Von Familie trennen

Stadt in Baden-Württemberg soll gedroht haben, Kinder bei Corona-Verdacht in „geschlossener Einrichtung“ zu isolieren

  • Lisa Schönhaar
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Trotz Coronavirus in Baden-Württemberg dürfen Kinder seit Ende Juni wieder zur Schule gehen - seitdem kam es mehrfach zu Infektionen. Das Gesundheitsamt Karlsruhe soll Familien dazu aufgefordert haben, ihre Kinder in Quarantäne zu isolieren.

  • Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg waren die Schulen im Land für mehrere Wochen geschlossen.
  • Erst seit Ende Juni herrscht wieder Regelbetrieb an den Schulen im Land - seitdem kam es an mehreren Schulen im Land zu Neuinfektionen.
  • Das Gesundheitsamt Karlsruhe soll nach einem Infektionsfall an einer Schule Eltern dazu aufgefordert haben, Kinder bei Corona-Verdacht von der Familie zu isolieren.

Bruchsal - Um die Verbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg einzudämmen, waren die Schulen im Land für mehrere Wochen geschlossen und öffneten nur schrittweise wieder. Da sich das Coronavirus seit einiger Zeit langsamer verbreitet als zu Hochzeiten der Corona-Pandemie, hat die Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Juni das Ende der Schulschließungen in Baden-Württemberg beschlossen. Normalität ist deshalb trotzdem nicht wieder eingekehrt - Kultusministerin Susanne Eisenmann wird für ihre Schulpolitik während der Corona-Krise stark kritisiert.

Zum Infektionsschutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg gelten trotz Öffnung der Schulen jedoch weiterhin bestimmte Hygieneauflagen. Dennoch kam es bereits mehrfach zu Neuinfektionen an Schulen im Land: In der Landeshauptstadt Stuttgart waren zuletzt mindestens fünf Schulen und zwei Kitas betroffen. Laut Gesundheitsamt geht der Corona-Ausbruch an den Schulen in Stuttgart auf das sorglose Verhalten einer Großfamilie zurück.

Weitere Fälle gab es im Kreis Göppingen: Dort hat eine Mutter drei ihrer Kinder mit dem Coronavirus infiziert, das Virus verbreitete sich daraufhin in Schulen. Auch in Bretten im Kreis Karlsruhe wurden an einer Schule neue Infektionen mit dem Coronavirus nachgewiesen, weshalb auf Präsenzunterricht zunächst verzichtet wurde.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kinder unter Corona-Verdacht sollten von Familie isoliert werden

Ab dem neuen Schuljahr gilt in NRW die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Schulen. Nur in den Klassenstufen eins bis vier dürfen die Masken im Unterricht am Platz abgenommen werden. 

In einer Grundschule in Bruchsal im Kreis Karlsruhe waren im Juli 46 Viertklässler in Quarantäne geschickt worden, nachdem eine Lehrerin positiv auf das Coronavirus in Baden-Württemberg getestet wurde. Nach Informationen der Tageszeitung Neue Westfälische, habe das Gesundheitsamt Karlsruhe in einer Anordnung die Erziehungsberechtigten schriftlich dazu aufgefordert, das Kind auch zu Hause beim Kontakt mit anderen Familienmitgliedern eine Maske tragen zu lassen.

Zudem soll sie Eltern gedroht haben, bei Zuwiderhandlung für die Dauer der Quarantäne könne das Kind „zwangsweise in einer geeigneten geschlossenen Einrichtung abgesondert“ werden. Auf eine Anfrage von BW24 hat die Stadt Bruchsal auf das zuständige Gesundheitsamt Karlsruhe verwiesen. Die Anordnung kam nach Aussage der Pressesprecherin vom Karlsruher Gesundheitsamt, die Stadt Bruchsal habe diese als zuständige Ordnungsbehörde lediglich umgesetzt.

