Impfstrategie im Ausland

Junge und Lehrer zuerst: Diese Länder gehen bei der Corona-Impfung völlig anders vor als Deutschland

  • Lisa Schönhaar
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Der Impfstoff ist die wichtigste Waffe im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg und auf der ganzen Welt. Die Impfstrategie jedoch ist weltweit von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Stuttgart - Seit Februar 2020 bestimmt das Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) das Leben und den Alltag der Bürger im Land. Im Laufe des Jahres wurden regelmäßig neue Maßnahmen zum Infektionsschutz* wie Kontaktbeschränkungen und eine strengere Maskenpflicht eingeführt - aktuell wurden im Zuge des verlängerten Lockdowns die Corona-Regeln in Baden-Württemberg sogar noch weiter verschärft*. Experten betonten jedoch schon zu Beginn der Corona-Pandemie, dass eine Rückkehr zur Normalität nur mit einem Impfstoff möglich sei.

Corona-Impfung: Die verschiedenen Länder setzen unterschiedliche Prioritäten

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer wurde in Deutschland noch vor Weihnachten zugelassen. Am 27. Dezember wurde in Baden-Württemberg die erste Person gegen das Coronavirus geimpft. Ministerpräsident Winfried Kretschmann* sprach im Rahmen des Impfstarts von einem „Meilenstein“. Doch schon früh gab es auch Kritik an der Impfstrategie des Landes: Ende Dezember drängten Impf-Touristen nach Baden-Württemberg*, was Politiker erzürnte. Die Vergabe der Impftermine läuft nicht so reibungslos wie geplant und viele Menschen fragen sich, wie und wann sie einen Termin zum Impfen bekommen. Ein Tool zur Berechnung der eigenen Impfpriorität des Start-ups Omnicalculator* soll Abhilfe schaffen. Über den Impftermin-Rechner berichtet unter anderem Echo24*.

Da aktuell nicht genug Impfstoffdosen für alle Bürger verfügbar sind, wird in Deutschland nach einem festgelegten Impfsystem vorgegangen. Nach diesem Konzept erhalten derzeit Personen ab 80 Jahren sowie Pflegekräfte und Ärzte den Wirkstoff – alle anderen Personengruppen müssen noch auf die Impfung warten. Die deutsche Impfstrategie unterscheidet sich teils stark von der Vorgehensweise anderer Länder.

Wann kann man sich impfen lassen? So unterschiedlich ist die Impfstrategie in anderen Ländern

LandImpfstrategie
DeutschlandÜber 80-Jährige werden zuerst geimpft, Pflegeheimbewohner, medizinisches Personal, weitere Risikogruppen, dann alle anderen
Vereinigte Arabische EmirateKeine Priorisierung - alle Erwachsenen können sofort geimpft werden
IndonesienDie Jüngeren zwischen 18 und 59 werden zuerst geimpft - Gefängnis und Geldstrafe bei Verweigerung
MexikoZuerst medizinisches Personal und Lehrer
GuineaHochrangige Politiker wurden zuerst geimpft
TansaniaKeine Impfung - stattdessen Heilkräuter
IsraelÄltere und Risikogruppen zuerst - Massenimpfungen durch zentrales Gesundheitssystem
IndienAngehörige gefährdeter Berufsgruppen, dann Risikogruppen - Massenimpfungen durch Organisation mittels App
SüdafrikaMitarbeiter im Gesundheitswesen, dann systemrelevante Berufe, dann Risikogruppen
BrasilienZuerst Alte, Angestellte im Gesundheitssektor, chronisch Kranke, Lehrer und Sicherheitskräfte - Anti-Impfkampagne durch Präsident Bolsonaro
ChinaMenschen mit hohem Infektionsrisiko im Beruf werden zuerst geimpft- Angestellte im Gesundheitssystem, auf Märkten, im öffentlichen Nahverkehr

Während die Impfstrategie in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern die Impfung der ältesten Bevölkerungsgruppe ab 80 priorisiert, werden in Indonesien zuerst die Jüngeren gegen das Coronavirus geimpft. Nach medizinischem Personal, Beamten und religiösen Führern sind dort die 18- bis 59-Jährigen mit dem Impfen an der Reihe - noch vor Älteren und Risikogruppen.

Das hat mehrere Gründe: Der chinesische Impfstoff gegen Covid-19 wurde in Indonesien zunächst nur an der jüngeren Altersgruppe getestet. Zudem soll die Impfstrategie dabei helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die arbeitende Bevölkerung soll sich sicher dabei fühlen, wieder zur Arbeit zu gehen, dabei aber nicht Covid-19 nach Hause zu den Älteren zu bringen - viele Indonesier leben in Mehr-Generationen-Haushalten. Der Impftermin kommt per SMS. Wird er nicht wahrgenommen, drohen ein Jahr Gefängnis und umgerechnet rund 6.000 Euro Bußgeld.

Anders als die Impfstrategie in Deutschland: Arabische Emirate impfen gesamte Bevölkerung ohne Priorisierung

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate gehen bei der Impfung der Bevölkerung einen anderen Weg als Deutschland. Dort wird in keiner Weise priorisiert - weder nach Alter, noch nach Berufsgruppen. Jeder Bürger kann sich für einen freien Impftermin registrieren und sich anschließend in privaten und öffentlichen Kliniken oder in einem Krankenhaus gegen das Coronavirus impfen lassen.

