Kriegswirtschaftsdekret

USA blockieren Export wichtiger Rohstoffe für Tübinger Curevac-Impfstoff - Produktion in Gefahr

Das Logo des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac ist am Eingang des Firmensitzes in Tübingen angebracht.
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Curevac aus Tübingen will bis Ende des Jahres 300 Millionen Impfdosen liefern - aufgrund einer US-Blockade ist dieses Vorhaben in Gefahr.
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Der Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac könnte die Impfstrategie der Bundesregierung deutlich vorantreiben. Die US-Regierung blockiert offenbar jedoch wichtige Materiallieferungen.

Tübingen - Im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland soll der Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac die Impfstrategie der Bundesregierung vorantreiben. Das Biotech-Unternehmen aus der baden-württembergischen Universitätsstadt arbeitet bereits seit Februar 2020 an einem Impfstoff gegen das Virus und meldete vor einem Jahr bereits einen ersten Erfolg - das war jedoch noch kein Grund zum Jubeln. In der Frühphase der Corona-Pandemie hatte die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump sogar vor, Curevac zu kaufen und das Vakzin ausschließlich für die US-Bürger einzusetzen. Die Tübinger ließen sich darauf jedoch nicht ein.

Nach einer langen Entwicklungszeit steht das Vakzin von Curevac nun unmittelbar vor der Zulassung. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer forderte bereits eine Notzulassung für Curevac. Durch Probleme mit dem Impfstoff von Astrazeneca und zuletzt auch Biontech, ist der Impfstoff des schwäbischen Unternehmens für Deutschland wichtiger den je. Laut Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel ist die Produktion des Vakzins nun jedoch in akuter Gefahr. Grund dafür ist offenbar, dass die US-Regierung die Lieferung von notwendigen Materialien blockiert.

Curevac-Impfstoff: US-Regierung blockiert Materiallieferungen per Kriegswirtschaftsdekret

Seit dem Beginn der Corona-Impfung in Baden-Württemberg wurden nach dem aktuellen Stand bereits rund 2,4 Millionen Menschen erstmals geimpft. Die Hersteller Johnson & Johnson und Astrazeneca kürzten ihre Liefergarantien für ganz Europa in den vergangenen Monaten deutlich, wie der Spiegel berichtet. Demnach ist eine Zulassung des mRNA-basierten Vakzins von Curevac für Europa und speziell für Deutschland besonders wichtig. Die klinische Erprobung des Impfstoffes befindet sich inzwischen in der Endphase, in zwei Wochen werden die Ergebnisse erwartet.

Die US-Regierung blockiert jedoch wichtige Materiallieferungen per Kriegswirtschaftsdekret, berichtet der Spiegel. „Durch den Defense Production Act bekommen wir bestimmte Waren nicht aus den USA heraus“, sagt Curevac-Vorstandsvorsitzender Franz-Werner Haas dem Nachrichtenmagazin. „Wir bekommen längst nicht immer die Materialien, die wir brauchen“.

Der Defense Production Act ist ein US-Bundesgesetzt, das im Jahr 1950 anlässlich des Koreakrieges beschlossen wurde. Es bevollmächtigt den US-Präsidenten, Unternehmen zur Produktion bestimmter Güter zu verpflichten. Nach der Zulassung des Impfstoffs von Curevac, plant die Bundesregierung ab Ende Juni im Laufe des Sommers einen Großteil der Bevölkerung zu impfen. Aufgrund der Blockade durch die US-Regierung könnte dieses Vorhaben nun auf dem Spiel stehen.

Curevac: „Wir leben teilweise von der Hand in den Mund“

Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac hat die Produktion des Corona-Impfstoffs für 2021 exklusiv auf die EU-Mitgliedstaaten ausgelegt und plant, bis Ende des Jahres rund 300 Millionen Impfdosen zu liefern, berichtet der Spiegel. Durch die US-Blockade sei nun unklar, wie viel Impfdosen im Sommer tatsächlich geliefert werden könnten. „Wir leben teilweise von der Hand in den Mund“, sagt Franz-Werner Haas. „Das macht es schwer, einen großen Vorrat aufzubauen“. Das Vakzin der Tübinger bestehe aus vielen verschiedenen Komponenten, wenn nur eines fehle, gebe es jedoch keinen Impfstoff. Bei den von der US-Regierung blockierten wichtigen Materialien handelt es sich beispielsweise um Nukleotide, die teilweise von deutschen Unternehmen in den USA produziert werden.

Curevac wandte sich aufgrund der mangelnden Versorgung von wichtigen Materialen für die Produktion des Corona-Impfstoffs an die Bundesregierung und auch die EU trat bereits an die Regierung in Washington heran, wie der Spiegel berichtet. „Die Politik versucht zu helfen“, sagt Haas. Laut eines hochrangigen Regierungsbeamten der Bundesregierung gebe es keinen offiziellen Exportstopp der US-Amerikaner, sehr wohl jedoch einen subtilen. „In den Lieferverträgen der US-Regierung steht, dass erst die US-Produktion versorgt werden muss, ehe exportiert werden darf“, erklärt er. Die Bundesregierung geht bei den Gesprächen subtil vor und will auf keinen Fall mit einem Exportstopp auf deutscher Seite drohen, um einen Dominoeffekt zu verhindern.

Lieferungsblockade: US-Regierung bezeichnet Problem als „limitiertes Angebot“

Für Curevac stellt ein Lieferungsstopp unmittelbar vor der Zulassung ihres Corona-Impfstoffes ein besonderes Problem dar. Das weiße Haus sprach auf Spiegel-Anfrage jedoch nicht von einer Blockade, sondern lediglich von einem „limitierten Angebot“. Die Zulieferer könnten die hohe Anfrage derzeit schlichtweg nicht erfüllen, sagte ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter. Der Defense Production Act priorisiere amerikanische Regierungsaufträge gegenüber anderer US-Verträge, er sei jedoch kein Export-Verbot, heißt es aus Washington.

Nicht nur die Bundesregierung und die EU stehen aufgrund der Blockade im Austausch mit den US-Behörden, auch Curevac selbst sucht das Gespräch. „Wir sprechen auch mit vielen CEOs unseres Netzwerkes und sagen: Wir brauchen das Material, ihr müsst uns helfen, eine Lösung zu finden“, erklärt Curevac-Chef Haas dem Spiegel. „Europa muss sich autark aufstellen.“ Aktuell werde daran gearbeitet, eine langfristige Versorgung mit dem mRNA-Impfstoff zu gewährleisten. Die US-Blockade ist für das Tübinger Unternehmen deshalb gerade jetzt ein großes Hindernis. „In einem Jahr wird sich das Thema wohl nicht mehr stellen, da auch die Zulieferer ihre Produktion massiv hochfahren“, sagt Haas. „Aber jetzt ist es ein Problem“.

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