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Ich war 17 Jahre lang Europapark-Fan - jetzt ist es nicht mehr auszuhalten

BW24-Redaktionsleiterin Sabrina Hoffmann neben dem Eingang des Europaparks.
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BW24-Redaktionsleiterin Sabrina Hoffmann ging bisher jedes Jahr mehrfach in den Europapark und war begeistert. Jetzt hat sie darauf kaum noch Lust.
  • Sabrina Hoffmann
    VonSabrina Hoffmann
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Fast zwei Jahrzehnte lang kam ich jedes Jahr in den Europapark. Nun ist er so überfüllt, dass kaum noch Freude aufkommt.

Rust - Als ich den Europapark vor 17 Jahren das erste Mal betrat, war es wie ein Rausch. Es war Oktober und schon damals säumten Kürbisse, Skelette und Spinnennetze an Halloween den Weg. Es gab noch keine Blue Fire, kein Wodan, keine Virtual-Reality-Attraktionen. Doch schon damals kam mir der Eingang zum Park vor wie das Tor zu einer anderen Welt.

Dort, am Eingang des Europaparks, streifte ich den bleischweren Alltag ab wie eine alte Haut. Für ein paar Stunden oder Tage durfte ich wieder Kind sein. Von einer Achterbahn zur nächsten rennen, außer Atem und lachend, weil es an diesem Ort egal ist, was andere über einen denken.

Der Europapark war wie ein Disneyland in Deutschland - nur noch schöner

Der Europapark war wie ein Disneyland ohne überzogene Preise, schlechtes Essen und stundenlanges Warten. Deshalb bin ich seit jenem ersten Besuch jedes Jahr wiedergekommen. Und jedes Jahr spürte ich das Kind in mir erwachen, sobald ich von der Autobahn aus die Umrisse der Silver Star am Horizont entdeckte.

Doch in diesem Jahr kehrte ich enttäuscht von meinem Besuch in Rust zurück. Denn der Europapark ist inzwischen selbst im Herbst so überfüllt, dass es keinen Spaß mehr macht. Ich habe meine Besuche bisher nie auf den Sommer gelegt, weil ich keine Lust auf langes Anstehen hatte. Nun drängen sich auch im Oktober Besuchermassen im Park, bei 10 Grad und Nieselregen.

An fast jeder Achterbahn betrug die Wartezeit knapp eine Stunde. Sogar an den weniger beliebten, älteren Attraktionen wie der Dschungelfloßfahrt und der Schweizer Bobbahn mussten die Besucher anstehen. Auch die virtuelle Warteschlange in der App war keine Hilfe. Hier können sich Besucher für eine bestimmte Uhrzeit vormerken lassen und dürfen ohne Wartezeit fahren. Doch alle Slots waren sofort nach Parkeröffnung besetzt. Wenn eine Uhrzeit wieder frei wurde, war sie innerhalb weniger Sekunden wieder weg. Und so verbrachten viele Besucher den Tag damit, ständig aufs Smartphone zu starren, um als Erstes auf den Button drücken zu können.

Europapark: Langes Anstehen vor Imbissbuden und Restaurants - gestresstes Personal

Fast noch schlimmer als die Wartezeiten vor den Fahrgeschäften waren die vor den Restaurants und Imbissbuden. Vor jedem noch so kleinen Kiosk bildeten sich lange Menschenreihen. Die Pressestelle des Europaparks hatte gegenüber BW24 kürzlich erklärt, dass der Servicekräfte-Mangel durch die Pandemie auch die gastronomischen Angebote des Parks treffe. Einige Verkaufsstellen und Restaurants im Europapark müssten deshalb geschlossen bleiben. 100 unbesetzte Stellen seien derzeit ausgeschrieben.

Aber ganz ehrlich: Nur daran kann es nicht liegen. Bei meinem Besuch über Halloween waren nur noch wenige Restaurants und Kioske geschlossen. Trotzdem mussten die Gäste selbst an den To-Go-Buden eine halbe Stunde und länger auf Getränke, Mini-Donuts oder Würstchen warten. Der Europapark ist einfach zu voll, wie auch die ungewöhnlich langen Wartezeiten an den Attraktionen zeigen. In den Hotel-Ressorts das gleiche Bild: Schon einen Tag vor meiner Anreise waren fast alle Restaurants ausgebucht. Am Frühstücksbuffet im Hotel Bell Rock konnte man sich um 8 Uhr im Gedränge kaum bewegen.

Abends waren selbst teure Restaurants wie das „Captain‘s Finest“ (Preis pro Hauptgericht etwa zwischen 24 und 60 Euro) bis auf den letzten Platz belegt. Die Kellner waren sichtlich gestresst, weil sie den für ein hochpreisiges Restaurant üblichen aufmerksamen Service nicht einhalten konnten. Als unser Kellner sich dafür bei uns entschuldigte, sagte er: „Es ist schlimm heute. Vorhin war ich an einem Punkt, an dem ich kündigen wollte.“

Wird der Europapark zur überteuerten Touristen-Falle?

Es scheint fast so, als würde sich der Europapark doch mehr und mehr zu einem zweiten Disneyland entwickeln. Weg vom traditionellen badischen Familienunternehmen hin zu einer überteuerten Touristen-Falle, wie sie der Weltkonzern Disney nahe Paris betreibt. Der Europapark hat im Lauf der Jahre die Ticketpreise stark erhöht. Bei meinen ersten Besuchen kostete das Tagesticket noch etwa 25 Euro. Heute sind in der Hauptsaison 60 Euro für Erwachsene fällig, mindestens 47 Euro für Kinder. Man kann argumentieren, dass mehrere moderne Achterbahnen und andere High-Tech-Attraktionen dazugekommen sind, die den höheren Eintritt rechtfertigen.

Bloß, was haben Besucher in einem hoffnungslos überfüllten Europapark davon? Rechnet man pro Attraktion mit einer Wartezeit von einer Stunde, dann stehen Besucher vier Stunden Schlange, um vier Fahrgeschäfte zu fahren. Kommen Pausen und das Warten auf Essen oder Getränke dazu, ist der Tag eigentlich schon vorbei. 60 Euro für vier bis fünf Mal Achterbahn-Fahren? Ein stolzer Preis.

Es ist verständlich, dass der Europapark die massiven Verluste durch die Pandemie wieder hereinholen will. Der Umsatz vieler Monate brach komplett weg - und dass, nachdem das Unternehmen gerade erst enorme Summen in den neuen Wasserpark Rulantica und das Hotel Kronassar investiert hatte. Doch das Risiko ist groß, dass viele langjährige Fans dem Europapark künftig fernbleiben werden, weil ein Besuch unter diesen Bedingungen keinen Spaß macht. Es wäre schade um die kleine Welt, die über Jahrzehnte in Rust entstanden ist und die selbst auf Erwachsene noch magisch wirkte. Mein inneres Kind würde die ein oder andere Träne darum weinen.

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