„Wir können so nicht weitermachen“

Lockdown: Oberbürgermeister rechnet bei Facebook ab - „Öffnen, arbeiten und überleben“

Christoph Grimmer macht beim Joggen ein Selfie für Instagram
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Der Crailsheimer Oberbürgermeister Christoph Grimmer richtet bei Facebook einen flammenden Appell an die Regierung
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Der Crailsheimer Oberbürgermeister Christoph Grimmer appelliert auf Facebook an die Politik. Man könne nicht einzelne Bereiche der Wirtschaft benachteiligen, während man andere bevorzugt.

Crailsheim - Seit fast einem Jahr prägt das Coronavirus in Baden-Württemberg unser Leben. Vor allem der Einzelhandel leidet unter den fatalen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Immer wieder wurde der Lockdown auch in Baden-Württemberg verlängert, aktuell bis 7. März. Abgesehen von Friseuren und Blumenläden, die am 1. März wieder öffnen dürfen, hoffen Betreiber anderer Geschäfte immer noch auf eine baldige Öffnung. Im schlimmsten Fall könnten laut Handelsverband 12.000 Händler in Baden-Württemberg den Lockdown nicht überleben. Angesichts dieser Zahlen platzte Christoph Grimmer, Oberbürgermeister von Crailsheim, nun der Kragen. „Wir können so nicht weitermachen“, schreibt er in einem Facebook-Post. Lange habe er sich zurückgehalten, „Politikbashing“ zu betreiben oder Ratschläge zu erteilen. Jetzt reicht es dem OB.

„Es kann nicht sein, dass wir einzelne Bereiche unserer Wirtschaft und Gesellschaft opfern“, appelliert Grimmer in seinem Posting. Größere Infektionsgeschehen habe es in der Region zuletzt bei den Unternehmen Kärcher, Bürger und Würth gegeben. „Das kann vorkommen, wo Menschen zusammenarbeiten - trotz bester Hygienevorkehrungen“, so Grimmer. „Aber es kann nicht sein, dass wir im Gegenzug den Einzelhandel in unseren Städten und Gemeinden mit Füßen treten.“ Dass Bürger im Supermarkt einkaufen dürfen, ihnen jedoch der Besuch von Fachgeschäften verwehrt bleibt, hält Grimmer für unlogisch. „Wer im Supermarkt einkaufen gehen kann, der kann auch mit Mundschuftz und Abstand im Bekleidungs- oder Bettengeschäft stöbern“, argumentiert er.

Crailsheimer Oberbürgermeister erhält im Netz Zustimmung von über tausend Menschen

In seinem Facebook-Post fordert Christoph Grimmer „Maßnahmen mit Augenmaß“ und „vergleichbare Maßstäbe für alle“. Dabei appelliert er unmittelbar an die Verantwortlichen in der Regierung, indem er Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sowie Politiker auf Bundesebene wie Jens Spahn (CDU) in seinem Beitrag verlinkt. Schon nach wenigen Tagen reagierten fast zweitausend Nutzer mit einem „Like“, über tausend teilten den Post des Crailsheimer Oberbürgermeisters.

Christoph Grimmer warnt, dass bei einer Verlängerung der Maßnahmen zum Infektionsschutz ein Aussterben von Stadtzentren droht. Damit ist er nicht alleine: Laut einer Umfrage fürchten sich auch die Bürger um ihre Innenstädte. Der Crailsheimer OB glaubt, dass die Mehrheit der Bürger die Corona-Maßnahmen akzeptiert und ihre Notwendigkeit versteht. Kritisch sieht er jedoch, dass die Einschränkungen im dreiwöchigen Rhythmus verlängert werden. Das zerstöre bei einigen die Hoffnung auf eine Besserung. Eine ähnliche Meinung hat der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU): Auch er stellt die Lockdown-Maßnahmen in Baden-Württemberg infrage und fürchtet sogar einen „Vertrauensverlust“ der Bevölkerung gegenüber der Politik.

Der Oberbürgermeister von Crailsheim fordert deswegen eine kontrollierte Öffnung des Einzelhandels. Im Gespräch mit der Südwestpresse bringt er sein Anliegen auf die Formel: „öffnen, arbeiten und überleben“.

Grimmers Posting trifft den Nerv vieler Betroffenen - Proteste nehmen Fahrt auf

Auf Facebook wurde Christoph Grimmers Post hundertfach kommentiert. „Tausend Dank für ihre öffentliche Haltung“, schreibt ein Nutzer. „Es ist beschämend, wie man mit dem Einzelhandel umgeht.“ Enormer Widerstand regt sich derzeit nicht nur im Netz. Zahlreiche Händler starten eine Klagewelle. Das Modehaus Breuninger mit Hauptsitz in Stuttgart stellte gleich in sechs Bundesländern gerichtliche Eilanträge auf eine Wiedereröffnung der Warenhäuser - oder zumindest Entschädigungen. Weitere Firmen ziehen nach. So hat das Familienunternehmen Riani aus Schorndorf (Rems-Murr-Kreis), das mehrere Boutiquen in Deutschland vertreibt, ebenfalls einen Eilantrag am Verwaltungsgerichtshof in Mannheim gestellt.

Schon seit Monaten regt sich im ganzen Land Protest gegen die Lockdown-Maßnahmen. Bereits Ende 2020 rechneten 15 Bürgermeister in einem Brandbrief mit Kretschmann ab. Auch kreativere und ungewöhnlichere Formen des Widerstands machen die Runde. Um ihrem Ärger auf die anhaltende Schließung der Geschäfte Luft zu machen, verschicken derzeit Einzelhändler täglich massenhaft Pakete an Kretschmann und Merkel. Da sie einige Waren saisonbedingt nicht mehr verkaufen können, wollen sie den Politikern mit ihrer Aktion zeigen, mit wie vielen Einbußen sie durch die Einschränkungen zu kämpfen haben.

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