Bauern unter Druck

„Wollt ihr uns veralbern?“ Bauern rechnen mit Heuchelei bei Lidl, Kaufland und Co. ab

Eine Frau greift in einem Supermarkt in einem Kühlregal nach einem Wurst-Produkt.
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Bauernverbände kritisieren, dass Fleisch aus besserer Haltung sich kaum verkauft.
  • Berkan Cakir
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Lidl, Kaufland und Co. wollen künftig Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen anbieten. Bauernverbände sehen damit das Ende vieler Tierhalter kommen - denn die Kunden wollen die teuren Waren nicht kaufen.

Stuttgart - Erst Aldi, dann Lidl, Rewe und auch der Vollsortimenter Kaufland: Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland hat sich zuletzt der Reihe nach mit Ankündigungen übertroffen, mehr Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen ins Sortiment aufzunehmen. Kaufland und Rewe bieten seit Juli kein Frischfleisch aus der Haltungsform 1 mehr an, Lidl hat sich vorgenommen, bis Ende 2021 ab Haltungsform 2 und aufwärts zu verkaufen, und Aldi sieht langfristig vor, nur noch Fleisch aus der Haltungsform 3 und 4 anzubieten.

Der Einzelhandel reagiert damit auf ein vermeintlich verändertes Kundenverhalten. Spätestens seit den zahlreichen Schlachthof-Skandalen in Baden-Württemberg ist das Bewusstsein für Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen geschärft worden. Die Kundenreaktionen spiegeln die Bedürfnisse: Eine Lidl-Kundin zeigte sich zuletzt empört über abgepacktes Fleisch aus Uruguay, und auch ein Kaufland-Kund war empört über den Anblick des Kühlregals, in dem nur Schweinefleisch aus der ersten Haltungsform vorfand.

Kaufland, Lidl und Co. werden vom Bauernverband heftig kritisiert

Jetzt da nun mehr Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen ins Sortiment kommen soll, stehen auch Tierhalter unter Druck. Sie müssen nicht nur für bessere Ställe sorgen, sondern auch hoffen, dass das Fleisch auf dem Markt letztlich abgekauft wird.

Letzteres ist alles andere als selbstverständlich - und Bauernverbände sehen derzeit genau darin das Problem. Leider, schreibt der Bauernverband aus Schleswig-Holstein in einem Facebook-Post, „spiegelt die Realität ein anderes Bild wider: Tierwohl ist auf den Höfen angekommen, aber im Markt nicht loszuwerden“.

Mittlerweile gebe es viel zu viele „Tierwohl-Tiere“ auf dem Schweinemarkt, die niemand abnehmen wolle. In Richtung Lidl, Kaufland und Co. heißt es kritisch: „Und wenn ihr nicht jedes Kilo Tierwohlfleisch zu einem angemessenen Preis loswerdet, dann tragt den Verlust mit Anstand. Steht zu eurem Wort.“

Kaufland, Lidl und Co. belohnen die Tierhalter noch nicht mit dem entsprechenden Honorar, heißt es

Derzeit bekommen es Tierhalter heftig zu spüren. Sie bekämen für ihren Mehraufwand, den sie für die besseren Haltebedingungen betreiben, vom Einzelhandel nicht das entsprechende preisliche Honorar, sagt Dietrich Pritschau, Vizepräsident des Bauernverbands aus Schleswig-Holstein, gegenüber BW24. Überprüfen könne man das zwar nicht - aber: „Höchstwahrscheinlich ist das Fleisch dem Kunden zu teuer, da wird nach dem Preiswerteren gegriffen“, heißt es. Der Aufwand lohne sich unterm Strich also nicht für den Tierhalter.

Für den Bauernlandesverband in Baden-Württemberg ist genau das der Grund, warum die Masse der Tierhalter im Südwesten nicht mitmachen wird. „Der Absatz ist nicht da“, sagt Ariane Amstutz, Pressesprecherin des Verbands, zu BW24. Dabei haben zahlreiche Bauern, die bei den sogenannten „Tierwohl“-Kampagnen bereits mitmachen, hohe Investitionen getätigt. Je nach Haltungsstufe müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden, wie beispielsweise, dass der Auslauf im Freien garantiert ist.

