Lockdown seit Monaten

Bissiger Facebook-Post: Wirt rechnet mit Corona-Politik ab - und sorgt im Netz für Lacher

Montage: Die Terrasse des Hotel Ochsen im Regen, daneben Familie Braune mit Mundschutz
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Familie Braune führt das Hotel Ochsen im Schwarzwald und wundert sich über absurde Corona-Regeln
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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Das Coronavirus in Baden-Württemberg trifft Gastronomen hart. Seit Monaten dürfen sie keine Gäste mehr empfangen. Ein Wirt rechnet jetzt über Facebook mit der Corona-Politik ab.

Höfen an der Enz/Calw - Das Coronavirus in Baden-Württemberg sorgte im vergangenen Jahr dafür, dass in den Ferienregionen deutschlandweit die Urlaubsbuchungen in die Höhe schossen. Vor allem der Naturpark Schwarzwald wurde förmlich von Urlaubshungrigen überrannt. Im Winter drängten sich dann dreiste Ausflügler in den Lebensraum der Wildtiere. Und nun? Die aktuellen Coronaregeln sorgen dafür, dass den Wirten und Hoteliers in ganz Deutschland die Besucher ausbleiben. Und die Aussichten für die kommenden Wochen sind auch nicht rosig. Ein Wirt aus dem Schwarzwald hat seiner Verzweiflung Luft gemacht und rechnet über Facebook mit der Corona-Politik ab.

Holger Braune führt das Hotel Ochsen in Höfen an der Enz im Nordschwarzwald, doch seit dem 2. November 2020 ist sein Betrieb geschlossen. Wo sich um diese Jahreszeit normalerweise viele Ausflügler tummeln, ist gerade gähnende Leere angesagt. Der Grund: Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg dürfen Hotels momentan nur Geschäftsreisende empfangen, die Gastronomie ist nur für Essen zum Mitnehmen gedacht. Aber selbst die beruflichen Gäste lassen auf sich warten: „Geschäftliche Übernachtungen dürfen sein, sind aber derzeit auch aufgrund der Verunsicherung eher spärlich“, sagt Braune im Gespräch mit BW24. Nun will die Politik Gastronomiebetrieben womöglich bald erlauben, zumindest ihre Außenbereiche zu öffnen - wenn sie ihre Gäste vorher testen.

Facebook als Druckventil: Über 200.000 Menschen lesen den Corona-kritischen Post täglich

Um seinem Ärger über die Corona-Politik Ausdruck zu verleihen, hat Holger Braune einen Beitrag auf Facebook verfasst. Auf dem Bild dazu ist die Außenterrasse seines Hotels zu sehen, die Tische und Stühle sind leer und nass vor lauter Regen, der Himmel ist wolkenverhangen und lädt nicht gerade zum Verweilen ein. In dem Post schreibt Braune: „Wir freuen uns, dass wir Sie bei bestem Wetter bald wieder auf unserer Terrasse begrüßen dürfen.“ Mit einem sarkastischen Unterton lädt er potenzielle Gäste ein, bei „gemütlichen zwei Grad über null“ hausgemachten Kuchen zu essen und dazu Kaffee zu trinken. „Leichter Wind und Graupelschauer versüßen Ihnen den Aufenthalt bei uns. Mit etwas Glück schaut sogar das ein oder andere Schneeflöckchen vorbei.“ Über 2.000 Mal wurde der Beitrag vom Hotel Ochsen geteilt und hat nach Angaben von Braune täglich mehr als 200.000 erreichte Personen.

Wie kam Holger Braune dazu, über Facebook mit der Politik rund um das Coronavirus in Baden-Württemberg abzurechnen? „Ich habe am Montagmorgen aus dem Fenster gesehen und mir gedacht: Bei diesem Wetter sollen wir die Außengastronomie öffnen dürfen? Und nur die? Das macht zu dieser Jahreszeit überhaupt keinen Sinn, zumindest nicht für unseren Betrieb.“ Er halte die Regelung rund um die Öffnung der Außengastronomie für eine „reine Alibi-Regelung“ der Politik: „Sie geben den Gastronomen ein kleines Häppchen damit wir still halten, besonders vor den Landtagswahlen.“

Dem Gastronomen aus dem Nordschwarzwald ist es wichtig, zu betonen, dass er keineswegs ein Coronaleugner ist: „Aber inzwischen halten sehr viele Menschen die Maßnahmen nicht mehr für verhältnismäßig. Daran gehen doch ganze Branchen kaputt. Das trifft ja nicht nur uns, sondern auch die vielen kleinen Fachgeschäfte, unsere Zulieferer und so weiter.“ Holger Braune sagt: „Man fühlt sich machtlos und ohnmächtig gegenüber den ganzen Regelungen.“

Die Corona-Politik erlaubt womöglich bald Außengastronomie, wenn Gäste vorab getestet werden