Mexiko ist nach offiziellen Zahlen das Land mit den viertmeisten Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Mexiko hatte am 24. Dezember als erstes Land Lateinamerikas seine Impfkampagne gestartet. Dennoch hat es nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) eine der niedrigsten Pro-Kopf-Raten unter den Staaten, die inzwischen impfen. Laut RND werden in Mexiko zuerst Ärzte, Pfleger und Lehrer geimpft - womöglich, um das Bildungssystem zu stützen.

Während in den Industrienationen wie Deutschland die Impfungen bereits auf Hochtouren laufen, wird in Ländern wie Afrika noch kaum geimpft. In Guinea etwa wurde Impfstoff erst an mehrere Dutzend Personen verabreicht - nach Informationen des Spiegels wurde die russische Impfung dort zunächst an einige hochrangige Politiker verteilt.

In ganz Afrika steigt die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Doch für John Magufuli, Staatspräsident von Tansania, gibt es in dem Land keine Corona-Pandemie mehr - seit dem Frühjahr sei das Land frei von Covid-19, teilte die Regierung im Sommer mit. Dementsprechend existiert auch keine Impfstrategie für die Bevölkerung: Statt auf eine Impfung setzt man in Tansania auf Heilkräuter.

Impfstrategie in Deutschland im Vergleich mit Israel - höchste Impfrate gegen Coronavirus

Auch Israel verfolgt eine besondere Strategie im Umgang mit dem Coronavirus. Zwar werden auch dort - wie bei der Impfstrategie in Deutschland - zuerst Ältere und Risikogruppen geimpft, allerdings in Form von Massenimpfungen. Rund zwei Wochen nach dem Beginn der Impfungen hat Israel sich an die Spitze der Länder mit der höchsten Impfrate gegen Covid-19 gesetzt und ist damit ins weltweite Rampenlicht gerückt.

Als Gründe für die schnelle landesweite Impfung in Israel gelten die relativ kleine Größe des Landes mit nur rund neun Millionen Einwohnern sowie die Verfügbarkeit von Impfstoff und das digitalisierte Gesundheitssystem. Es ist zudem Pflicht, Mitglied in einer der vier Krankenkassen zu sein, die selbst Kliniken betreiben. An sieben Tagen pro Woche werden Bürger in Kliniken, Krankenhäusern und speziell eingerichtete Impfzentren geimpft.

Bisher weist kein Land der Welt außer den USA so hohe Corona-Fallzahlen auf wie Indien. Priorität haben in der indischen Impfstrategie zunächst Angehörige besonders gefährdeter Berufsgruppen – vor allem aus dem Gesundheitswesen. Anschließend sind über 50-Jährige und andere Risikogruppen an der Reihe. Nach den Plänen der Regierung sollen bis zum Sommer 300 Millionen Menschen gegen das Coronavirus geimpft sein. Organisiert werden die Termine für diese Massenimpfung mit einer App.

Impfstrategie gegen Coronavirus in Brasilien: Präsident sabotiert Impfkampagne des Landes

Lange nach dem Impfstart in Deutschland hat nun auch Brasilien mit der Impfkampagne gegen das Coronavirus begonnen. Der Plan der Regierung sieht vor, in der ersten Impfphase alte Menschen, Angestellte im Gesundheitssektor, chronisch Kranke, Lehrer und Sicherheitskräfte zu impfen. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro jedoch sät aktiv Zweifel an der Impfstrategie und dem Impfstoff. „Wir sind nicht verantwortlich für Nebenwirkungen des Impfstoffs“, sagte Bolsonaro laut Frankfurter Rundschau*. „Er kann sie in ein Krokodil verwandeln, und das ist dann Ihr Problem.“ Brasilien hat einen vergleichsweise niedrigen Bildungsstand, die Zahl der Impfgegner wächst – obwohl schon mehr als 210.000 Brasilianer an Covid-19 gestorben sind.

Die Impfstrategie in China ist in drei Stufen gegliedert: Zuerst werden Menschen geimpft, die aufgrund ihres Berufs einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind – wie Angestellte im Gesundheitssektor, auf Märkten und im öffentlichen Nahverkehr. Risikogruppen, die aufgrund ihres Alters oder durch Vorerkrankungen besonders gefährdet sind, werden in der zweiten Phase geimpft, die restliche Bevölkerung ist in der dritten und letzten Impf-Gruppe. Dabei setzt China im Kampf gegen das Coronavirus ausschließlich auf im Land produzierte Impfstoffe - obwohl die klinischen Studien dazu nicht abgeschlossen wurden.

Um das Coronavirus in Baden-Württemberg einzudämmen, appellierte Ministerpräsident Winfried Kretschmann bereits zum Impfstart im Dezember an die Bevölkerung und forderte sie auf, sich impfen zu lassen. „Ich werbe [...] mit Nachdruck für das Impfen und rufe die Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich impfen zu lassen“, sagte Kretschmann in einer Ansprache. „Denn nur, wenn sich etwa 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger impfen lassen, erreichen wir die Herdenimmunität“. Alle relevanten Informationen zur Impfung und zur Anmeldung in Stuttgart und Baden-Württemberg* haben wir in unserer Übersicht zusammengefasst. *BW24, Echo24 und Frankfurter Rundschau sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Benoit Doppagne/dpa

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