„Nicht anders als jede Drogerie“

Corona-Protest: Modehändler muss trotz Klopapier-Sortiment wieder schließen

Klopapier stapelt sich vor einer Reihe von Kleidungsstücken.
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Das Modegeschäft Blum-Jundt in Emmendingen muss wieder schließen - obwohl hier Klopapier verkauft wird.
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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  • Sina Alonso Garcia
    Sina Alonso Garcia
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Ein Modehändler aus Emmendingen erweiterte sein Sortiment um Klopapier, damit er seinen Laden öffnen darf. Das funktionierte auch eine Zeit lang - jetzt muss er jedoch wieder schließen.

Update vom 31. März, 16 Uhr: Emmendingen - Das Coronavirus in Baden-Württemberg macht es den Geschäftstreibenden schwer: Am Montag trat die angepasste Corona-Ordnung in Kraft, am Mittwoch zog Stuttgart die Notbremse an - hier gibt es nun ein absurdes Gesetz: Nur noch Friseurmeister dürfen ihre Betriebe öffnen. Der Paragrafen-Dschungel dürfte noch dazu führen, dass sich auch der letzte Ladeninhaber verzweifelt die Haare ausreist.

Aufgrund des sogenannten „Mischsortimenter-Privilegs“, das es seit Montag, 29. März, wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg gibt, muss nun ein Modehändler aus Emmendingen seinen Laden wieder schließen. Er hatte Toilettenpapier mit in sein Sortiment aufgenommen, um sein Geschäft für die Kunden öffnen zu dürfen - viele Ladenbesitzer machten es ihm nach. Wie die Badische Zeitung berichtet, konnte bisher bei einer Erweiterung des Sortiments mit erlaubten Waren auf mindestens 60 Prozent der Verkaufsfläche das nicht privilegierte Sortiment mit verkauft werden. Nach der neuen Verordnung müssen diese Geschäfte, je nach Umsatz, den sie mit dem privilegierten Sortiment erzielen, wieder schließen und können, abhängig vom Inzidenzwert, nur noch Click & Meet oder Click & Collect anbieten.

Das Modehaus Blum-Jundt hatte vor nicht einmal zwei Wochen damit begonnen, die Fläche des Geschäftes zu 60 Prozent mit Hygieneartikeln zu bestücken und damit bundesweit zahlreiche Nachahmer motiviert. Momentan überlege man, wie man nach der erwarteten Notbremse weiterverfahren könne. „Aber vielleicht zeigt unser Aktion dann doch noch auf, welche Ungleichheiten im Einzelhandel bestehen“, so Inhaber Marcel Jundt Für ihn sei weiterhin nicht nachvollziehbar, warum Discounter etwa regelmäßig Nebenprodukte in ihre Sortiment aufnehmen dürfen oder warum für diese Anbieter keine Zugangsregelungen bestehen.

Erstmeldung vom 22. März: Emmendingen - Während die Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg weiter voranschreitet, wird die Situation für den Einzelhandel von Tag zu Tag schwieriger. Dass aktuell keine weiteren Öffnungen in Baden-Württemberg geplant sind, sehen viele als Schlag ins Gesicht. Supermärkte und Drogerien dürfen ohne große Einschränkungen Kunden empfangen - in den Augen vieler Händler eine enorme Ungerechtigkeit. Modehaus Blum-Jundt aus Emmendingen bei Freiburg will sich wehren und hat seinen Laden zum ersten „Flagshipstore für Klopapier“ umgebaut - weshalb das Geschäft sich jetzt Discounter nennen darf.

Zahlreiche Medien berichteten über die Eröffnung des Emmendinger Modehauses, in dem jetzt ganz klar ein Produkt dominiert: Klopapierrollen stapeln sich auf Paletten über die ganze Ladenfläche. Laut der Badischen Zeitung werden hier ab sofort neben Klamotten auch Nudeln, Schokolade, Schnaps und weitere Lebensmittel angeboten. „Wir wollen die Vorschriften kreativ nutzen, nicht tricksen“, sagte Inhaber Marcel Jundt der Zeitung.

Modehaus stellt Sortiment auf Klopapier um - und plötzlich sind die Regeln lockerer

In einem Video von Baden.fm erklärt Jundt das Konzept des Flagshipstores: „Jeder Kunde, der hier herkommt, wird überzeugt sein, dass bei uns ab sofort die Klorolle das Hauptthema sein wird.“ Durch die Umstellung des Sortiments sind plötzlich die Regeln lockerer. „Handel ist Wandel - und wir wandeln uns so, dass wir auch eine Chance des Überlebens haben“, so Jundt. Der Laden sei so, wie er ist, rechtskonform - und damit „nicht anders als jede Drogerie“.

Jundt und seine Frau ärgert es, dass die kleinen, inhabergeführten Geschäfte anders behandelt würden als Baumärkte oder Discounter, wie Jundt gegenüber der Badischen Zeitung betonte. Während sich bei Aldi und Co. die Menschen an den Wühltischen und Aktionsflächen getummelt hätten, sei es ihnen nicht erlaubt gewesen, ihre Wiedereröffnung zu bewerben „um Menschenansammlungen zu vermeiden“, wie es hieß.

Modehaus Jundt wird auf Social Media gefeiert: „Darauf habe ich schon lange gewartet“

In den sozialen Medien ist die Aktion der Jundts zum Vorbild für viele Händler geworden - und hat schon jetzt zahlreiche Fans. „Endlich! Darauf habe ich schon lange gewartet“, reagierte ein Facebook-Nutzer auf den Beitrag des Modehauses. „Hoffentlich trauen sich das auch endlich mal die anderen gebeutelten Unternehmer, die schon Jahrzehnte den Laden mit am Laufen halten.“ Unzählige Nutzer sprachen ihren Glückwunsch zur Aktion aus und lobten die Idee.

Mit seiner Aktion möchte Marcel Jundt, der in seinem Haus 45 Mitarbeiter beschäftigt, vor allem auf das Ungleichgewicht aufmerksam machen, das bei den Corona-Regeln in Baden-Württemberg aktuell herrscht. Während Kleidungsgeschäfte nur unter vorheriger Terminvereinbarung Kunden empfangen dürfen, verkaufen Discounter und Drogerien ebenso Textilien - sind jedoch ohne Vorschriften wie „Click and Meet“ um einiges freier.

Im Handel regt sich zunehmend Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen. So öffneten beispielsweise in Heidelberg Geschäfte trotz Lockdown aus Protest. Auch in der Landeshauptstadt Stuttgart sind die Händler unzufrieden mit den Entscheidungen der Politik und starteten eine Klagewelle gegen den Lockdown.

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