wildvogelhilfe Göppingen. Zahlreiche Menschen teilten den Post und bekundeten Mitleid mit den Tieren. „Mich erschüttert es immer wieder, wie die Menschen so respektlos mit Tieren umgehen können“, schreibt eine Nutzerin.

„Nach dem Tierschutzgesetz ist es verboten, Tiere auszusetzen - nichts anderes geschieht jedoch mit Tauben, die auf Hochzeiten fliegen gelassen werden“, schreibt die Tierschutzorganisation Peta auf ihrer Website. „Auf ihren Flügen zum Heimatschlag sind die Tiere großen Gefahren durch Greifvögel oder Orientierungsverlust ausgesetzt.“ Aktuell kämpft Peta auch gegen einen Tierpark in Baden-Württemberg: Dass das Wildparadies in Tripsdrill seine Greifvögel im Park angebunden hält, veranlasste Peta zu einer Klage gegen die Betreiber.

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