Inzidenz von fast 1.000

„Saublöde Tat“: Corona-Wanderer aus Mühlheim bedroht - Bürgermeister warnt vor „Hexenjagd“

Wanderer machen sich bereit für einen Ausflug.
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Eine Wandergruppe sorgte dafür, dass in der kleinen Stadt Mühlheim eine Corona-Krise enormen Ausmaßes ausbrach.
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Das baden-württembergische Mühlheim entwickelte sich nach einem Wanderausflug zum Corona-Hotspot. Nun drohen Konsequenzen für die Verantwortlichen.

Update vom 5. Februar 2021, 12:01 Uhr: In der kleinen Stadt Mühlheim an der Donau herrscht absoluter Ausnahmezustand: Wegen seiner hohen Corona-Zahlen wurde die Gemeinde jetzt deutschlandweit bekannt. Eine Inzidenz von fast 1.000 lässt aufhorchen. Die Verantwortlichen sind bereits ausfindig gemacht: 14 Personen aus zehn Haushalten hielten sich nicht an die Corona-Verordnungen und veranstalteten eine gemeinsame Wanderung - obwohl zwei von ihnen zuvor positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Ihr Ausflug, den sie gesellig in einer Hütte abschlossen, hatte weitreichende Folgen für die ganze Gemeinde. Nachdem die Wanderer sich untereinander angesteckt hatten, verschleppten sie das Virus in der Stadt, indem sie weiterhin zur Arbeit fuhren.

Der Ruf der kleinen Gemeinde wurde durch den Vorfall stark beschädigt. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, habe sich ein Kommunalpolitiker schon beschwert, dass sein Heimatort nun als „Klein-Ischgl“ gelten würde. In einem Örtchen mit 3.600 Einwohnern spricht sich offenbar schnell herum, wer die Wanderer waren. Alle aus der Gruppe hätten Lokalzeitungen gegenüber von „massiven Drohungen“ gegen sie berichtet, die sie jetzt bekommen, so die SZ. Einige würden inzwischen von einer „saublöden Tat“ sprechen. Anderen fehle die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Stadt Mühlheim rügt Wanderer in einer öffentlichen Stellungnahme

Mühlheims Bürgermeister sowie sämtliche Gemeinde- und Ortschaftsräte haben das Verhalten der Wandergruppe in einer öffentlichen Stellungnahme verurteilt. „Der Vorfall hat dem Ansehen unserer Stadt, aber auch unseres Landkreises stark geschadet“, heißt es da. Er trage maßgeblich dazu bei, dass die Zahl der Neuinfektionen im Landkreis mit fast 1.000 deutlich über dem Landesdurchschnitt liege.

Auch im Netz schockierte die Meldung zahlreiche Nutzer. „Es sollte jedem klar sein, dass es an solchen Menschen liegt, dass es mit den Lockerungen noch dauert, und damit andere in die Pleite gehen werden. Solidarität ist eben für manche ein Fremdwort, Hauptsache ich, ich, ich“, kommentierte eine Facebook-Nutzerin. „Niemand nimmt gelassen hin, wenn er durch Regelbrecher mal eben in Gefahr gerät, sich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu infizieren. Dieses, im wahrsten Sinn des Wortes, asoziale Verhalten, gehört bestraft“, schreibt eine andere.

Coronavirus in Baden-Württemberg: „Harte und unnachgiebige Bestrafung“ droht

Offenbar ist auch der Dorffrieden in der kleinen Gemeinde gestört. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung habe es bereits Anfeindungen gegeben, weil manche behaupteten, die Wanderung sei von einem Verein organisiert worden - was jedoch laut der Kommunalpolitik nicht stimmt. In der öffentlichen Stellungnahme wird verkündet: „Angesichts des Umfangs und der Qualität an Verstößen, sowie unverantwortlichem Handeln, hat das Landratsamt die Polizei und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.“ Nun werde es eine „harte und unnachgiebige Bestrafung“ dieser Verstöße geben.

„Seien wir aber nicht maßlos in unserer Selbstgerechtigkeit“, heißt es aber auch in der Stellungnahme. „Sondern verhalten wir uns alle so, wie wir es von unseren Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden zu Recht erwarten: Konsequent alle Regeln einhaltend und immer daran denkend, dass Fehlverhalten Gesundheit, Leben, Bildungschancen und Arbeitsplätze konkret gefährdet und folglich nicht hinnehmbar ist.“ Auch Bürgermeister Jörg Kaltenbach mahnte in der Schwäbischen Zeitung nun an, dass man nun trotz allem Ärger keine „Hexenjagd“ gegen die Beteiligten veranstalten dürfe.