Der Bauernverband in Baden-Württemberg befürchtet, dass viele Tierhalter auf der Strecke bleiben

Hinzu kämen die zahlreichen Klimaschutzregelungen, die den Neubau oder die Erweiterung einer solchen Anlage betreffen. Für Tiere unter diesen Umständen solche Möglichkeiten zu schaffen, kostet die Bauern enorm viel Geld. „Die Bauern haben wahnsinnig viel Geld im sechs- siebenstelligen Bereich investiert, das wieder erwirtschaftet werden muss“, sagt Ariane Amstutz. Gelinge das nicht, würden weitere Höfe schließen müssen: „Viele Tierhalter werden auf der Strecke bleiben.“

Auf Anfrage bei Aldi heißt es, dass das Unternehmen weiter konsequent an der Umstellung auf mehr Tierwohl-Ware arbeite. „Damit steigert Aldi die Abnahme von Ware der Haltungsform 2 in diesem Jahr wie vereinbart deutlich und erfüllt den in der Branchenvereinbarung festgehaltenen Geltungsbereich der umzustellenden Artikel“, so eine Unternehmenssprecherin gegenüber BW24.

Vor den Kühlregalen von Kaufland, Lidl und Co. muss sich letztlich der Kunde entscheiden

Zudem schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme an BW24: „Uns ist bewusst, dass derzeit akut ein Überangebot von Schweinefleisch am Markt besteht.“ Deshalb würden bereits Gespräche laufen, um die Möglichkeiten für eine Entspannung der Situation zu prüfen - etwa durch kurzfristige Ausweitung von Tierwohl-Artikel in verarbeiteten Fleischprodukten. Die Schwarz-Gruppe, zu der neben Kaufland auch der Discounter Lidl gehört, äußerte sich auf Anfrage bisher nicht.

Ariane Amstutz glaubt allerdings nicht daran, dass allein die Abnahme des Fleisches ausreicht. Der Handel dürfe nicht nur fordern, sondern müsse zum einen den Tierhaltern mehr Anreize bieten, wie beispielsweise Direktverträge. Zum anderen hängt es letztlich auch vom Konsumenten ab, der vor dem Kühlregal die Entscheidung treffen muss, ob er etwas mehr für sein Fleisch zahlen will oder nicht.

Update vom 14. Juli, 18.15 Uhr: Bei Twitter hat Kaufland inzwischen auf einen Tweet der Redaktion von BW24 reagiert. In den Tweets heißt es unter anderem: „Seit 1. Juli haben wir unser bisheriges Angebot an frischem Schweinefleisch von Haltungsform Stufe 1 auf Haltungsform Stufe 2 umgestellt. Mit Ausnahme Schweinefilet, Innereien und Rippen werden alle Frischfleischartikel in der Haltungsform Stufe F 2 angeboten. Hinzu kommen eine Reihe von Wurstprodukten.“

Um diese Umstellung der Haltungsform langfristig erfolgreich sicherzustellen, habe man bereits Ende 2020 begonnen, mit den Lieferanten (Schlachtbetrieb und tlw. Landwirte) Liefermengen und dazugehörige Preisvereinbarungen auszuarbeiten und habe diese frühzeitig vertraglich vereinbart. „Diese vereinbarten Mengen nehmen wir zu 100 Prozent ab und bezahlen exakt die vereinbarten Aufschläge auf die Schweinehälften, Teilstücke und Verarbeitungsware“, heißt es von Kaufland. „Bei direkten Vertragsbeziehungen zur Landwirtschaft, bezahlen wir den ITW-Bonus direkt an die jeweiligen Landwirte, ansonsten an die Schlachtbetriebe.“

Die Tweets von Kaufland in der Übersicht:

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