Discounter-Chef will „pragmatische Lösung“

Billigpreise bei Lidl: Zornige Bauern blockieren Lager und Zentrale mit Traktoren - Protestwelle bricht los

Ein Traktor, an dem ein Transparent mit der Aufschrift „Lebensmittel sind keine Ramschwaren“ befestigt ist, blockiert die Zufahrt zum Zentrallager von Lidl.
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Traktoren mit Transparenten blockieren die Zufahrt vom Zentrallager von Lidl.
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Landwirte haben mit Hunderten Traktoren vor der Neckarsulmer Lidl-Zentrale und weiteren Logistikzentren gegen die Preispolitik des Discounters protestiert.

Neckarsulm/Cloppenburg - Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat nicht nur fatale Folgen für die Wirtschaft, sondern auch für die Landwirtschaft. Die Pandemie verstärkt den Druck, der ohnehin schon auf vielen Bauern lastet. Aus einem spontanen Protest von Hunderten Landwirten vor dem zentralen Lidl-Lager in Cloppenburg (Niedersachsen) ist mittlerweile eine ganze Protest-Welle geworden. Auch vor der Firmenzentrale von Lidl in Neckarsulm hat es einen großen Aufstand gegeben. Zahlreiche Bauern gehen derzeit in ganz Deutschland auf die Barrikaden und machen ihrem Ärger über die Niedrigpreispolitik des Discounters Luft.

In Cloppenburg blockierten nach Protesten am Sonntag auch am Dienstag Hunderte Traktoren die Zufahrt zum Zentrallager von Lidl. Im benachbarten Emstek beteiligten sich bis zu 40 Traktoren an der Blockadeaktion. Auch vor den Toren der Firmenzentrale von Lidl in Neckarsulm, knapp 60 Kilometer entfernt von der Landeshauptstadt Stuttgart, rollten Traktoren vor. Hinzu kamen weitere Demonstrationen - die Protestwelle schwappte auf betroffene Bauern in ganz Deutschland über. Wie ein Sprecher der Bewegung der Deutschen Presseagentur (dpa) mitteilte, fordere man eine Diskussion auf Augenhöhe. Bereits Ende Oktober hatten in Baden-Württemberg Landwirte aus Protest Lidl, Aldi und Edeka blockiert.

Lidl: Bauern protestieren mit Traktoren gegen Niedrigpreise

Auslöser für die heftigen Proteste war ein Brief der Topmanager von Lidl und weiteren großen Supermarkt-Ketten an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die deutschen Handelsketten hatten sich über eine Äußerung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner beschwert. Wie die dpa mitteilte, hatte die CDU-Politikerin vergangene Woche einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, mit dem Landwirte und kleinere Lieferanten besser vor dem Preisdruck der Handelsriesen geschützt werden sollen. Darin hatte Klöckner von teils unfairen Bedingungen gesprochen.

Die Forderung von Julia Klöckner nach faireren Preisen stieß bei den Supermarkt-Riesen auf Ablehnung. Manager von Lidl, Edeka, Rewe, Aldi und Co. beschwerten sich in ihrem Brief an die Bundeskanzlerin, Klöckner habe ein „Zerrbild der Handelsunternehmen“ gezeichnet. Landwirte in Deutschland und Baden-Württemberg macht das wiederum wütend.

Lidl bestätigt Gesprächsbereitschaft - stellt jedoch Bedingungen

Ein Sprecher der Bauern-Protestbewegung „Land schafft Verbindung“ (LSV) in Niedersachsen, Anthony Lee, kündigte gegenüber der dpa an, dass die Proteste weitergehen sollen. Seine Forderung: Der Chef der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), Klaus Gehrig, solle von Neckarsulm nach Cloppenburg kommen. Lidl bestätigte daraufhin eine prinzipielle Gesprächsbereitschaft. Jedoch sah sich der Discounter nicht alleine in der Pflicht und forderte zu einem branchenweiten Dialog auf, der „mit allen Verhandlungspartnern entlang der Lieferkette geführt wird“, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber der Heilbronner Stimme am Mittwoch erklärte.

Die Protestaktionen der Bauern bei Lidl verliefen bislang weitgehend friedlich. In der Nacht zum Dienstag kam es jedoch zu einem tragischen Unfall in Emstek, bei dem eine 17 Jahre alte Traktorfahrerin mit ihrem Trecker umkippte und sich schwer verletzte, wie ein Polizeisprecher der dpa berichtete.

Proteste gegen Lidl: Landwirtschaftsministerin Klöckner mit Video-Botschaft an Bauern

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner wandte sich in einer Video-Botschaft auf Facebook das Wort an die Landwirte: „Liebe Bauern und liebe Bäuerinnen, ich verstehe euch“, betont sie dort. „Die Preise im Handel sind alles andere als wertschätzend.“ Sie könne den Zorn und die Blockaden der Warenlager verstehen. Das Video endet mit dem Versprechen Klöckners, dass sie mit den Verantwortlichen bei Lidl sprechen werde - „und dass sie mit euch sprechen.“

„Der Lebensmitteleinzelhandel soll Farbe zur Landwirtschaft und höheren Preisen bekennen“, kommentierte ein Facebook-Nutzer unter dem Video von Julia Klöckner. „Faire Gespräche stehen am Anfang und am Ende zufriedener Landwirte, wenn unsere Produkte gut bezahlt werden.“

Am Mittwoch schließlich meldete sich Lidl-Chef Klaus Gehrig umfassender zu Wort. In einem Schreiben an die anderen großen Handelsketten, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sowie Vertreter von Handel und Landwirtschaft forderte der Chef der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) jetzt einen „Dringlichkeitsgipfel“, um konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der Landwirte auf den Weg zu bringen. Das teilte der Discounter laut dpa mit. Gehrig sagte, nur ein gemeinsames Vorgehen von Produktion, Verarbeitung, Handel und Politik könne eine Lösung bringen. Er wolle pragmatische und unbürokratische Lösungen suchen.

Der Lidl-Chef fand für die Bauernproteste aber auch deutliche Worte: „Wir haben eine Verantwortung den Verbrauchern gegenüber. Lange Blockaden erhöhen das Risiko, nicht ausgelieferte Lebensmittel vernichten zu müssen. Daran kann niemandem gelegen sein.“ Er warnte laut dpa auch, solche Proteste dürften nur eine Ausnahme sein.

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