Klinken im Südwesten überlastet

Kinderpsychiatrien wegen Corona am Limit: „Müssen uns mit Feldbetten behelfen“

Ein Jugendlicher steht vor dem Fenster und blickt hinaus
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Kinder und Jugendliche leider unter den Folgen des Corona-Lockdowns.
  • Berkan Cakir
    VonBerkan Cakir
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Kinder und Jugendliche hatten lange unter den Lasten des Corona-Lockdowns zu leiden. In Baden-Württembergs Psychiatrien werden die Ausmaße jetzt deutlich.

Stuttgart - Bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der Corona-Pandemie stand fest, dass von der Krankheit vor allem ältere Menschen schwer betroffen sind. Monatelang zielten die Maßnahmen darauf ab, Senioren und vorerkrankte Menschen vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen. Nach spätestens mehr als einem Jahr zeigen sich nun die Auswirkungen der Pandemie auch auf die jüngeren Menschen.

In Baden-Württemberg sind die Schulen seit Mitte April wieder im Präsenzunterricht - allerdings mit Einschränkungen. Zuvor wurden Kinder und Jugendliche monatelange im Homeschooling unterrichtet, was vielerorts kritisch gesehen wurde. 9.000 Eltern und Ärzte forderten deshalb die Schulen* (BW24* berichtete) bedingungslos wieder zu öffnen. Denn bereits früh stand es dramatisch um die Motivation der Schüler*. Nun zeigen sich die psychologischen Folgen des Lockdowns auch in den Psychiatrien im Land.

Krankenhäuser im Südwesten bis auf zwei Kliniken sind „extrem ausgelastet“

Gegenüber der Stuttgarter Zeitung berichtet Gunter Joas, Chefarzt am Klinikum in Esslingen, von einem Treffen der Landesarbeitsgemeinschaft der leitenden Chefärztinnen und Chefärzte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Lage in der stationären Einrichtungen beschreibt Joas als „extrem angespannt“. Bis auf zwei Kliniken seien alle Krankenhäuser im Südwesten „extrem ausgelastet mit einer hohen Notaufnahmequote“.

Derzeit hofften die Ärzte in den Sommerferien auf ein „kurzes Durchatmen“. Die Auslastungsquote läge derzeit bei 120 Prozent, darunter viele Kinder und Jugendliche mit schweren Symptomen. Die Ärzte beobachteten eine „übermäßige Zunahme von suizidalem Verhalten“ bei den jungen Patientinnen und Patienten. „Coronabedingt nehmen insbesondere die Diagnosen von Angst-, Zwangs- und Essstörungen massiv zu“, so Gunter Joas.

Vor allem die ambulante Psychotherapie stelle ein großes Problem dar. Der Andrang sei so groß, dass die Esslinger Klinik sich mittlerweile mit Feldbetten behelfen müsse, so Gunter Joas. In anderen Kliniken im Land zeichnet sich die Lage weniger extrem. Das Klinikum in Stuttgart bestätige indes, dass die Zahlen der jungen Patienten gestiegen seien. „Auffällig sind die häufiger auftretenden sehr schweren Fälle. Durch die Coronapandemie kommen Kinder und Jugendliche erst verspätet zu uns, die Erkrankung ist dann schon weiter fortgeschritten. Entsprechend aufwendiger ist dann auch die Therapie“, sagt Michael Günter, der ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Stuttgarter Zeitung.

Ärzte pochen zur Entlastung auf gestaffelte Beratungsangebot

Professor Jörg Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Ulm, betont, dass man zur Lösung nicht darauf warten könne, bis Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern aufgestockt werden. „Das würde fünf bis zehn Jahre dauern. Das bringt jetzt nichts“, sagt Fegert der Stuttgarter Zeitung. Stattdessen schlägt der Professor ein gestaffeltes Beratungsangebot vor. Dabei sollen Beratungsstellen in die Abklärung einbezogen werden, wie dringend ein Fall ist.

Das Sozialministerium betont, dass man die Situation derzeit genau beobachte. Wegen der Coronafolgen habe man das Familienberatungsprogramm „Stärke“ erweitert. Was die stationäre Unterversorgung anbelangt, geht das Ministerium von einer baldigen Besserung aus. Die Bettenzahlen würden sich „in den kommenden Jahren weiter deutlich erhöhen“, so ein Sprecher zur Stuttgarter Zeitung. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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