Pandemie-Szenario

Wenn das Coronavirus für jeden tödlich wäre

Medizinisches Personal transportiert eine Leiche aus einem Kühlwagen.
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Das Coronavirus hat mehr als 800.000 Tote weltweit gefordert - und das bei noch verhältnismäßig niedriger Sterberate
  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
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Es ist ein erschreckendes Szenario: Was wäre, wenn die Sterberate des Coronavirus viel höher läge? Aus dieser Vorstellung können wir Trauriges über die Natur des Menschen lernen.

Stuttgart - Mich beschäftigt in jüngster Zeit ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn das Coronavirus für jeden Infizierten tödlich wäre? Oder auch nur für die Hälfte? Erster Gedanke: Wir wären alle, salopp formuliert, am Arsch.

Die Covid-19-Pandemie breitete sich innerhalb weniger Wochen auf der ganzen Welt aus und wir waren machtlos dagegen. Wir, die fortschrittlichste und technologisch am weitesten entwickelte Zivilisation aller Zeiten konnte das Coronavirus nicht aufhalten.

Wenn das Coronavirus für jeden tödlich wäre, würden sich die Menschen anders verhalten

Der zweite, für mich weitaus interessantere Gedanke: All die Menschen, die gerade Masken verweigern und auf Corona-Demos Parolen brüllen, würden sich anders verhalten. Und zwar sowas von anders.

Statt ihren Mundschutz unter der Nase zu tragen, würden sie ihn bis zu ihren Augen hochziehen und am liebsten noch fest tackern. Statt am Badesee trotz Mindestabstand einen auf Büchsensardinen zu machen, würden sie sich in ihren Wohnungen verbarrikadieren.

Die Straßen wären leer. Und wenn sie unterwegs doch einem anderen Menschen begegneten, würden sie vermutlich im Sprint die Straßenseite wechseln. Puls 180 allein beim Anblick eines Fremden.

Statt ihre Freiheit einzufordern, würden Menschenmobs an den Gitterstäben vor dem Kanzleramt rütteln und schärfere Corona-Regeln fordern. Der Regierung vorwerfen, sie würde die Bürger nicht ausreichend schützen. Nein, würden sie nicht - aus Angst, sich unter so vielen anderen den Tod zu holen.

Coronavirus-Szenario mit höherer Sterberate entlarvt den Egoismus vieler Menschen

Jetzt kann man sagen, dass so ein Gedankenspiel müßig ist. Natürlich hätten die Menschen mehr Angst. Die Situation wäre weitaus dramatischer und unser Leben nicht mehr annähernd so bequem wie jetzt.

Doch trotzdem zeigt der Gedanke eines: Er entlarvt den traurigen Egoismus all jener, die gerade gegen die Corona-Regeln auf die Straße gehen und die sich bei ihren vermeintlich rebellischen Akten in Supermarkt und Straßenbahn wie Helden fühlen.

Wenn ihr eigenes Leben bedroht genug wäre, fänden diese Menschen den Mundschutz plötzlich nicht mehr unzumutbar. Plötzlich wäre das Atmen durch die Maske wunderbar möglich und den Mindestabstand würden sie freiwillig verdoppeln, wenn nicht verdreifachen.

Kaum jemand würde die Corona-Regeln als Eingriff ins Grundrecht sehen. Es wären plötzlich lebensrettende Maßnahmen, die gar nicht zur Debatte stünden.

Nur ist das Coronavirus eben nicht für alle Menschen tödlich, sondern nur für bestimmte. Nicht das eigene Leben ist in Gefahr, sondern das der anderen. Das der alten und kranken Menschen und das von jenen, die einfach Pech haben.

Deshalb ist ein Stück Stoff vor der Nase unzumutbar, der Mindestabstand unnötig. Diese Pandemie zeigt uns, dass Mitgefühl und Rücksichtnahme bei vielen Menschen gerade bis zur über den Mundschutz ragenden Nasenspitze reicht.

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