Bislang geht man auf Seiten der Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Wanderer keine Straftaten, sondern lediglich Ordnungswidrigkeiten begangen hätten, wie ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) berichtete. Zudem teilte der Landkreis mit, dass sich Landrat Stefan Bär aufgrund laufender Ermittlungen nicht weiter zu dem Fall äußern werde.

Mühlheim ist ein beschauliches Städtchen im Landkreis Tuttlingen. Nun machte es deutschlandweit Schlagzeilen.

Erstmeldung vom 3. Februar 2021: Tuttlingen - Das kleine Mühlheim an der Donau verzeichnete in den letzten Tagen einen massiven Anstieg der 7-Tage-Inzidenz, sogar ganze Betriebe sind betroffen. Der kleine Ort bei Tuttlingen mit nur 3.640 Einwohnern bringt es jetzt auf einen Inzidenz-Wert von 910. Schuld daran ist offenbar ein Wanderausflug einer 14-köpfigen Gruppe aus zehn Haushalten, die sich nicht an Verbote und Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus hielt. Zwei der Personen waren zuvor positiv auf Covid-19 getestet worden. Trotz des verschärften Lockdowns in Baden-Württemberg brach die Wandertruppe kürzlich von Mühlheim ins Donautal auf und schloss den Ausflug mit einem geselligen Beisammensein in einer Hütte ab. Dabei steckten sie sich gegenseitig mit dem Coronavirus an und verbreiteten dieses später noch in der Gemeinde.

In einer Zeit, in der hochansteckende Mutationen des Coronavirus in Baden-Württemberg um sich greifen, scheint das Verhalten der Gruppe unerklärlich. Auch Landrat Stefan Bär zeigt sich in einer Videobotschaft vom Landratsamt Tuttlingen sichtlich schockiert. Aus dem fröhlichen Wandertrip seien mindestens 25 Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Mühlheim und Umgebung hervorgegangen. „Das Ende ist noch nicht absehbar.“

Coronavirus in Baden-Württemberg: „Einer der massivsten Verstöße, die wir bisher erlebt haben“

Wie der Landrat in seiner Videobotschaft mitteilte, sei unter den Infizierten auch eine Person, die sich aufgrund gesundheitlicher Vorbelastung nun in stationärer Behandlung im Krankenhaus befinde. Außerdem hätten die Corona-Ausbrüche „Auswirkungen auf mindestens zwei Betriebe“ in der Gemeinde Mühlheim und in der Umgebung. „Wir gehen davon aus, dass noch weitere Betriebe davon betroffen sein werden“, so Stefan Bär. Es sei „einer der massivsten Verstöße gegen die Corona-Verordnung, die wir bisher kennengelernt haben“.

Coronavirus in Baden-Württemberg: „Verhalten grenzt an Selbstherrlichkeit“

„Bedenklich ist nicht nur die Tatsache, dass die Teilnehmer als Gruppe durch ihren Ort marschiert sind - wahrscheinlich nach dem Motto: Wir können machen, was wir wollen“, so Stefan Bär. „Das ist nicht nur rücksichtslos, sondern grenzt an Selbstherrlichkeit.“ Besonders schockiere ihn, dass zwei der Personen trotz positiver Corona-Tests weiterhin in ihre Betriebe gegangen seien und dort weitere Personen angesteckt haben. Dadurch hat der Corona-Ausbruch in Mühlheim auch Auswirkungen auf die Firmen in der Gemeinde.

Mittlerweile ermittelt die Polizei in dem Fall, über den auch heidelberg24* und echo24* berichteten. Zudem wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. „Es geht nicht mehr nur um Bußgeldbescheide, die wir als Landratsamt verhängen würden“, so Landrat Stefan Bär. „Sondern es geht nun auch um Straftatbestände, die zu prüfen sind.“ Man werde mit aller Härte und Konsequenz den Vorfall aufarbeiten. Das Verhalten sei „rücksichtslos und egoistisch“ und „zum Schaden unserer gesamten Gesellschaft“.

Stefan Bär sieht den Vorfall auch als „Schlag ins Gesicht für alle, die sich an die Corona-Regeln halten, obwohl sie sich vermutlich auch täglich darüber ärgern“. Für ihn zeige der Fall jedoch auch, welche weitreichenden Konsequenzen bereits ein Treffen einer kleinen Gruppe haben kann. Sein Appell an die Bürger: „Es wird bald eine Debatte über Lockerungen geben. Diese wird jedoch vor allem von den Inzidenzzahlen abhängig gemacht.“ Solange jedoch eine solche Nachlässigkeit herrsche, sei der Kreis Tuttlingen noch weit von Öffnungen entfernt. *heidelberg24 und *echo24.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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