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Achtung, Heuchler! Wo sind die Stay-Home-Chöre jetzt?

Ein Zettel mit einem Regenbogen und der Aufschrift: „Wir bleiben zuhause“ hängt an einem Laternenmast in Stuttgart
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Das Kontaktverbot wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg wurde zunächst gut akzeptiert - doch die Stimmung kippt
  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
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Das Coronavirus legt Baden-Württemberg seit Wochen mit einem Kontaktverbot lahm. Von dem Hype um „Stay Home“ und Hilfsaktionen bei Facebook ist nicht mehr viel übrig.

Stuttgart - Ich erlebe gerade jeden Tag diesen einen Moment, in dem mir alles so verdammt unwirklich vorkommt. Seit sich das Coronavirus in meiner Heimat, in Baden-Württemberg, verbreitet hat, herrscht Ausnahmezustand. Die Welt keucht im Würgegriff von Covid-19 - der wohl größten globalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das ist doch verrückt, denke ich mir. Ein Ereignis wie die Covid-19-Pandemie kennt man aus Geschichtsbüchern, aus Katastrophen-Filmen. Das passiert doch alles nicht wirklich, denke ich und möchte dieses Gefühl abschütteln wie eine lästige Mücke. Doch das Coronavirus ist real. In Baden-Württemberg, in Deutschland, im Rest der Welt.

Da ist noch ein Gedanke, der sich immer wieder in meinen Kopf schleicht. Irgendetwas an dieser Situation kommt mir bekannt vor. Erst waren da diese bunten „Stay Home“-Plakate, die sich Menschen ins Küchenfenster klebten. Filter auf Facebook-Profilbildern. Wohltäter, die Zettel im Treppenhaus aufhängen und Nachbarn Corona-Hilfe beim Einkauf anbieten - und diesen Zettel dann bei Facebook posten, damit es die Freunde auch sehen. Zur Inspiration, versteht sich.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Hype um „Stay Home“ und Hilfsaktionen ebbt ab

Wieder kam mir während der Coronakrise in Baden-Württemberg dieser Gedanke, dass ich das von irgendwoher kenne. Das kollektive Schwelgen in Zusammenhalt, das verzückte Mutzusprechen. Man hatte das Gefühl, dass die Menschheit jetzt wahre Größe zeigen und sich vereint gegen Covid-19 stemmen kann. One world, one future. Und dann?

Tja, dann ploppten plötzlich immer seltener inspirierende Botschaften im Facebook-Newsfeed auf. Die „Stay Home“-Chöre verstummten, wichen einem genervten Seufzen. Stattdessen teilen Facebook-Freunde nun Videos, in denen dubiose Mediziner versichern, dass das Kontaktverbot und die Corona-Hysterie übertrieben seien. Das „Stuttgart hält zusammen“-Banner, das zwei junge Männer vor einigen Wochen an einer Brücke in Degerloch angebracht hatten, hängt schlaff und traurig auf Halbmast.

Die Menschen scheinen genug zu haben vom Kontaktverbot, das zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern gilt. Sie haben ihre Geduld aufgezehrt, die Opferbereitschaft stößt an Grenzen. Ist das nur mein persönlicher Eindruck? Nein, denn Wissenschaftler der Uni Mannheim stellen in ihrer Coronavirus-Studie fest, dass die Stimmung in der Bevölkerung gekippt ist.

Coronavirus: Meinung zum Kontaktverbot hat sich laut Universität Mannheim verändert

Vor wenigen Wochen waren noch mehr als die Hälfte der Befragten für Coronavirus-Ausgangsbeschränkungen in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern. Mittlerweile sackte dieser Wert ab: Nur noch 30 Prozent halten die Maßnahme für angemessen. Und: Immer mehr Menschen ignorieren das Kontaktverbot, treffen sich trotzdem mit Freunden. Die Einschränkungen seien für viele Menschen ein schwer zu bewältigender Eingriff, sagt die Studienleiterin Annelies Blom.

Dann kam der Moment, in dem mir alles wieder einfiel. In dem mir klar wurde, warum zum Teufel mich dieses Déjà-vu verfolgte. Ich ging neulich mit meinem Hund Gassi und kam an drei Senioren vorbei. Wohl um die 60 und mit Nordic-Walking-Stöcken bewaffnet. Sie unterhielten sich angeregt über das Coronavirus und die Maßnahmen der Landesregierung in Baden-Württemberg - natürlich mit 1,5 Metern Abstand voneinander.

