Steigende Inzidenz in Tübingen

Tübinger Modell droht der Abbruch: „Testen statt Lockdown ist Wunschdenken“

Einige Menschen sitzen auf dem Tübinger Rathausplatz in Cafes.
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In Tübingen können Menschen in der Stadt kostenlose Corona-Tests machen.
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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Das Tübinger Modell ist umstritten: Trotz Corona-Schnelltests steigen die Infektionen inzwischen wieder in der Stadt. Oberbürgermeister Boris Palmer bittet dennoch, das Projekt nicht vorzeitig abzubrechen.

Tübingen - Lange war die Stadt Tübingen das Vorbild im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg. Doch das ist offenbar vorbei. Obwohl hier auf Corona-Schnelltests gesetzt wird, um den Menschen das Einkaufen, Restaurant- und Theaterbesuche zu ermöglichen, ist der Inzidenzwert mittlerweile stark angestiegen: 110,2 Neuinfektionen pro 100.000 in einer Woche gab es am Dienstag in Tübingen.

Trotz der steigenden Inzidenz des Coronavirus in Baden-Württemberg, läuft der Tübinger Modellversuch weiter. Die Stadt- und Landkreise, die sich ebenfalls als Modell beworben haben, müssen sich gedulden. Wie die Stuttgarter Zeitung schreibt, erklärte ein Sprecher des Sozialministeriums in Stuttgart: „Momentan gibt es weder Zu- noch Absagen.“ Die Städte Ludwigsburg, Esslingen und Pforzheim sowie die Kreise Calw, Tuttlingen, Böblingen und die Tourismusregion Hochschwarzwald hatten Interesse bekundet, eine Öffnung wie in Tübingen zu wagen. Das Tübinger Modell erlaubt es dem Einzelhandel sowie Gastronomie- und Kulturbetrieben in der Stadt, für Menschen mit einem tagesaktuellen negativen Coronatest zu öffnen.

Tübinger Modell: Boris Palmer will das Projekt nicht abbrechen

Doch die Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg haben sich landesweit verschlechtert: In Tübingen sind Fälle in Kitas, Schulen und Erstaufnahmeeinrichtungen aufgetreten, was zu einem enormen Anstieg des Inzidenzwertes der Stadt geführt hat. Aufgrund dessen äußert nun auch Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) Bedenken. Palmer erhält zudem Morddrohungen und hatte wegen des Modellprojekts schon viel Kritik einstecken müssen.

Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, formuliert Boris Palmer seine Bedenken gegenüber dem Tübinger Modellprojekt in einem Zwischenbericht an das Sozialministerium: „Die Entwicklung der Fallzahlen ist in der zweiten Woche des Versuchs kritischer zu bewerten als in der ersten.“ Noch gebe es keine Hinweise, dass die kontrollierten Öffnungen zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt hätten. „Dies kann aber angesichts der stark gestiegenen Inzidenz insgesamt auch nicht mehr sicher ausgeschlossen werden“, so Palmer in der Zwischenbilanz.

Boris Palmer wird besonders von Karl Lauterbach kritisiert: „Testen statt Lockdown ist Wunschdenken“

Boris Palmer appelliert in seiner Zwischenbilanz trotz steigender Inzidenz in Tübingen, das Tübinger Modellprojekt zunächst weiterlaufen zu lassen: „Statt eines Abbruchs des Projekts wäre die Einführung zusätzlicher Testpflichten erwägenswert.“ Gerne würde er in Betrieben und Schulen zweimal wöchentlich schnelltesten lassen. Es sei zweckmäßig, den Verlauf der Karwoche und Osterfeiertage abzuwarten. Am 6. April könne man dann über die Fortsetzung des Projekts entscheiden. Vonseiten des Sozialministeriums gibt es schon eine Zustimmung, dass das Tübinger Modell bis zum 18. April laufen soll.

Ein Kritiker des Tübinger Modells ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Boris Palmer und Lauterbach lieferten sich schon eine heftige Auseinandersetzung per Twitter. Nun verfasste der Experte erneut einen Tweet, in dem er das Projekt in Tübingen angriff: „Testen statt Lockdown ist Wunschdenken, genau wie Abnehmen durch Essen.“

Mit Blick auf die Zahlen im Landkreis Tübingen plädierte Karl Lauterbach für eine Ausgangsbeschränkung und die „Notbremse“, um das Wachstum der Sieben-Tage-Inzidenz zu stoppen, so der Schwarzwälder Bote. Lauterbach sagt, es müsse möglich werden, Cluster über die Pflicht zur Testung in Betrieben und Schulen schnell zu erkennen. „So schafft man die Voraussetzung für Lockerungen“, twitterte der Bundestagsabgeordnete.

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