Dramatische Lage im Enzkreis

Pforzheimer Chefarzt alarmiert: „Kein freies Intensivbett für Patienten mit Herzinfarkt“

Auf der Covid-Station, einem Bereich der Operativen Intensivstation vom Universitätsklinikum Leipzig versorgen Ärzte, Schwestern und Pfleger einen Patienten.
+
Die Corona-Lage auf den Intensivstationen im Enzkreis spitzt sich zu. Laut einem Chefarzt gibt es kaum mehr freie Betten (Symbolbild).
  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
    schließen

Die Lage auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg spitzt sich weiter zu. In Pforzheim gibt es schon keine freien Betten für Herzinfarkt-Patienten mehr.

Pforzheim - Seit einigen Wochen breitet sich das Coronavirus in Baden-Württemberg wieder deutlich schneller aus. Die 7-Tage-Inzidenz im Südwesten liegt derzeit höher, als jemals zuvor in der andauernden Pandemie. Besonders problematisch ist jedoch die Lage auf den Intensivstationen im Land. Seit die Landesregierung in Absprache mit dem Landesgesundheitsamt beschlossen hatte, die 7-Tage-Inzidenz nicht mehr als Richtwert heranzuziehen, wird die Corona-Lage durch die Auslastung der Intensivbetten eingeschätzt.

Das Pflegepersonal an den sozialen Einrichtungen in Stuttgart und ganz Baden-Württemberg arbeitet nun seit deutlich über 1,5 Jahren unter extremsten Bedingungen. Die im Dezember 2020 gestarteten Impfungen in Stuttgart und Baden-Württemberg sollten eine vierte Corona-Welle verhindern oder zumindest deutlich abschwächen. In den vergangenen Tagen ist die Anzahl der Menschen auf den Intensivstationen im Land jedoch deutlich gestiegen. Im Enzkreis ist die Lage aktuell so dramatisch, dass der Chefarzt der Helium-Klinik in Pforzheim, der Landrat und der Oberbürgermeister Alarm schlagen, berichtet die Pforzheimer Zeitung.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kliniken überlastet - kaum mehr Betten frei

Durch das Coronavirus in Baden-Württemberg steigt die Zahl der Patienten auf Intensivstationen rasant an. Eine Intensivschwester an einer Klinik in der Landeshauptstadt Stuttgart berichtete, dass immer mehr junge Menschen intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Die Stuttgarter Intensivschwester müsse „die Dummheit der Menschen pflegen“, sagte sie in Bezug darauf, dass ein Großteil der Patienten ungeimpft ist. Auch in Pforzheim und dem gesamten Enzkreis ist die Zahl der Intensivpatienten in den vergangenen Tagen stark angestiegen, teilten Stadt und Landkreis in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit. Dazu käme laut dem Chefarzt der Helios-Klinik in Pforzheim, Felix Schumacher, noch der erkältungsbedingte Krankenstand der aktuellen Jahreszeit.

In mehreren Klinken im Enzkreis seien derzeit aufgrund der steigenden Anzahl an Corona-Intensivpatienten keine freien Betten mehr verfügbar, sagte der Chefarzt der Helium-Klinik für Intensiv- und Notfallmedizin laut der Pforzheimer Zeitung. Aktuell liegen in drei Kliniken im Landkreis insgesamt 61 Menschen mit einer Corona-Erkrankung, 16 davon auf der Intensivstation. „Allein heute früh kamen zwei Patienten, die vom Rettungswagen direkt an die Beatmungsmaschine mussten“, beschreibt Felix Schumacher die Lage. „Wer heute einen schweren Unfall hat oder einen Herzinfarkt erleidet, für den gibt es im Augenblick kein freies Intensivbett in Pforzheim und im Enzkreis.“

Corona-Lage im Enzkreis: Chefarzt, Landrat und Bürgermeister werben für Impfung

Durch die dramatische Lage an den Kliniken im Enzkreis müssen die einzelnen Krankenhäuser sich untereinander koordinieren, erklärt Felix Schumacher. Dazu findet beinahe täglich ein direkter Austausch der Intensivmediziner statt, um Möglichkeiten der gegenseitigen Entlastung zu prüfen. Besonders gefährlich ist eine Corona-Erkrankung noch immer für die Menschen, die bisher keinen Impfschutz haben. Die bereits genannte Stuttgarter Intensivschwester erzählte beispielsweise von einem 32-Jährigen, der sich nicht impfen lassen wollte, weil er Angst um seine Fruchtbarkeit hatte. Er starb in der Klinik in Stuttgart an Covid-19.

Angesichts der Lage appellieren der Chefarzt Felix Schumacher, Pforzheims Oberbürgermeister Peter Boch und Landrat Bastian Rosenau an die Bevölkerung. „Es geht nicht um eine Privatsache, sondern darum, solidarisch zu sein“, heißt es in dem Aufruf. „Wer sich selbst schützt, der schützt auch andere – und das ist das Gebot der Stunde!“ Es gehe letztendlich auch darum, das Krankenhauspersonal zu entlasten, das im ganzen Land bereits seit vielen Monaten unter extremen Bedingungen im Einsatz ist. „Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, das Reinigungspersonal – sie alle sind seit mehr als eineinhalb Jahren aufs Äußerste gefordert“, so Landrat und OB. „Tun wir also alle unser Möglichstes, um ein weiteres Ansteigen der Zahl an Corona-Intensivpatienten zu verhindern.“

Im Herbst und Winter des vergangenen Jahres stiegen die Infektionsfälle mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg ebenfalls wieder stark an. Die gestarteten Impfungen sollten jedoch eine Herdenimmunität erreichen, die eine solche Situation künftig vermeiden könnte. Auch in Pforzheim liegt die Hoffnung angesichts der dramatischen Lage darauf, dass mehr Menschen sich doch noch für eine Impfung entscheiden. „Impfen ist unser Ausweg aus der Pandemie“, betonen Peter Boch und Bastian Rosenau laut der Pforzheimer Zeitung. „Bitte schützen Sie diese Menschen, indem Sie sich selbst schützen – und lassen Sie sich impfen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare