Baden-Württemberg ändert Impfplan

Corona-Impfungen: Virologe warnt vor gefährlichem Verstoß der Bundesländer

Bianca Ahlemeier (32), Tagesmutter in der häuslichen Tagespflege mit fünf Kindern, wird im Impfzentrum in der Koelnmesse von einer Ärztin mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft.
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Immer häufiger werden in Baden-Württemberg auch Erzieher geimpft. Ein Virologe kritisiert die neue Impfreihenfolge.
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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Die Corona-Impfreihenfolge wurde auch im Südwesten zuletzt immer weiter aufgeweicht. Der Ulmer Virologe Thomas Mertens kritisiert die Landesregierungen dafür.

Ulm - Das Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) hatte zuletzt dafür gesorgt, dass die Bevölkerung in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt werden musste, um eine Impfreihenfolge für das Bundesland und Deutschland zu schaffen. Zuerst sollten die Alten und Kranken geimpft werden, damit diese als Risikogruppe geschützt sind. Jedoch sollen nun in Baden-Württemberg bereits auch früher als geplant Erzieher, Lehrkräfte oder Polizisten geimpft werden. Dafür kritisiert Thomas Mertens, Virologe und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), die Landesregierung. Er ist besorgt über den um sich greifenden Trend, die Impfreihenfolge zunehmend abzuändern und darüber, dass bei immer neuen Änderungen am Impfplan Risikogruppen außen vor bleiben.

Von der ersten Infektion bis zur Pandemie*: Das Coronavirus in Baden-Württemberg breitete sich schnell aus. Dennoch habe man in ganz Deutschland die Pläne für die Impfreihenfolge* teilweise ignoriert. „De facto wird in den Ländern schon lange gegen die Priorisierung verstoßen“, sagte der Ulmer Virologe Thomas Mertens im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur (dpa). Es seien schon jetzt viele geimpft worden, die nach wissenschaftlichen Kriterien der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären. Dies führe dazu, dass die Regierungen aus Sicht Mertens vom Ziel abrückt, die Schwächsten und Gefährdetsten für schwere Covid-19-Verläufe zuerst zu schützen. Ein Lockern der Priorisierung dürfe aber nicht dazu führen, dass diese benachteiligt werden. In Baden-Württemberg waren mit Blick auf Schulöffnungen und auf Druck von Gewerkschaften Lehrkräfte, Erzieher und Polizisten bei der Impfung vorgezogen* worden. Die Stiko sprach sich jedoch gegen die bevorzuge Impfung von Lehrern* aus.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Impfreihenfolge zeigte bisher offenbar gewünschte Wirkung

Die Impfreihenfolge gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg habe bislang jedoch die gewünschte Wirkung gezeigt, betont Thomas Mertens: „Die Priorisierung mit Blick auf den Individualschutz funktioniert.“ Und Daten etwa aus Mecklenburg-Vorpommern zeigten, dass es bereits deutlich weniger schwere Erkrankungen und Todesfälle in der Gruppe der über 80-Jährigen gebe. Sollte in Deutschland bald genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, sollte es deshalb heißen: „Das eine tun, ohne das andere zu lassen.“

Ab April starten die Hausärzte mit den Impfungen* gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg. Thomas Mertens befürchtet auch dadurch eine weitere Aufweichung der Impfreihenfolge. Er traue Hausärzten jedoch zu, sich möglichst bei ihren Patienten an die Empfehlungen der Stiko zu halten. In dieser Woche beginnen im Südwesten die ersten Hausärzte in einem Pilotprojekt mit Corona-Impfungen, um so die Abläufe für die Regelversorgung später im Jahr zu proben.

Beide Impfungen gegen Coronavirus in Baden-Württemberg sollen mit gleichem Impfstoff erfolgen

Das Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland spaltet die Menschen. Der Leiter der Stiko, Thomas Mertens, versteht beide Seiten der zum Teil lautstarken Kritik am schleppenden Fortgang bei den Corona-Impfungen: Die Länder müssten den Mangel an Impfstoff verwalten, zugleich möchten viele Menschen, die laut Priorisierung noch nicht an der Reihe sind, geimpft werden. „Die Priorisierung war und ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Mangel an Impfstoff“, sagte Mertens. Der Impfstoff-Hersteller Curevac könnte mit seinem Impfdrucker jedoch den Lauf der Pandemie verändern*: Mithilfe eines weltweit ersten Impfdruckers können die Tübinger schnell und unkompliziert mRNA-Impfstoff produzieren.

Um eine vollständige Immunisierung gegen das Coronavirus zu erreichen, sei es laut Thomas Mertens wichtig, dass die ersten beiden Impfungen mit dem gleichen Impfstoff erfolgten. Aus immunologischer Sicht sollte es aber kein Problem sein, im Anschluss an eine Grundimmunisierung etwa mit einem Vektorimpfstoff, wie Astrazeneca, eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff, wie etwa dem von Biontech, zu erhalten. In Großbritannien gebe es erste Studien zu dieser Frage.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Könnte künftig eine jährliche Impfung nötig sein?

Mit Blick auf den weiteren Verlauf der Pandemie des Coronavirus in Baden-Württemberg hält der Stiko-Vorsitzende es für möglich, dass künftig jedes Jahr, wie gegen die Grippe, eine Impfung gegen das Coronavirus nötig sein wird. Angesichts der steigenden Impfstofflieferungen sagte Mertens, er hoffe nicht, dass wir demnächst über eine zu geringe Impfbereitschaft diskutieren müssten. Aber auch deshalb bleibe der Schutz der Schwächsten so wichtig.

Wer sich gegen das Coronavirus impfen lassen möchte, sollte sich gut über Termine und Anmeldung in Stuttgart und Baden-Württemberg* informieren: Die Impfung gegen das Coronavirus läuft wie jede andere Impfung ab und wird ausschließlich von medizinischem Personal durchgeführt. Nach der Impfung muss man zur Beobachtung noch 30 Minuten in einem gesonderten Wartebereich bleiben. Wer sich impfen lässt, muss zum Termin einen Impfass, die elektronische Gesundheitskarte und ein Ausweisdokument mitbringen. Ganz problemlos scheint die Impfung in den Impfzentren dennoch noch immer nicht in jedem Fall abzulaufen. Wie Echo24* berichtet, werden viele Menschen trotz Termin am Impfzentrum für den Landkreis Heilbronn abgewiesen.*BW24 und Echo24 sind ein Angebot von IPPEN.Media.

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