Die Jagd auf das Phantom

Der Polizistenmord von Heilbronn und seine Folgen

Beamte der Spurensicherung der Polizei arbeiten am 25.04.2007 auf der Heilbronner Theresienwiese an einem Tatort, an dem zuvor eine 22-jährige Polizeibeamtin getötet und ein weiterer Beamter schwer verletzt wurde.
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Im April 2007 wurde eine junge Polizistin in Heilbronn erschossen. Die Ermittler gehen von einem NSU-Verbrechen aus.

Ermittler gehen davon aus, dass Mitglieder der Terrorzelle NSU im April 2007 in Heilbronn eine Polizistin erschossen. Die Aufdeckung der Zelle jährte sich zum zehnten Mal.

Heilbronn (dpa/lsw) - Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter (22) ist ein Rätsel. Polizei und Politik leisteten sich in ihrer Aufklärung Pannen und Versäumnisse. Bisher gehen die Ermittler davon aus, dass die aus Oberweißbach (Thüringen) stammende Kiesewetter von den NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen wurde. Die wichtigsten Eckdaten:

25. April 2007: In Heilbronn wird die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen. Ihr Kollege Martin A. (24) überlebt schwer verletzt, er kann sich an nichts erinnern. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt. Bis 2009 jagen die Ermittler ein Phantom.

27. März 2009: Der Leiter der Staatsanwaltschaft Heilbronn, Volker Link, räumt die Blamage ein: Die Gen-Spuren der «Frau ohne Gesicht» sind beim Verpacken auf die Wattestäbchen der Ermittler gelangt.

7. November 2011: Das Landeskriminalamt (LKA) teilt mit, dass die Dienstpistolen von Kiesewetter und ihrem Kollegen in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt wurden. Böhnhardt und Mundlos haben sich in dem Wohnmobil nach einem Banküberfall erschossen. Einen Tag später stellt sich in Sachsen NSU-Mitglied Beate Zschäpe.

10. Februar 2014: Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sieht keine Beweise für ein NSU-Unterstützernetzwerk im Südwesten. Ergo: Kiesewetter sei ein Zufallsopfer. So sieht es auch die Bundesanwaltschaft.

15. Juli 2015: Der Landtag beschließt, dass künftig ein parlamentarisches Kontrollgremium dem Verfassungsschutz auf die Finger schauen soll.

15. Januar 2016: Der erste Untersuchungsausschuss im Landtag schließt seine Arbeit ab. Er hält Kiesewetter weiterhin für ein Zufallsopfer der Rechtsterroristen.

20. Juli 2016: Der Landtag beschließt einen zweiten NSU-Untersuchungsausschuss, der die Themen weiter aufarbeiten soll, die im ersten Ausschuss aus Zeitgründen nicht erschöpfend behandelt werden konnten.

25. April 2017: Politiker und Familienangehörige der NSU-Opfer kommen in Heilbronn an Kiesewetters Todestag zu einer Gedenkfeier zusammen.

3. Dezember 2018: Als Konsequenz aus dem zweiten NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags fordern die beteiligten Parlamentarier mehr Prävention gegen die Gefahren rechtsextremer Musik an Schulen. Grüne, CDU, SPD und FDP haben keine Zweifel daran, dass Böhnhardt und Mundlos die Polizistin ermordeten. Für die AfD gibt es hingegen keine eindeutigen Beweise dafür.

30. September 2019: Der zweite Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss bezweifelt, dass Kiesewetter zufällig von Böhnhardt und Mundlos erschossen wurde. Sie sei als Polizistin in Kriminalitätsbereichen eingesetzt worden, in denen es Berührungspunkte zu rechtsextremen Straftätern gegeben habe. Daraus ließe sich ein mögliches Motiv für den Mord ableiten.

15. Juli 2020: Baden-Württemberg richtet in Karlsruhe eine eigene Stelle ein zur Dokumentation extremistischer Netzwerke und Strukturen. Am Generallandesarchiv sollen Informationen zunächst vor allem zum Rechtsextremismus gesammelt und der Forschung wie auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Laut Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist das Projekt auch eine Konsequenz aus dem NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart.

19. August 2021: Beate Zschäpe ist rechtskräftig als Mittäterin der Neonazi-Terrorzelle NSU verurteilt. Der Bundesgerichtshof verwarf ihre Revision und strich nur eine Einzelstrafe. Die lebenslange Gesamtfreiheitsstrafe und die festgestellte besondere Schuldschwere sind hiervon jedoch unberührt geblieben. Damit ist Zschäpe auch für den Mord an Kiesewetter rechtskräftig verurteilt.

22. Oktober 2021: Das Theaterstück «Verschlusssache» zum NSU-Mordanschlag wird in Heilbronn uraufgeführt.

4. November 2021: Die Entdeckung des NSU jährt sich zum zehnten Mal. Am 4. November 2011 begingen Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach Suizid. Damit flog die Terrorzelle NSU auf.

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