Das geforderte Vorgehen des Gesundheitsamts Karlsruhe bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg bei Kindern bezeichnete Diane Siegloch, Mitgründerin der Initiative „Familien in der Krise“, als „eine seelische Grausamkeit“ und „akute Kinderswohlgefährdung“. Das Schreiben habe die Eltern sehr erschreckt und verängstigt, sagte Siegloch nach Angaben der Stuttgarter Zeitung zum Evangelischen Pressedienst (epd).

Coronavirus in Baden-Württemberg: Eltern reagieren verängstigt auf Anordnung zur Quarantäne ihrer Kinder

Die Sprecherin der Initiative kritisierte die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg, auch wenn diese nach dem Infektionsschutzgesetz zulässig seien. Manche Eltern in Bruchsal hätten ihre Kinder zu Hause nur noch mit Masken herumlaufen lassen, sagte Siegloch laut Stuttgarter Zeitung zum epd. Eine Familie habe aus Angst, von Nachbarn verpetzt zu werden, vor dem gemeinsamen Essen die Vorhänge zugezogen. Rechtliche Schritte hätten die Eltern nicht unternommen, fast alle wollten anonym bleiben. Die Quarantäne, die Mitte Juli verhängt wurde, ist mittlerweile wieder aufgehoben.

Das Gesundheitsamt Karlsruhe, das die Quarantäne der Kinder in Bruchsal angeordnet hatte, hat mittlerweile ein Statement zu den Vorwürfen veröffentlicht. Darin heißt es, die bekannt gewordenen Meldungen seien sehr verkürzt und stellten den Sachverhalt in Teilen auch fehlerhaft dar. „Bei diesem Fall in Bruchsal wie auch in anderen Fällen, in denen Kinder beispielsweise in Kindertageseinrichtungen oder Schulen betroffen waren, gilt aber, dass die Nachverfolgung und Unterbrechung von Infektketten das wesentliche Mittel der Gesundheitsverwaltung ist, um das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu halten“, heißt es in der Pressemitteilung

Das gelte auch innerhalb einzelner Haushalte und Familien und es gelte auch für Kinder. Quarantäneverfügungen auch gegen Kinder seien daher ebenfalls notwendig, um das Infektionsgeschehen wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg weiter im Griff zu behalten. 

Corona-Quarantäne für Kinder in Bruchsal: Stadt Karlsruhe veröffentlicht Stellungnahme

Die Formulierung „zwangsweise in einer geeigneten geschlossenen Einrichtung abgesondert werden“ entspreche laut Pressemitteilung der Stadt Karlsruhe dem Text des § 30 Abs. 2 Satz 2 Infektionsschutzgesetz. Wie der Kontext deutlich mache, gehe es hier um die Unterbringung in einem Krankenhaus oder einer anderen geeigneten Einrichtung. „Eine solche Zwangsmaßnahme ist Extremfällen vorbehalten und müsste von einem Richter angeordnet werden“, heißt es.

Das Landratsamt Karlsruhe habe von dieser Regelung im Zusammenhang mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg bisher keinen Gebrauch gemacht. Wenn es notwendig werden sollte, ein Kind zum Schutz anderer zwangsweise zu isolieren, würde es zusammen mit einem oder beiden Elternteilen untergebracht werden, so das Statement. „Diese Maßnahme wäre die ultima ratio, wenn die Eltern durch ihr Verhalten nicht dafür Sorge tragen, dass Außenstehende durch das Kind nicht angesteckt werden können.“

Seit Mitte Juni findet an allen Schulen trotz Coronavirus in Baden-Württemberg ein Unterricht im Schichtbetrieb statt, der im Wechsel mit Fernunterricht und mit einem eingeschränkten Stundenplan durchgeführt wird. Ende Juni durften auch Grundschulen und Kitas wieder öffnen. Das Abstandsgebot soll - wie bereits jetzt an Grundschulen und Kitas - nach den Sommerferien auch an den weiterführenden Schulen entfallen. Dafür soll an allen weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg eine Maskenpflicht gelten

Rubriklistenbild: © Brynn Anderson/dpa

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