USA wollen Patentschutz aussetzen

Umstrittene Patent-Forderung der USA bedroht Curevac - Firmen-Chef fordert „autarkes Europa“

Franz-Werner Haas, Vorstandsvorsitzender des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac, trägt bei einer Pressekonferenz einen Mund-Nasen-Schutz mit dem Firmen-Logo.
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Die USA drohen mit der Aussetzung des Patentschutzes. Curevac-Chef Haas fordert ein „autarkes Europa“.
  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
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Die USA verkündeten kürzlich, den Patentschutz für die neu entwickelten Corona-Vakzine aussetzen zu wollen. Das beträfe auch den mRNA-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac.

Tübingen - Im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland soll der mRNA-Impfstoff des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac die Impfkampagne der Bundesregierung vorantreiben. Das neu entwickelte Verfahren könnte jedoch auch über die Pandemie hinaus eingesetzt werden, beispielsweise gegen Krebs oder auch Aids. Die finalen Tests mit dem Tübinger Impfstoff sind abgeschlossen und Curevac kündigte bereits an, im kommenden Jahr eine Milliarde Impfdosen für die ganze Welt produzieren zu wollen. Für das laufende Jahr 2021 hat das Tübinger Unternehmen die Impfstoff-Produktion jedoch zunächst exklusiv auf die EU-Mitgliedstaaten ausgelegt und will bis Ende des Jahres rund 300 Millionen Impfdosen liefern.

Bei den Impfungen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg stehen aktuell vier Impfstoffe zur Verfügung, eine Wahlmöglichkeit für die Bürger gibt es jedoch nicht. Mit der Zulassung des mRNA-Vakzins von Curevac würde die Menge an Impfstoffen demnach weiter wachsen. Die US-Regierung behindert die Produktion jedoch. Die USA blockieren Berichten zufolge den Export wichtiger Rohstoffe für Curevac. Am vergangenen Mittwoch erklärte die US-Regierung zudem, dass der Patentschutz für die neue entwickelten Corona-Vakzine ausgesetzt werden soll, wie der Spiegel berichtet. Von den Folgen betroffen wäre neben Biontech und Moderna auch Curevac. Der Curevac-Chef hat auch deshalb eine radikale Forderung.

Curevac: Rohstoff-Blockade durch die USA führt zu Produktionsproblemen

Der Weg zum fertigen Impfstoff gegen das Coronavirus war für Curevac nicht einfach. Und das, obwohl die Tübinger lange vor allen anderen mit der Erforschung des mRNA-Verfahrens begonnen hatten. Die Bundesregierung investierte zwar 300 Millionen Euro in die Firma aus Tübingen. Moderna erhielt dagegen bereits zu Beginn der Pandemie Milliarden Dollar Unterstützung vom US-Staat und auch Biontech aus Mainz wurde von Pfizer mit riesigen Investitionen bedacht, wie der Spiegel berichtet. „Unsere Situation wäre ganz anders gewesen, wenn ein starker Partner schon im Sommer an Bord gewesen wäre“, sagte Curevac-Chef Franz-Werner Haas. Aufgrund der geringeren Finanzstärke war es für das Tübinger Unternehmen auch schwerer, Zulieferer und Partner zu finden.

Die Blockade wichtiger Bausteine für die Impfstoff-Produktion durch die US-Regierung ist aktuell besonders fatal. „Vieles ist nicht von der Stange zu haben“, erklärte Curevac-Chef Haas laut dem Spiegel. „Um diese Ressourcen gibt es einen knallharten globalen Wettbewerb.“ Aktuell fehle es beispielsweise an den wichtigen Grundstoffen wie Lipiden, die größtenteils in den USA hergestellt werden. In Tübingen herrscht Unverständnis darüber, dass die USA auf der einen Seite Impfstoff horten und auf der anderen mit dem Patentvorstoß die ganze Welt mit Impfdosen beliefern wollen. Durch den Wegfall des Patentschutzes wäre beispielsweise das von Curevac entwickelte mRNA-Verfahren nicht mehr geschützt und könnte damit von jedem kopiert und eingesetzt werden.

Impfstoff-Produktion: Curevac-Chef fordert unabhängiges Europa

Da das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac seinen Impfstoff im mRNA-Verfahren erst nach Biontech fertigstellen konnte, wäre es von einem ausgesetzten Patentschutz durch die US-Regierung besonders betroffen, wie der Spiegel berichtet. Dadurch erhielten beispielsweise andere Pharmaunternehmen Zugriff auf das Verfahrenskonzept der Tübinger und könnten den aktuell noch vorhandenen Vorsprung schnell schmälern.

Curevac hat jedoch bereits mit dem britischen Pharmakonzern Glaxosmithkline einen Deal geschlossen, um zügig neue Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten auf den Markt bringen zu können, wie der Spiegel berichtet. Zudem arbeiten die Tübinger mit dem E-Auto-Pionier Tesla an einer mobilen mRNA-Fabrik, die bei Virus-Ausbrüchen direkt in die betroffene Region geflogen werden kann. Tesla-Chef Elon Musk besuchte Curevac auch im vergangenen Jahr in Tübingen.

Damit diese Vorhaben durch den ausgesetzten Patentschutz durch die US-Regierung nicht gefährdet wird, sieht Curevac-Chef Haas nur eine Möglichkeit. „Europa muss sich autark aufstellen“, sagte er laut dem Spiegel. Sämtliche Rohstoffe und Materialien für die Impfstoff-Produktion müssten zukünftig beispielsweise durch Lizenzen oder Technologietransfers in der EU hergestellt werden. „Es geht dabei nicht um Nationalismus, sondern darum, eine gewisse Unabhängigkeit zu schaffen und dafür zu sorgen, dass auch europäische Unternehmen von dieser neuen Technologie profitieren können“, stimmte auch Biontech-Chef Uğur Şahin zu.

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