Ein Jahr Corona zeigt: Die Lage der Tourismusbranche in Baden-Württemberg ist erschreckend. Doch laut der aktuellen Regelungen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg sollen Gastronomen nun bald die Möglichkeit bekommen, ihre Terrassen und Außenbereiche für Gäste zu öffnen. Die Bedingung ist jedoch, dass die Restaurantbetreiber ihre Besucher vorab testen sollen. „Diese Idee bringt mich völlig auf die Palme“, so Holger Braune im Interview. „Wie soll das bitte funktionieren? Wir haben kein medizinisches Personal und auch nicht die entsprechenden räumlichen Möglichkeiten.“

Er wolle gar nicht daran denken, was passieren würde, sollte ein Mitarbeiter einen Gast beim Testen verletzen: „Wer kommt dann für den Schaden auf?“ Schon fast lächerlich findet Braue den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), ein Zelt vor dem Restaurant aufzustellen, in denen die Gäste schon das ein oder andere Getränk zu sich nehmen könnten, solange sie auf ihr Testergebnis warten: „Da frage ich mich schon, was das noch mit der Realität zu tun hat.“

Verärgerter Wirt macht seinem Ärger auf Facebook Luft

In Holger Braunes Post auf Facebook, in dem er seinem Ärger zur Politik um das Coronavirus in Baden-Württemberg Luft macht, heißt es weiter: „Besonderer Dank für diese hervorragende Öffnungsperspektive geht an die verantwortlichen Politiker. An diesen Entscheidungen spürt man die ganze Leidenschaft und Wertschätzung, die unserer Branche entgegengebracht wird.“ Hätte Braune die Möglichkeit, einmal mit einem der verantwortlichen Politiker zu sprechen, wüsste er ganz genau, was er sagen würde: „Schaut nicht nur auf die verdammten Inzidenzen, sondern wägt auch ab, was der Lockdown mit den Menschen macht - finanziell und vor allem menschlich.“

Er wünsche sich, dass sich Politiker wieder den Bürgern nähern. „Wenn man manche Regelungen liest, fragt man sich: Auf welchem Planeten leben die denn?“ Betroffene Unternehmen bräuchten schnelle und unbürokratische Hilfe, „bevor viele Existenzen zerstört werden“. Der Gastronom weiß, wovon er spricht, immerhin ist er Vater dreier Kinder: „Hinter jedem Unternehmen steckt ein Schicksal, eine Familie mit Sorgen und Nöten.“

Für sichere Besuche während Corona haben Wirte viel Geld investiert: Restaurants bleiben trotzdem zu

Im vergangenen Jahr, in dem das Coronavirus in Baden-Württemberg schon viele Existenzen gekostet hat, hatte auch das Hotel Ochsen in Höfen an der Enz zu kämpfen. „Wir haben viel in den Infektionsschutz investiert“, erzählt Holger Braune. „Wie viele meiner Kollegen auch, haben wir Trennwände angeschafft, Desinfektionsmittel bereitgestellt, zusätzlichen Spuckschutz installiert, Masken beschafft, weniger Tische auf Terrasse und im Restaurant platziert.“ Trotz all dieser Maßnahmen und auch mit dem Hintergrund, nicht die Pandemietreiber zu sein, wurden Gastronomien als erstes geschlossen: „Und als letztes geöffnet.“ Braune sagt: „Menschen treffen sich dann ohne Abstand und Hygienekonzept privat und genau hier kommt es dann zu Ansteckungen.“

Um sein Hotel auch während des Coronavirus in Baden-Württemberg betreiben zu können, hat Betreiber Holger Braune auch hier in die Ausrüstung investiert: „Im Hotel selbst setzen wie seit letztem Jahr auf Heißdampfgeräte. Die Zimmer werden nach Abreise damit gereinigt. Allein diese Anschaffung dieser Geräte hat 10.000 Euro gekostet.“

Tourismus und Corona: Mit dem Flieger nach Mallorca, aber nicht mit dem Auto in den Schwarzwald?

Dass sein Beitrag auf Facebook so viel Zuspruch finden würde, damit hat Holger Braune nicht gerechnet: „Ich bin aufgrund der vielen Reaktionen sehr positiv überrascht und überwältigt.“ Eigentlich habe er nur vorgehabt, mit etwas Sarkasmus und Witz auf die derzeitige Situation der Branche und die „weltfremden Regelungen“ hinzuweisen. „Weshalb dürfen wir nach Malle fliegen, aber nicht im Schwarzwald Urlaub machen? Im Flieger sitzt man eng an eng, in den Schwarzwald oder ans Meer kann man individuell mit dem eigenen Auto anreisen.“ Der Hotelier findet es wichtig, keine Angst vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg zu haben: „Wir müssen lernen damit zu leben, sonst werden wir auf absehbare Zeit keine Normalität erlangen. Und das ist es, nachdem sich alle Menschen sehnen.“

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