Privatunternehmen und Wissenschaft

„Grauenvoll“: KIT-Forscher warnt vor Elon Musks Plänen

  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
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Elon Musk hat E-Mobilität und Raumfahrt innerhalb kürzester Zeit weiter gebracht als so manches Forschungsinstitut in Jahrzehnten. Ein KIT-Forscher sieht das allerdings eher kritisch.

  • Ein Forscher am Karlsruher Institut für Technologie sieht den Forschungserfolg von Unternehmern wie Elon Musk kritisch.
  • Privatunternehmen unterliegen dem KIT-Forscher zufolge keiner ausreichenden Kontrolle und verwechselten wirtschaftliche Interessen mit dem Gemeinwohl.
  • Elon Musk hat mit seinen Unternehmen Tesla und SpaceX enorme Erfolge, was unter anderem auch der Daimler AG Probleme bereitet.

Karlsruhe - Mit seinen Unternehmen Tesla und SpaceX mischt Elon Musk kräftig in der Entwicklung der E-Mobilität und der Raumfahrt mit. In beiden Bereichen ist er damit enorm erfolgreich. Erst Anfang August waren zwei NASA-Astronauten mit der SpaceX-Raumkapsel Crew Dragon von der ISS wieder auf die Erde zurückgekehrt. Elon Musk twitterte dazu: „Wenn die Raumfahrt so alltäglich wie die Luftfahrt wird, ist die Zukunft der Zivilisation gesichert.“ Die Daimler AG wird Elon Musk wohl besonders seinen Erfolg mit Tesla neiden: Daimler gehörten einst 10 Prozent von Tesla - sie wären heute mehr wert als der halbe Konzern.

Im Bereich E-Mobilität ist Tesla inzwischen der Maßstab, die Daimler AG versucht bislang vergeblich, mit den Innovationen des Unternehmens Schritt zu halten. Mitte Juni hatte Daimler mit einem neuen Betriebssystem Tesla noch den Kampf angesagt, die Autos des Stuttgarter Fahrzeugherstellers sollen zu "Smartphones auf vier Rädern" ausgebaut werden. Doch Raumfahrt und E-Mobilität sind Elon Musk offenbar noch lange nicht genug. Auch aus der Corona-Pandemie weiß der Unternehmer Kapital zu schlagen. Für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs erhielt die Tübinger Firma CureVac Unterstützung von Elon Musk.

Elon Musk bestimmt als Privatunternehmer die Zukunft - für einen Forscher am KIT ist das „grauenvoll“

Klimaneutrale Mobilität, wiederverwertbare Raketenantriebe und Bekämpfung globaler Pandemien - das klingt durchweg lobenswert. Doch der Forscher Rolf-Ulrich Kunze vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betrachtet den Fortschritt durch Privatunternehmer wie Elon Musk kritisch. Den Professor für neuere und neueste Geschichte beunruhigt vor allem, dass Unternehmen wie SpaceX „durch keine andere Instanz als die Wall Street kontrolliert werden“, wie er im Interview mit den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) erklärt.

Bei dem Interview ging es eigentlich um die ethische Verantwortung von Wissenschaftlern, Anlass war der 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Für den KIT-Forscher ein Anlass, Kritik an Elon Musk und anderen Tech-Milliardären zu äußern. „Wissenschaftler sind in demokratischen Staaten auch politisch verantwortliche Bürger. Sie müssen in dieser Rolle die Verantwortung annehmen und können sie nicht delegieren", so Rolf-Ulrich Kunze zu den BNN.

Elon Musk bringt mit seinen Unternehmen auch die Forschung voran. Ein Forscher am KIT sieht das allerdings weniger positiv.

Private Forschung, die noch dazu mit wirtschaftlichen Interessen verbunden ist, hält Rolf-Ulrich Kunze vom KIT für besonders problematisch - also genau das, was Elon Musk antreibt. „Wenn ich überlege, dass ein Privatunternehmen die Entscheidung trifft, ob und wie wir zum Mars fliegen, dann ist es grauenvoll“, erklärt der KIT-Forscher gegenüber den BNN. Der Grund dafür liegt vor allem in der mangelnden Kontrolle von Privatunternehmen: „Es ist eine Katastrophe, wenn private Unternehmen [...] darüber entscheiden können, ob Schlüsseltechnologien entwickelt oder angewendet werden.“

KIT-Forscher über Elon Musk: Mehr Kontrolle von Privatunternehmen notwendig

BW24 hat KIT-Forscher Rolf-Ulrich Kunze kontaktiert, um mehr über seine Kritik an Tech-Mogulen wie Elon Musk zu erfahren. Der Historiker erklärte gegenüber BW24, dass Privatunternehmen wie die von Elon Musk die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und dem Streben nach Gewinnerzielung verschoben hätten. „Eine rechtliche Kontrolle ist dadurch praktisch ausgeschlossen“, so Rolf-Ulrich Kunze gegenüber BW24. Die technologische Innovationskraft einzelner Unternehmen ist für ihn nichts anderes als „eine Form von Macht“ und insofern eine „extrem voraussetzungsreiche Ressource“.

Diese Innovationskraft unterstreiche die „Dringlichkeit der demokratischen Kontrollnotwendigkeit“, so Rolf-Ulrich Kunze zu BW24. „Über politische Fragen muss politisch entschieden werden, über wirtschaftliche und technologische ebenfalls und prioritär, wenn sie gravierende politische Implikationen haben“, erklärt Rolf-Ulrich Kunze. Die Privatisierung technologischer Schlüsselentscheidungen - wie zum Beispiel der Ermöglichung einer Mars-Mission durch Elon Musk - hält Rolf-Ulrich Kunze für „eine demokratisch inakzeptable Grenzüberschreitung.“

Trotz des Seitenhiebs in Richtung Elon Musk macht Rolf-Ulrich Kunze die momentane Entwicklung nicht an einzelnen Persönlichkeiten fest - auch, wenn er Elon Musk mit dem korrupten und machtgierigen Medienmogul Charles Foster Kane aus dem Filmklassiker „Citizen Kane“ vergleicht. Der KIT-Forscher sieht den Konflikt als allgemeines Problem unserer Zeit. „Dystopisch eher noch als grauenhaft ist es, wenn private Absichten und Zwecke mit dem öffentlichen und das heißt im Verfassungsstaat – demokratisch legitimierten – Gemeinwohl verwechselt werden.“

Rubriklistenbild: © Paul Hennessy/dpa

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