Diskriminierender Begriff

Knorr benennt „Zigeunersauce“ um - doch die Betroffenen finden: Es gibt viel Wichtigeres

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Der Lebensmittelhersteller Knorr aus Heilbronn benennt seine „Zigeunersauce“ um, weil der Begriff Minderheiten diskriminiert. 2013 hatte sich das Unternehmen noch dagegen gewehrt.

  • Das Unternehmen Knorr nennt seine beliebte „Zigeunersauce" um - der Begriff ist diskriminierend.
  • „Zigeuner" wird auch für die in Deutschland lebenden Sinti und Roma benutzt, die den Begriff ablehnen.
  • In der Küche gibt es die Sauce schon seit über 100 Jahren, das Rezept hat mit den Sinti und Roma allerdings nichts zu tun.

Heilbronn - Seit dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd während einer Polizeikontrolle demonstrieren wieder mehr Menschen gegen Rassismus und Diskriminierung. Auch in Deutschland und Baden-Württemberg gab es deshalb Demonstrationen und Diskussionen. In Stuttgart benannten Unbekannte über Nacht den Bismarckplatz um - in George Floyd Platz.

Das war aber nicht die einzige Aktion, die in Stuttgart gegen Rassismus stattfand. Auch im Stadtteil Stuttgart-Möhringen wurde diskutiert: Tausende forderten, dass ein rassistisches Symbol vom Wappen des Stadtteils verbannt wird. Auf dem Wappen ist der Kopf eines „Mohren“ abgebildet. Über 10.000 Menschen haben bislang eine Petition gegen das Wappen unterzeichnet.

Lebensmittelhersteller Knorr aus Heilbronn: Aus „Zigeunersauce“ wird „Paprikasauce ungarischer Art“

Jetzt hat die Diskussion um rassistische und diskriminierende Begriffe auch den Lebensmittelhersteller Knorr erreicht. Das Unternehmen mit Sitz in Heilbronn ist unter anderem für seine Grillsaucen bekannt, darunter auch eine mit dem Namen „Zigeunersauce“. Dabei handelt es sich allerdings um einen diskriminierenden Sammelbegriff  für verschiedene Volksgruppen, die wohl von Indien vor allem nach Südosteuropa übersiedelten. Deshalb will Knorr die Sauce jetzt umbenennen.

In Zukunft wird es in deutschen Supermärkten also keine „Zigeunersauce“ von Knorr mehr geben. „In ein paar Wochen finden Sie diese als ‚Paprikasauce Ungarische Art‘ im Regal“, erklärte Unilever, der Mutterkonzern von Knorr, auf Anfrage der „Bild am Sonntag“. „Da der Begriff ‚Zigeunersauce‘ negativ interpretiert werden kann, haben wir entschieden, unserer Knorr Sauce einen neuen Namen zu geben“, so Unilever.

Die „Zigeunersauce" von Knorr wird künftig nicht mehr in Supermarkt-Regalen zu finden sein.

Auch die in Deutschland lebenden Minderheiten der Sinti und Roma werden oft abwertend als „Zigeuner“ bezeichnet. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma lehnt diesen Begriff vehement ab. „Zigeuner ist eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird – so haben sich die Sinti und Roma nämlich niemals selbst genannt“, heißt es auf deren Homepage.

Problematisch an dem Wort ist allerdings nicht nur, dass sich die Betroffenen diesen Namen nicht selbst gegeben haben. „Die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ist untrennbar verbunden mit rassistischen Zuschreibungen, die sich, über Jahrhunderte reproduziert, zu einem geschlossenen und aggressiven Feindbild verdichtet haben, das tief im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist“, so der Zentralrat. Im Duden wurde beispielsweise noch bis 1986 unter dem Wort „Zigeuner“ auch auf „Abschaum“ oder „Vagabund" verwiesen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma äußerte sich positiv zu der Entscheidung von Knorr, seine „Zigeunersauce“ umzubenennen. „Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert“, betonte der Vorsitzende Romani Rose gegenüber der „Bild am Sonntag“. Ihm selbst bereite allerdings der wachsende Antiziganismus in Deutschland und Europa größere Sorgen. „Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit“, so Romani Rose. Viel wichtiger sei es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, „wenn etwa in Fußballstadien ‚Zigeuner‘ oder ‚Jude‘ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird.“

Knorr benennt "Zigeunersauce" um - Rezept entstammt gar nicht der Küche von Sinti und Roma

Der Begriff „Zigeunersauce" kommt in deutschen Küchen bereits seit mehr als 100 Jahren vor. Laut dpa ist er schon 1903 im Nachschlagebuch für die klassische Küche von Escoffier zu finden. Er bezeichnet eine würzige, scharfe Sauce mit stückigen Einlagen und wird heute in der Regel aus Tomaten hergestellt, häufig mit Paprika, Zwiebeln, Essig und Gewürzen. Das Verrückte daran: Laut Sinti und Roma stammt die Sauce überhaupt gar nicht aus deren Küche.

Die Tatsache, dass die „Zigeunersauce“ von Knorr jetzt umbenannt wird, ist der Erfolg einer jahrelangen Diskussion, die nicht erst seit dem Mord am US-Amerikaner George Floyd geführt wird. Im Jahr 2013 hatte Knorr eine Namensänderung noch abgelehnt. Selbst der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte zu der Zeit vor einer dogmatischen Sprachregelung gewarnt und wollte nicht, dass „Zigeuner“ einfach durch „Sinti und Roma“ ersetzt wird.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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