„Unsere Kalender sind voll“

Ghostwriterin aus Mundelsheim bietet Bachelorarbeiten gegen Geld

Vesna Kovse Porträt
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Ghostwriterin Vesna Kovse hat ihr Unternehmen „Secret Author“ 2019 gegründet und beschäftigt inzwischen 50 Autoren.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Wohin wendet man sich, wenn man an der Abschlussarbeit verzweifelt? Die Ghostwriting-Agentur der Mundelsheimerin Vesna Kovse bietet Hilfe, wenn nichts mehr geht.

Mundelsheim - Viele Studenten kennen es: Die Abgabe der Bachelor- oder Masterarbeit naht und die Seiten wollen sich einfach nicht füllen. Ob Leistungsdruck, Stress bei der Organisation oder schlicht Unklarheit darüber, wie man vorgehen soll - die Gründe für das Stocken beim Schreibprozess sind vielfältig. Doch wohin wendet man sich, wenn gar nichts mehr geht? Vesna Kovse aus Mundelsheim (Kreis Ludwigsburg) hat das Problem erkannt und gründete 2019 eine Ghostwriting-Agentur. Das Geschäft floriert.

„Aktuell werden am häufigsten Bachelor- und Masterarbeiten angefragt“, sagt Vesna Kovse im Gespräch mit BW24. „Daneben bieten wir aber auch Lektorate, Fachbücher oder Coachings an.“ Die Nachfrage sei so groß, dass sie in ihrem Unternehmen „Secret Author“ mittlerweile 50 freie Autoren aus unterschiedlichen akademischen Fachbereichen beschäftige. „Unsere Kalender sind voll.“ In der Corona-Zeit hätten sich viele Präsenzarbeiten an Hochschulen auf Haus- und Projektarbeiten verlagert, wodurch die Nachfrage nochmal gestiegen sei.

Vesna Kovse aus Mundelsheim: „Schade, dass Ghostwriting oft in eine negative Schublade gesteckt wird“

„Ghostwriting wird in Deutschland sehr kontrovers diskutiert“, sagt Vesna Kovse. Verboten sei es aber nicht. „Jeder unserer Kunden erhält einen Vertrag, in dem steht, dass unsere Leistungen nur als Vorlage zu sehen sind.“ Es liege dann in der Verantwortung der Kunden, von der Vorlage abzuweichen. Der Ghostwriter verpflichte sich zudem zum Verschweigen der eigenen Urheberschaft.

„Ich finde es immer schade, wenn Ghostwriting in eine negative Schublade gesteckt wird“, so die Gründerin. „Klar gibt es einen kleinen Prozentsatz an Kunden, der das aus Bequemlichkeit macht. Es gibt aber auch einige, die zum Beispiel Schicksalsschläge in der Familie erlebt haben und es einfach nicht schaffen. Oder solche, die aufgrund ihrer vielen Nebenjobs einfach keine Zeit zum Schreiben haben.“ Andere wiederum seien froh, dass jemand Professionelles das Lektorat ihrer Arbeit übernehme, wenn sie zum Beispiel aus bildungsfernen Familien kämen.

Ghostwriting-Agentur „Secret Author“: Alle Autoren haben mindestens einen Bachelor-Abschluss

Beim Schreibprozess sowie der Auswahl ihrer Autoren legt Vesna Kovse, die selbst Internationales Management studiert hat, viel Wert auf Qualität. „Alle unsere Autoren haben mindestens einen Bachelor-Abschluss, die meisten haben einen Master. Wir arbeiten nach dem Vier-Augen-Prinzip. Es geht keine Arbeit raus, ohne dass es jemand gegengelesen hat.“ Manche der Kunden buchen gleich ein ganzes Coaching, bei dem sie von der Gliederung ihrer Arbeit über das gesamte Projekt bis hin zum Abschlussgespräch von der Agentur betreut werden.

Die Kundschaft der Ghostwriter ist laut Kovse bunt gemischt. „Natürlich haben wir viele Studierende von 20 bis Mitte 20, aber auch einige Kunden über 40, die zum Beispiel berufsbegleitend studieren.“ Selten hätten sogar Eltern von Abiturienten angefragt, ob man deren GFS anfertigen könne. Auch Doktorarbeiten waren schon vereinzelt unter den Aufträgen. Wie viele Seiten die Ghostwriter übernehmen, bleibt jedem Kunden individuell überlassen. „Manche geben nur einzelne Kapitel einer Hausarbeit in Auftrag“, so Kovse. „Die sagen dann zum Beispiel: Den praktischen Teil habe ich jetzt fertig, bitte helfen Sie mir bei der Theorie.“

Bei wissenschaftlichen Texten verlangt die Agentur pro Seite 45 Euro. Heißt konkret: Bei einer durchschnittlichen Bachelor-Arbeit mit 40 Seiten zahlen die Kunden umgerechnet 1.800 Euro, wenn die Ghostwriter die gesamte Arbeit übernehmen. Wenn es besonders schnell gehen soll, steigt der Preis pro Seite auf 55 Euro oder mehr.

Vesna Kovse: Ein Unfall zwang sie zur beruflichen Umorientierung

Bevor sie ihre Ghostwriting-Agentur gegründet hat, war Kovse in der Projektleitung im Marketing tätig. Ein Unfall mit ihrem Pferd, bei dem ihr Knie zerstört wurde, zwang sie eineinhalb Jahre in die Reha. Ihr Unternehmen kündigte sie schließlich in der Probezeit. „Ich musste mich damals komplett neu orientieren.“ Als Ghostwriterin war sie zu dem Zeitpunkt bereits nebenberuflich tätig - und entschloss sich im Oktober 2019, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. „Es ist ein stressiger Job, weil ein permanenter Deadline-Druck herrscht. Aber gleichzeitig ist er auch sehr bereichernd und vielseitig. Man bildet sich permanent weiter und hat mit ganz unterschiedlichen Menschen zu tun.“

Was denkt die Expertin über die Zukunft des Ghostwritings? „Im Bereich Fach- und Sachbücher hat sich Ghostwriting längst etabliert. Da ist es ganz normal, dass Menschen sich mit Ghostwritern zusammensetzen, ihre Ideen und das Grundgerüst vortragen und andere das Schreiben übernehmen.“ Im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens ist Ghostwriting hingegen weniger etabliert. Der Deutsche Hochschulverband fordert schon länger, Ghostwritern per Gesetz das Handwerk zu legen - bislang vergeblich. Im Nachbarland Österreich drohen gewerblichen Anbietern jedoch Geldstrafen von bis zu 60.000 Euro.

Vesna Kovses Geschäft floriert: „Können immer neue Mitarbeiter gebrauchen“

Dass das Geschäft floriert, zeigt sich am Beispiel von Vesna Kovses Agentur sehr gut. „Ich habe ja alleine angefangen und am Anfang den Fachbereich BWL abgedeckt. Mittlerweile haben wir 50 Mitarbeiter aus ganz verschiedenen Fachbereichen - von den Sozialwissenschaften bis zu den Naturwissenschaften.“ Da die Nachfrage stetig wächst, ist Kovse immer auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. „Insbesondere im Bereich Naturwissenschaften können wir weitere Autoren gebrauchen.“

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