Urzeitkrebse gefunden

400 Millionen Jahre altes Leben am Grund eines Sees in Baden-Württemberg entdeckt

Der Eichener See und ein Glas mit den Urzeitkrebsen
+
Im Eichener See in Baden-Württemberg wurden Urzeitkrebse entdeckt, die 400 Millionen Jahre alt sind.
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
    schließen

Der Eichener See ist ein Gewässer, das nur existiert, wenn es viel geregnet hat. In diesem temporären See leben kleine Urzeitwesen: Die Feenkrebse sind 400 Millionen Jahre alt.

Schopfheim/Lörrach - Mal ist er da, dann ist er wieder weg: der Eichener See in Schopfheim bei Lörrach in Baden-Württemberg. Der Eichener See liegt rund 200 Kilometer südlich von der Landeshauptstadt Stuttgart entfernt. Er ist ein temporärer See, es gibt ihn nur, wenn es in der Gegend besonders viel regnet oder Tauwasser durch Schneeschmelze anfällt.

Nach unten hin könne das Wasser wegen einer undurchlässigen Schicht nicht gut abfließen, wie der örtliche Naturschutzwart Hartmut Heise der Deutschen Presseagentur (dpa) erklärt. Wenn diese Schicht überläuft, erscheint der See. Nach einiger Zeit trocknet er wieder aus.

Doch das ist nicht die einzige Besonderheit, die den Eichener See in Baden-Württemberg ausmacht: In ihm leben kleine Urzeittierchen, die sogenannten Feenkrebse. Unzählige dieser Urzeitkrebse tummeln sich derzeit im Eichener See in Südbaden, obwohl das Gewässer sonst die meiste Zeit über gar nicht existiert.

Urzeitkrebse in Baden-Württemberg: Eichener See derzeit so groß wie lange nicht

Der Stuttgarter Zeitung sagte der Naturschutzwart Hartmut Heise: So groß wie der Eichener See momentan ist, sei er jahrelang nicht gewesen. Etwa 270 Meter lang und 150 Meter breit ist der See bei Schopfheim. Nach einer gewissen Zeit „verkrümelt der See sich wieder in sein unterirdisches Labyrinth“ aus Höhlen in der Muschelkalklandschaft. Die Region rund um Schopfheim ist nicht nur wegen der Feenkrebse bekannt. Ein anderes Tier plagt die Kleinstadt Bad Säckingen, Waldshut-Tiengen sowie Schopfheim selbst: Aufgrund des Coronavirus finden Nager in den Städten keine Nahrung mehr und verursachen deswegen eine Rattenplage in den Wohngebieten.

Wie das Überleben der Feenkrebse in einem so ungewöhnlichem Gewässer wie dem Eichener See möglich ist, erklärte Hans Pellmann, Biologe und Leiter des Museums für Naturkunde in Magdeburg, der dpa: Die schätzungsweise 400 Millionen Jahre alte Art habe dazu eine besondere Strategie entwickelt. Schlüssel sei eine spezielle Dauerform, die sich aus den Eiern entwickle und jahrelange Trockenheit überstehe. Erst im vergangenen Jahr erlebte Deutschland ein extremes Wetterphänomen: Die Dürre, wie es sie seit 250 Jahren nicht gab, könnte 2021 noch schlimmer werden - den Feenkrebsen macht dies jedoch nichts aus.

Die Feenkrebse aus dem Eichener See überleben extreme Trockenheit

Die Weibchen der Feenkrebse aus dem Eichener See, die im Fachjargon „Tanymastix stagnalis“ heißen, legten Eier ins Wasser ab, in deren Schale die Weiterentwicklung zu Zysten erfolge, erklärte Biologe Hans Pellmann. Diese Dauerform harre dann auf der Grasnarbe aus. Laut der Stuttgarter Zeitung überstehen diese Zysten problemlos das Austrocknen des Sees und überleben es sogar, dass ein Bauer einmal im Jahr die Wiese mäht. „Die Dauerform erlaubt es den Tieren, solche extremen Biotope zu besiedeln, die nur selten und dann auch nur kurzzeitig mit Wasser gefüllt sind“, sagte Pellmann der Zeitung.

Füllt sich der Eichener See wieder, schlüpfen innerhalb weniger Tage Feenkrebs-Larven. Nach drei bis vier Wochen seien die Tiere ausgewachsen und könnten sich paaren. Während ihres kurzen Lebens seien die Rückenschwimmer ununterbrochen in Bewegung, erzählte der Biologe der Stuttgarter Zeitung. Mit ihren elf Beinpaaren strudelten sie sich Plankton in die Bauchrinne, von wo aus die Nahrung zur Mundöffnung gelange. Dort werde die Nahrung dann zerkleinert und in den Verdauungstrakt gedrückt, so Pellmann.

Die Feenkrebse sind eine von elf bekannten Arten von Urzeitkrebsen in Deutschland

Die Feenkrebse aus dem Eichener See in Baden-Württemberg sind, laut Museumsleiter Hans Pellmann, eine von elf bekannten Arten von Urzeitkrebsen in Deutschland, wovon zwei jedoch vermutlich schon ausgestorben sind. Den Eichener Feenkrebs finde man außer in Südbaden nur noch an wenigen anderen Orten, darunter in einem bayerischen Gewässer und in einem kleinen Bereich am Rande der Elbe in Brandenburg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare