1. bw24
  2. Baden-Württemberg

„Mangelnde Flexibilität“ – Tausende Lehrer in Baden-Württemberg entlassen

Erstellt:

Von: Jason Blaschke

Kommentare

Zum 29. Juli verlieren Tausende Lehrkräfte in Baden-Württemberg ihren Job – nur, um ab September wieder eingestellt zu werden. Das sei „eine Schande“, sagen Experten.

Stuttgart – Der 29. Juli 2022 ist für die Schüler in Baden-Württemberg der Beginn der lang ersehnten Sommerferien. Sechs Wochen lang keine Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Tests. Ein Segen, gerade jetzt, wo auch im Südwesten die Temperaturrekorde fallen. Für etwa 8.000 bis 9.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg ist der 29. Juli allerdings ein schwarzer Tag, denn sie rutschen für ganze sechs Wochen in die Erwerbslosigkeit.

GEW-Kritik: Land hat kein Geld für Lehrer, aber 21 Millionen für „The Länd“

Wie schon im vergangenen Jahr entlässt das Land Baden-Württemberg angestellte Lehrer, um sie ab September dann wieder neu einzustellen. Der Staat als Arbeitgeber will mit dieser Masche Lohnkosten sparen – „eine Schande“, sagte Monika Stein, Vorsitzende im Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dazu in Stuttgart. Die grün-schwarze Landesregierung sei ein Arbeitgeber ohne Verantwortung.

Die GEW-Landesvorsitzende weiter: „Das Land Baden-Württemberg gibt für die Kampagne The Länd 21 Millionen Euro aus, um gute Fachkräfte ins Land zu holen, die eigenen werden in den Sommerferien entlassen.“ Kein anderes Bundesland wende diese Praxis in einem solchen Ausmaß an, wie Baden-Württemberg. Stein warnt im Hinblick auf die The-Länd-Kampagne, dass auf diese Weise die Fachkräfte abwandern statt kommen.

Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg.
Kämpft für die Tausenden Lehrkräfte, die seit 29. Juli arbeitslos sind: Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg. © Sebastian Gollnow/dpa

Baden-Württemberg muss um Lehrer fürchten – unbefristete Verträge in Berlin

„In Berlin bekommen befristet Beschäftigte aus Baden-Württemberg sofort einen unbefristeten Vertrag, mit der Perspektive einer Verbeamtung in der attraktiven Bundeshauptstadt, in der sogar die Wohnungspreise zumeist noch günstiger sind als in Stuttgart“, sagt Stein. In der Landesregierung um Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) beklagt man sich in der Debatte indes über eine „mangelnde Flexibilität“ vonseiten der Lehrkräfte.

Vom Kultusministerium heißt es SWR-Berichten zufolge, dass die Debatte „mit sehr viel Emotionen geführt werde“ und des Öfteren Fakten übersehen werden. Zum einen gehörten zu der Gruppe der rund 4.200 befristet Lehrkräfte in Baden-Württemberg auch 450 pensionierte Lehrer, die in den Sommerferien normal ihre Pension bekommen würden. Zum anderen zählten auch etwa 1.100 fertig ausgebildete Lehrkräfte dazu, die man sehr gerne dauerhaft und unbefristet einstellen würde.

Landesregierung weist Vorwürfe zurück: Es liegt an „mangelnder Flexibilität“

Das Problem aus Sicht der Landesregierung: „Hier fehlt teilweise die Flexibilität, Stellen anzunehmen, die außerhalb von beliebten Regionen liegen. Dort gibt es genügend Stellen und die Personen könnten fest auf eine Stelle genommen werden.“ Ein Argument, das viele Betroffene nicht nachvollziehen können. Sophie Hesse (Name geändert) etwa hat in den vergangenen sechs Jahren in Baden-Württemberg als Gymnasiallehrerin gearbeitet – immer unter befristeten Verträgen.

Zur GEW sagt sie: „Am Ende jedes Schuljahres musste ich zum Amt, um dann bei Schulbeginn sechsmal wieder durch die Probezeit zu müssen.“ Ihre Kollegin, die Pädagogin Marijke Clark, ergänzt: „Für das Land sind wir offenbar Lückenfüller, die nach getaner Arbeit in die Erwerbslosigkeit entlassen werden.“ Die Praxis der baden-württembergischen Landesregierung im Umgang mit Lehrkräften, die befristet angestellt sind, wertet sie als „ein Zeichen mangelnder Wertschätzung“.

Für das Land sind wir offenbar Lückenfüller.

Marijke Clark, Pädagogin aus Baden-Württemberg

GEW-Landesvorsitzende kritisiert Landesregierung: „Wir haben genug Geld“

Denn an den finanziellen Mitteln mangelt es der Landespolitik aus Sicht von Monika Stein nicht. „Wir haben genug Geld in Baden-Württemberg. Aber das wird an anderer Stelle ausgegeben.“ Ähnlich sieht es die SPD im Stuttgarter Landtag. In einem Beitrag auf Twitter schreibt die Fraktion, dass die Entlassung Tausender Lehrkräfte eine Frechheit sei und geändert gehöre. Zumal es im Grünen-Wahlprogramm noch hieß, dass „Lehrkräfte ihre Bezahlung erhalten sollten“.

Doch offenbar messe das grün-schwarze Kabinett der Bildungspolitik in Baden-Württemberg nicht den Stellenwert bei, welcher ihr auch außerhalb von Wahlkampfzeiten zukommen müsse, sagt Stein. Unterstützung bekommt die GEW-Landesvorsitzende von der Facebook-Community. „Ich empfinde es entwürdigend. So geht man nicht mit Menschen um. Sehr traurig und beschämend“, schreibt etwa eine Userin.

Facebook-Community stellt sich auf die Seite der GEW: „Wir brauchen die Lehrer“

Und Nikolaos Sakellariou, Inhaber der Kanzlei im Karl-Kurz-Haus RAGmbH in Schwäbisch Hall, macht auf Facebook klar, dass „Baden-Württemberg riskiert, seine Lehrer in den Sommerferien an andere Bundesländer zu verlieren.“ Das zeuge einmal mehr von der Selbstüberschätzung in „The Länd“, findet Sakellariou und bekommt von anderen Facebook-Nutzern viel Zuspruch. „Wir brauchen die Lehrer“, antwortet etwa ein User und ergänzt: Die Lehrer benötigen auch Planungssicherheit.“

Auch interessant

Kommentare