Coronavirus in Baden-Württemberg

„Unterschätzte Zahl an Impftoten“: Heidelberger Pathologe fordert mehr Obduktionen - und wird scharf kritisiert

Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten  wird ein Patient im Koma gepflegt.
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Ein Heidelberger Pathologe will mehr Leichen obduzieren, um herauszufinden, ob die Coronaimpfung schuld am Tod war. Dafür erntet er heftige Kritik. (Symbolbild).
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Die Impfung ist ein wirksamer Schutz gegen das Coronavirus - trotzdem ist der Widerstand gegen die Impfstoffe nicht nur in Baden-Württemberg groß. Ein Pathologe befeuert die Ablehnung der Kritiker jetzt mit einer Forderung.

Stuttgart/Heidelberg - Nach zwischenzeitlich rückläufigen Werten steigt die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg wieder. Zwar ist die 7-Tage-Inzidenz als Maßstab für die Schwere der Corona-Pandemie mittlerweile umstritten. Ungeachtet dessen appellieren Bund und Länder an die Bürger, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Baden-Württemberg wollte vor den Sommerferien möglichst viele Schüler impfen, um das neue Schuljahr sicher starten zu können.

Doch die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich den Impfstoff verabreichen zu lassen, ist rückläufig. Ängste vor Nebenwirkungen und sonstige Sicherheitsbedenken halten sich hartnäckig, trotz der umfangreich getesteten Mittel der verschiedenen Hersteller. Wie die Deutsche Presseagentur berichtet, hat jetzt der Chef-Pathologe der Universität Heidelberg mehr Obduktionen von verstorbenen Geimpften gefordert. Peter Schirmacher fürchtet eine hohe Dunkelziffer an Impftoten, wie er sagt. Obwohl Befürworter der Impfung und selbst geimpft, gießt er damit Wasser auf die Mühlen der Skeptiker und Gegner - erntet aber gleichzeitig viel Kritik.

Impftote? Heidelberger Pathologe will mehr Obduktionen von verstorbenen Geimpften

Der Heidelberger Chef-Pathologe Peter Schirmacher ist Leiter des Autopsie-Projekts, das seit einem Jahr an den Unikliniken im Südwesten Corona-Tote obduziert, um das Coronavirus und die dadurch ausgelöste Erkrankung Covid-19 besser zu verstehen. Die Erkenntnisse von bislang mehr als 200 Obduktionen hätten unter anderem zu einer besseren Behandlung und Beatmung von Covid-Erkrankten geführt, erklärt Schirmacher der Deutschen Presseagentur. „Die hier gewonnen Erkenntnisse helfen also dabei, Erkrankte nun besser und erfolgreicher behandeln zu können und Leben zu retten“, sagt auch Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

Jetzt fordert der Pathologe der Uni Heidelberg aber auch, die Leichname derer zu obduzieren, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung sterben. Peter Schirmacher fürchtet eine hohe Dunkelziffer an Impftoten. Grund dafür sei, dass Pathologen von den meisten Patienten, die nach und möglicherweise an einer Impfung sterben, nichts mitbekämen. „Der leichenschauende Arzt stellt keinen Kontext mit der Impfung her und bescheinigt einen natürlichen Tod und der Patient wird beerdigt“, erklärt Schirmacher. „Oder er bescheinigt eine unklare Todesart und die Staatsanwaltschaft sieht kein Fremdverschulden und gibt die Leiche zur Bestattung frei.“

Das Anliegen des Heidelberger Chef-Pathologen wird vom Bundesverband Deutscher Pathologen unterstützt. Auch dieser dringt auf mehr Obduktionen von verstorbenen Geimpften. Nur so könnten Zusammenhänge zwischen Todesfällen und Impfungen ausgeschlossen oder nachgewiesen werden, sagt Johannes Friemann, Leiter der Arbeitsgruppe Obduktion in dem Verband. Allerdings wird aus seiner Sicht noch zu wenig obduziert, um von einer Dunkelziffer zu sprechen. „Man weiß noch gar nichts.“

Mehr Obduktionen von verstorbenen Geimpften: Heidelberger Pathologe bekommt viel Gegenwind

Laut Peter Schirmacher arbeiteten in Baden-Württemberg die Pathologen mit Staatsanwaltschaften, der Polizei und niedergelassenen Ärzten zusammen. Mehr als 40 Menschen habe man bereits obduziert, die binnen zwei Wochen nach einer Impfung gestorben sind. Schirmacher geht davon aus, dass 30 bis 40 Prozent davon an der Impfung gestorben sind. Die Häufigkeit tödlicher Impffolgen wird aus seiner Sicht unterschätzt. Besonders diese geäußerte Vermutung wird seitdem auch in den sozialen Medien heftig diskutiert. Zeitweise war das Thema „Obduktionen von Geimpften“ in den Trends bei Twitter auf dem ersten Platz.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) und das Paul-Ehrlich-Institut widersprechen dem Heidelberger Pathologen. Die Aussagen, man wisse derzeit zu wenig über Nebenwirkungen und die Gefahren des Impfens würden unterschätzt, seien nicht nachvollziehbar, teilte letzteres mit. Insbesondere für schwerwiegende Reaktionen, zu denen auch gehört, wenn ein Mensch nach einer Impfung stirbt, bestehe eine Meldepflicht nach Infektionsschutzgesetz. „Ich kenne keine Daten, die hier eine begründbare Aussage zulassen und gehe nicht von einer Dunkelziffer aus“, sagte der Stiko-Chef Thomas Mertens.

Auch einzelne Wissenschaftler und Mediziner warnen vor den Aussagen von Peter Schirmacher. Für die Annahme einer hohen Dunkelziffer von Impfkomplikationen oder gar Todesfällen bestehe kein Anlass, betonte der Immunologe Christian Bogdan von der Uniklinik Erlangen. „Auch kann von einer Vernachlässigung möglicher Gefahren von COVID-19-Impfstoffen nicht die Rede sein.“ Gerade die letzten Wochen und Monate hätten gezeigt, dass das Surveillance-System gut funktioniere.

Kritik an Forderung: Heidelberger Pathologe zeigt sich von Gegenwind unbeeindruckt

Klaus Püschel, Pathologe aus Hamburg, sieht es gegenüber der Stuttgarter Zeitung etwas differenzierter. Auch er obduziert an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf Corona-Tote. Dort werde seit geraumer Zeit schon überprüft, wie lang die letzte Impfung zurückliege. Insofern ist auch er für diese Maßnahme. „Wir sagen seit Beginn der Pandemie, dass die einzige Waffe gegen Angst Wissen ist. Deshalb muss man die Toten obduzieren“, erklärt Püschel. Die bisherigen Erkenntnisse seien aber kein Anlass für Panik. „Die sogenannten Impftoten sind Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung, die mit der Impfung selber gar nichts zu tun haben.“

Der Heidelberger Chef-Pathologe Peter Schirmacher zeigt sich trotzdem unbeeindruckt von der Kritik an seiner Forderung. Aus seiner Sicht wird die „individuelle Schutzüberlegung“ überlagert vom Gedanken der schnellen Durchimpfung der Gesellschaft.

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