Turbulente Lebensgeschichte

Armut, Schulabbruch, ungewollt schwanger: Der harte Weg von Deutschlands bekanntester Notärztin Lisa Federle

  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Sie ist Deutschlands bekannteste Notärztin und machte unter anderem während der Pandemie mit dem „Tübinger Modell“ von sich reden. Jetzt stellt Lisa Federle ihre Biografie vor.

Tübingen - Lisa Federle hatte es wahrlich nicht leicht im Leben. Schulabbruch, mit 17 Jahren ungeplant schwanger, ein drogenabhängiger Partner und Zeiten, in denen sie aus Armut nichts zu essen hatte. In jungen Jahren hätte wohl niemand geglaubt, dass sie einmal Medizin studieren und Deutschlands bekannteste Notärztin werden würde. Statt verbittert auf die schwere Zeit zurückzublicken, bereut Federle nichts: „Ich glaube, wenn ich diesen Lebensweg nicht gegangen wäre, hätte ich heute nicht das Verständnis für Menschen, das ich jetzt habe“, sagt sie im Gespräch mit BW24.

Lisa Federle schrieb Biografie selbst - „ich glaube, es kommt authentischer als wenn ein anderer es geschrieben hätte“

In ihrer Biografie „Auf krummen Wegen geradeaus“ erzählt die Tübinger Notärztin erstmals ihre Lebensgeschichte: Von der Kindheit mit dem frühen Tod ihres Vaters, ihrer Promotion im Alter von 37 Jahren bis hin zu ihrem Engagement für Flüchtlinge, Obdachlose und Kinder. „Ich habe das Buch geschrieben, weil ich anderen Menschen Mut machen will“, sagt Federle. Sie selbst hat vier Kinder großgezogen, war phasenweise vollkommen auf sich alleine gestellt, hat dabei aber nie ihren Traum aus den Augen verloren. „Auch in der schwierigsten Zeit wusste ich immer klar: Ich will Ärztin werden.“

Wer mit Federle spricht, merkt schnell: Es geht ihr immer um die Sache. Sich selbst nimmt sie nicht zu wichtig. „Es gibt Leute, die viel mehr geleistet haben“, sagt sie abwinkend, wenn es um die Bekanntheit ihrer Person geht. Das Angebot, eine Biografie zu schreiben, stand bereits vor elf Jahren im Raum - damals wollte sie aber noch nicht an die Öffentlichkeit. In der Zwischenzeit hätten immer mehr Menschen angefragt, ob sie nicht ihre wirklich besondere Lebensgeschichte aufschreiben könnte.

Die Autobiografie von Lisa Federle ist ein einziges Plädoyer für Seitenwege, Neugierde, Empathie und Respekt.

„Zuerst habe ich eine Ghostwriterin beauftragt“, so Federle. Die ersten Leseproben hätten sie dann enttäuscht. „Es war einfach nicht mein Stil und hat mir nicht gefallen“, sagt sie. „Jeder meiner Freunde, denen ich es gezeigt habe, meinte: Das bist nicht du.“ Federle stand also vor der Entscheidung, das Projekt auf Eis zu legen oder selbst tätig zu werden. In den darauffolgenden zwei Monaten saß sie täglich von 23 Uhr bis 1 Uhr nachts an ihrer Biografie. Inzwischen ist sie froh, alles selbst geschrieben zu haben. „Ich glaube, es kommt authentischer rüber, als wenn es jemand anderes geschrieben hätte“, sagt sie. Bereits kurz nach dem Erscheinen war ihr Buch zwischenzeitlich vergriffen. Jetzt ist es auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste.

Lisa Federle: „Ich kann mit einem Obdachlosen genauso reden wie mit einem Professor“

Was Lisa Federle ausmacht: Sie kann, wie sie selbst sagt, „mit einem Obdachlosen genauso reden wie mit einem Professor“. Auch bei der Erziehung ihrer Kinder war ihr der soziale Aspekt unheimlich wichtig. „Die Kinder waren oft im Notdienst dabei und haben mir bei Kleinigkeiten geholfen. Dabei haben sie auch Leid kennengelernt, zum Beispiel wenn es um alte Menschen ging.“ Federle hält es für unabdingbar, dass junge Leute einen Zugang zu sozialen Themen erhalten. „Inzwischen haben alle meine Kinder ihren Weg gemacht und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen. Das zeigt für mich: Man kann berufstätig sein und trotzdem mit Erfolg Kinder großziehen.“

Während ihre Mutter die junge Lisa Federle mit 17 Jahren vor die Tür setzte, schöpfte sie stets viel Kraft aus dem guten Verhältnis zu ihrem Vater. Dieser starb, als sie elf Jahre alt war und hatte ihr zu Lebzeiten das nötige Selbstbewusstsein mitgegeben, um an sich zu glauben.

Lisa Federle: Deutschlands bekannteste Notärztin

Bereits im Jahr 2015, während der Flüchtlingskrise, baute Lisa Federle ein Wohnmobil zu einer rollenden Arztpraxis um und behandelte Menschen vor den Heimen. In der Corona-Pandemie setzte sie von Anfang an auf eine umfangreiche Teststrategie, um vor allem die Menschen in den Pflegeheimen zu schützen. Tübingens Modellversuch „Öffnen mit Sicherheit“ im Februar 2021 katapultierte sie dann endgültig ins Rampenlicht.

Das Interesse an Federles Buch zeigt sich derzeit ungebremst: So war nach der ausverkauften Lesung in Tübingen auch die Lesung in Stuttgart am 11. Mai, bei der sie musikalisch von ihrem Freund Dieter Thomas Kuhn und seiner Band begleitet wurde, ausverkauft. Rund zehn weitere Lesungen an Orten in ganz Deutschland sind geplant. Von Bekannten und Freunden erhält sie derweil ausschließlich positives Feedback für ihr Buch: „Manche haben mir geschrieben, sie hätten herzhaft gelacht, an manchen Stellen aber auch geweint.“

Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa

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