Eine Frau sagte: „Also die meisten Todesopfer wären ja sowieso dran gewesen mit Sterben. Das ist die normale Alterssterblichkeit, nur Corona kam ihnen zuvor.“ Es seien auch jüngere Menschen tot, der 59-jährige Kollege eines Bekannten sei zwei Wochen am Beatmungsgerät gehangen, bevor er gestorben sei. „Aber insgesamt ist dieser Corona-Quatsch übertrieben.“

Coronavirus in Baden-Württemberg: Parallelen zum „Refugees welcome“-Hype 2015

Da machte es klick. Als ich an diesen rüstigen Power-Walkern vorbeispazierte, erinnerte ich mich an das Jahr 2015, als schon einmal innerhalb kurzer Zeit die Stimmung in der Bevölkerung umschlug. Im Sommer noch: Jubelnde Menschenmengen, die mit Teddys und Blumen am Bahnhof auf ankommende Flüchtlinge warteten. Bunte „Refugees welcome“-Plakate in den Fenstern. Facebook-Filter, mit denen man auf dem Profilfoto seine Solidarität bekunden konnte. Und dann plötzlich: Sinkende Akzeptanz für Asylbewerber in Umfragen. Forderungen nach dem Zuwanderungsstopp. Am Bahnhof wartete niemand mehr.

Um den Empörungsrufen zuvorzukommen, möchte ich betonen, dass ich nicht Flüchtlinge mit dem Coronavirus vergleichen will. Ich wiederhole: Es geht mir nicht darum, die Auswirkungen der Flüchtlingskrise von 2015 mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu vergleichen. Mir geht es um das Zurschaustellen von Hilfsbereitschaft und Menschenliebe, um dieses sich selbst als Gesellschaft in den sozialen Netzwerken Abfeiern. Nur um dann einzuknicken, wenn echte Opfer gefordert sind. Das ist Heuchelei.

Die Flüchtlingskrise 2015 und die Corona-Krise 2020 halten der Gesellschaft den Spiegel vor, entlarven Hypes in den sozialen Netzwerken und Medien als das, was sie sind: Aufgeblasene Hülsen, denen beim kleinsten Piks die Luft ausgeht. Ich spreche nicht von Ladenbesitzern, Künstlern, Arbeitnehmern, die wegen Covid-19 in finanzielle Not geraten und verzweifelt auf ein Ende des Kontaktverbots hoffen. Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft in Baden-Württemberg und anderen Regionen sind gerade für sie dramatisch.

Coronavirus: "Stay Home" ist nicht mehr in, sondern öde

Ich spreche von den Menschen, die einen Friseurbesuch plötzlich zum Menschenrecht erklärten. Jene, für die drei Wochen Kontaktverbot noch hippes politisches Statement waren, aber fünf Wochen schon unerträglich langweilig. Plötzlich ist „Stay Home“ nicht mehr in, sondern öde. Eine Seuche hat sich über den gesamten Erdball ausgebreitet und fast 200.000 Menschen getötet? Ja, okay, aber jetzt reden wir mal wieder über was anderes.

Viele scheinen vergessen zu haben, dass das Corona-Kontaktverbot in Baden-Württemberg und anderen Regionen Leben rettet, wie diese anschauliche Grafik zeigt:

Die Reproduktionszahl des Coronavirus ist in Baden-Württemberg niedriger als im Rest Deutschlands - vermutlich weil die Regeln zum Infektionsschutz bisher so konsequent eingehalten wurden. Und Beispiele aus anderen Ländern wie den USA, Italien oder Spanien zeigen, dass es auch hier viel schlimmer hätte kommen können. Aber offenbar ist Nächstenliebe eine Ressource, die schnell aufgebraucht ist.

Ich werde mich daran erinnern, wenn sich die Menschen das nächste Mal Plakate mit Twitter-Hashtags in die Fenster und Solidaritäts-Filter über ihre Profil-Fotos kleben. Und an die wahren Helden solcher Krisen denken, die anderen helfen, ohne damit auf Facebook zu posen. Menschen, die einfach nur ihren Job machen - fernab vom Hype.

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