„Diskriminierung in Reinform“

Bäckereikette benennt russischen Zupfkuchen um - „Frechheit, ein ganzes Volk zu denunzieren“

Russischer Zupfkuchen
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Auf die Umbenennung des russischen Zupfkuchens innerhalb einer Bäckereikette in Baden-Württemberg reagierten viele Menschen fassungslos.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Die Bäckereikette Armbruster aus der Ortenau hat ihre Filialen dazu aufgefordert, wegen des Ukraine-Kriegs den russischen Zupfkuchen umzubenennen. Es hagelte zahlreiche Beschwerden.

Schutterwald - „Schämen Sie sich - es ist eine absolute Frechheit, ein ganzes Volk zu denunzieren!“ - Mit diesem Kommentar bewertete ein Facebook-Nutzer in den vergangenen Tagen die Bäckereikette Armbruster aus dem Ortenaukreis. Unter seiner Nachricht postet er ein Rundschreiben, in dem Armbruster seine Filialen dazu auffordert, den russischen Zupfkuchen sowie die russische Zupfschnitte - aus Solidarität mit der Ukraine - umzubenennen. Das „russisch“ soll jeweils gestrichen werden, heißt es dort.

Mit seiner Kritik steht der Nutzer nicht alleine da. „Nur weil da ein Irrer im Kreml sitzt, muss man doch nicht gleich alles, was irgendwie mit Russland zu tun hat - und wenn es nur der Name ist - verbannen“, ärgert sich ein Beobachter der Debatte auf Facebook. „Die russische Kultur kann nichts für den Krieg, genauso wenig wie Backwaren.“

Russischer Zupfkuchen: Namensherkunft wohl nicht aus Russland, sondern von Dr. Oetker-Werbung

Obwohl der Name suggeriert, dass der Zupfkuchen aus Russland stammt, ist seine Herkunft de facto unklar. Der Name basiert lediglich auf den gerupften dunklen Teigstücken, die oben auf der Käsemasse aufgesetzt werden. Diese erinnern ungebacken an die Turmspitzen von russischen Kirchen. Der Ursprung des Zupfkuchens wird vielmehr in Ostdeutschland vermutet und geht laut Experten auf den Konzern Dr. Oetker zurück, der in den 1990er Jahren eine gleichnamige Backmischung auf den Markt brachte.

In Zusammenhang mit der geforderten Namensänderung durch die Bäckerei fielen auf Facebook und Twitter Anschuldigungen wie „Rassismus“, „sprachliche Säuberung“, „Diskriminierung in Reinform“ oder „Russland-Mobbing“. Insbesondere hier lebende Russinnen und Russen sollen sich diskriminiert gefühlt haben. Über die Reaktionen auf Facebook berichtet auch Heidelberg24.de*.

Bäckerei Armbruster entschuldigt sich: „Wir wissen jetzt, dass es der falsche Weg war“

Dass sie mit ihrer Aktion einen derartigen Shitstorm auslösen würden, haben die Bäckerei-Betreiber nicht kommen sehen. Die Idee sei „auf Vorschlag einiger Kunden entstanden“, heißt es. Inzwischen hat die Bäckereikette eingesehen, dass die Namensänderung ungeschickt war. „Wir wissen jetzt, dass es der falsche Weg war“, schreiben die Betreiber in einem Statement auf Facebook. „Es war nie unsere Absicht, Russinnen und Russen rassistisch zu begegnen oder ihnen zu unterstellen, mit dem Krieg in der Ukraine zu sympathisieren.“ In ihrem Statement entschuldigt sich die Bäckereikette für ihr Verhalten und nimmt die Namensänderung „mit sofortiger Wirkung“ zurück. „Es tut uns leid, wenn wir jemanden gekränkt haben“, betonen die Betreiber.

Mit dem Gedanken, Russland-bezogene Produkte und Dienstleistungen umzubenennen, spielte derweil nicht nur die Bäckerei in der Ortenau. Beispielsweise auch Fans des Europaparks in Rust forderten die Umbenennung des Themenbereichs Russland. Eine Bäckerei in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) sorgt derweil mit einer ganz anderen Aktion für Aufsehen: Statt Berlinern werden hier „Ukrainer“ für den guten Zweck verkauft. *Heidelberg24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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