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Ricarda Lang: Wie die neue Grünen-Vorsitzende tickt und wie sie mit Bodyshaming umgeht

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Von: Sina Alonso Garcia

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Mit gerade einmal 28 Jahren ist die Schwäbin Ricarda Lang zur Bundesvorsitzenden der Grünen gewählt worden. Immer wieder muss sie sich gegen Sticheleien wehren.

Filderstadt/Berlin - Bei den Grünen wurden die Karten neu gemischt: Auf ihrem Online-Parteitag am 29. Januar haben die Mitglieder einen neuen Vorstand gewählt. An der Parteispitze lösen Ricarda Lang und Omid Nouripour seither Annalena Baerbock und Robert Habeck als Vorsitzende ab. Lang, die 1994 in Filderstadt (Kreis Esslingen) geboren wurde, war bislang als mehrjährige Vorständin der Grünen Jugend sowie seit Ende 2019 als stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen bekannt. Wie tickt die 28-jährige Schwäbin? Und wie geht sie mit dem Hass um, mit dem sie täglich konfrontiert wird?

Bereits mit 18 Jahren trat Lang, die bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs, in die Partei ein. Die Erfahrungen ihrer Mutter, die als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus arbeitete, haben sie dazu bewogen, in die Politik zu gehen. Seither kämpft sie dafür, dass es Menschen wie ihre Mutter in Zukunft leichter haben, wie sie gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärte. Lang macht sich insbesondere für Themen wie Feminismus, Vielfalt und Strategien gegen Rechts stark und engagiert sich auch in der Gesundheits- und Pflegepolitik.

Grünen-Chefin Ricarda Lang: Abbruch des Jura-Studiums ist für Kritiker ein gefundenes Fressen

Nach dem Abitur am Hölderlin-Gymnasium in Nürtingen schrieb sich Lang 2012 für ein Jura-Studium ein - zunächst an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, später an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2019 brach sie das Studium schließlich ohne Abschluss ab. Für Kritiker ist ihr fehlender Abschluss ein gefundenes Fressen. Auf Twitter beispielsweise arbeiten sich zahlreiche Nutzer daran ab und schreiben vernichtende Kommentare. „Wieder so eine gescheiterte Existenz, die dem gemeinen Volk die Welt erklären will“, heißt es da. Oder: „Nicht schlecht, bei den Grünen kann, wie man sieht, jeder, der nichts vorzuweisen hat, also ohne Ausbildung oder abgeschlossenes Studium Parteivorsitzender werden.“

Ricarda Lang
Ricarda Lang, Bundesvorsitzende der Grünen, wuchs als Tochter einer alleinerziehenden Sozialarbeiterin in Baden-Württemberg auf. © Felix Zahn / IMAGO

Auch das Übergewicht der jungen Frau aus Baden-Württemberg wird in den sozialen Netzwerken immer wieder von ihren Gegnern thematisiert, um sie zu degradieren. Als sich Lang kürzlich für eine Allgemeine Impfpflicht aussprach, hagelte es auf Twitter bösartige Kommentare wie: „Wer so fett ist, dass die Gesichtskontur weg ist, sollte anderen, gesunden Menschen vielleicht etwas vom Royal TS Menü erzählen, aber nicht von Impfpflichten.“ Neben dem geballten Hass erhält Lang auf Twitter zum Glück aber auch viel Solidarität von Menschen, die das destruktive und inhaltslose Bodyshaming verurteilen und ihr beispringen. „Bezeichnend, dass die Leibesfülle von Peter Altmaier null thematisiert wurde, bei Ricarda Lang jedoch natürlich. Irre und frauenverachtend“, ärgert sich ein Twitter-Nutzer.

Diskussion über ihren Körper ist für Ricarda Lang auch ein Sexismus-Problem

Schon lange vor ihrer Zeit als Grünen-Vorsitzende sah sich Ricarda Lang immer wieder mit abfälligen Kommentaren zu ihrem Gewicht konfrontiert. In einem Interview des Formats „Unter Neonlicht“ der Grünen Jugend Hessen auf Youtube von 2018 erzählt Lang von Anfeindungen, die teils auch auf ihr Geschlecht abzielen. Völlig unabhängig von ihrem politischen Wirken würde das Thema ausgeschlachtet und bei jeder Gelegenheit wieder aufgegriffen. Wie sie in dem Interview damals erzählt, habe sie zeitweise sehr viel darüber nachgedacht, wie sie auf Fotos aussah - beispielsweise, ob dort ein Doppelkinn erkennbar war oder ob ein Foto unvorteilhaft von unten geschossen wurde. „Ich habe richtig gemerkt, wie ich mich selbst total eingeschränkt habe.“

Irgendwann habe sie dann entschieden, den Leuten klar zu kommunizieren: „Ihr könnt nicht darüber bestimmen, wie ich öffentlich auftrete, wie ich mich gebe, was ich esse, was ich auf Fotos esse.“ Demonstrativ stellte sie damals ein Foto von sich online, auf dem sie ein Eis in der Hand hielt sowie einen Sticker mit der Aufschrift „Stop commenting on my body“ (zu deutsch: Hört auf, meinen Körper zu kommentieren). Bei übergewichtigen männlichen Politikern wie Peter Altmaier oder Sigmar Gabriel hätte es zwar auch derartige Kommentare gegeben, jedoch niemals in der Intensität und Fülle wie in ihrem Fall. Dass es bei ihr als Frau hingegen so aufgebauscht wird, stellt in ihren Augen ein Sexismus-Problem dar.

Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang will neue Akzente setzen

Trotz der Anfeindungen gibt sich Ricarda Lang immer engagiert, redegewandt und kämpferisch. Bei den Grünen wird sie dem linken Parteiflügel zugerechnet. Als Vorsitzende will Lang neue Akzente setzen und die Partei zusammenhalten.

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