Infektionszahlen steigen

„Grober Unfug“: Medizinprofessor aus Freiburg sagt, wir befinden uns nicht in einer zweiten Corona-Welle

  • Lisa Schönhaar
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Die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg steigt aktuell wieder an. Ein Medizinstatistiker aus Freiburg sagt jedoch, es handle sich nicht um eine zweite Welle.

  • Das Coronavirus in Baden-Württemberg verbreitete sich in den vergangenen Wochen weniger schnell als zu Beginn und die Zahl der Neuinfektionen nahm stetig ab.
  • Aktuellen Zahlen des Sozialministeriums zufolge steigt die Zahl der derzeit mit dem Coronavirus Infizierten nun aber wieder an - viele Politiker und Wissenschaftler sprechen von einer zweiten Corona-Welle.
  • Mathematiker und Medizinprofessor Gerd Antes aus Freiburg bezeichnet das als fahrlässig und sagt, der Begriff „Welle" vermittle ein falsches Bild.

Freiburg - Das Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) legte das Leben in nahezu allen Bereichen lahm und führte zu weitreichenden Einschränkungen des sozialen Lebens sowie zu etlichen Verboten und Maßnahmen zum Infektionsschutz*.

Da sich das Coronavirus in Baden-Württemberg* in den vergangenen Wochen auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau ausbreitete, beschloss die Landesregierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann* bereits mehrfach Lockerungen für den Alltag und die Freizeit der Bürger. Damit sich möglichst wenige Menschen mit der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 anstecken, gelten trotz der vielen Lockerungen nach wie vor Kontaktbeschränkungen und Hygieneauflagen - dazu gehört beispielsweise die Ende April von der Landesregierung eingeführte Maskenpflicht zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg*.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Die Infektionszahlen steigen weiter an - kommt eine zweite Welle?

Aktuellen Zahlen des Sozialministeriums in der Landeshauptstadt Stuttgart* zufolge steigen die Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg* derzeit jedoch wieder an. Demnach wurden seit vergangenem Wochenende mehr als 200 bestätigte Neuinfektionen gemeldet, insgesamt 1.021 Menschen im Land gelten aktuell als infiziert (Stand 5. August). Einige Politiker sowie Wissenschaftler sprechen bereits von einer zweiten Corona-Welle, die Baden-Württemberg und ganz Deutschland erreicht.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Mathematiker aus Freiburg hält es für falsch, von einer „zweiten Welle" zu reden

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sagte kürzlich gar, die zweite Corona-Welle sei schon da. Auch die Landesregierung von Winfried Kretschmann* rüstet sich bereits für ein Wiederaufflammen der Krise durch das Coronavirus in Baden-Württemberg. Die Gesundheitsämter sind in Alarmbereitschaft, Krankenhäuser wie die Uniklinik Freiburg bereiten sich vor, die Wirtschaft bangt - kommt die zweite Infektionswelle oder befinden wir uns sogar schon mittendrin?

Der Mathematiker und Biometriker Gerd Antes sieht das nicht so. Er sagte im Gespräch mit dem SWR, der Begriff „Welle“ vermittle ein völlig falsches Bild. „Man sieht die Grafiken und dann denkt man: man liegt vielleicht an der Ostsee und dann kommt eine Welle an und danach ist sie wieder weg“, sagte Antes im Radioprogramm SWR Aktuell. Der Auslöser, der bei diesen Wellen auch immer mit transportiert werde, sei - wie in einem James Bond-Film - irgendjemand sitze in einem Bunker und schiebe mal den Hauptschalter nach vorne und dann komme die zweite Welle, so Antes. „Und das ist natürlich grober Unfug“, sagte der Statistikexperte und Professor an der Medizinischen Universität Freiburg.

„Wir sitzen auf einem Trommelfeuer von einzelnen Infektionsvorgängen - mal größere, mal einzelne“, sagte Antes zum SWR. „Und wir verstehen nicht genau, wie es funktioniert.“ Dass es funktioniere, würden wir nur deshalb sehen, weil es eben viele Erkrankungen und viele Todesfälle gebe. „Das ganze in ein Paket Welle zu verpacken, das dann völlig willkürlich zu interpretieren, ist aus meiner Sicht sogar fahrlässig“, so der Mathematiker. Die Zahl der Erkrankungen mit Covid-19 sei völlig schwierig nachzuvollziehen. „Bei uns plätschert es so weiter und nimmt ein bisschen zu und wir verstehen nicht so richtig, was passiert“, sagte Antes. „Das ist keine Welle, das ist ein großes, großes Durcheinander.“

Coronavirus in Baden-Württemberg verbreitet sich weiterhin - Politiker und Wissenschaftler sprechen von zweiter Corona-Welle

In Bezug auf die steigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg und ganz Deutschland wird der Begriff „zweite Welle“ aktuell von einer Vielzahl von Wissenschaftlern und Politikern genutzt. Auf die Frage des SWR-Moderators, ob diese denn einfach alle keine Ahnung hätten, sagte Antes: „Das klingt jetzt sehr arrogant, aber sie sind nicht mit zu viel Ahnung überlastet würde ich mal sagen.“ Die ganz schwierigen Arbeiten, die versuchten, sich damit zu beschäftigen, seien so mathematisch, dass sie größtenteils unleserlich seien. „Und man muss einfach auch ganz nüchtern sagen: an vielen Stellen wird dieses Bild vor die eigenen Interessen gespannt, um entweder zu verharmlosen und zu sagen, wir können morgen alle wieder normal weitermachen, oder um Panik zu erzeugen.“ Man müsse auch immer genau hinschauen, wer das sage, so der Freiburger Medizinprofessor.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Infektionsraten mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg und in ganz Deutschland nach Ansicht des Mathematikers aus Freiburg noch enorm klein. „Ich meine, die Zahlen werden ja immer dramatisiert - dass wir in einer Woche statt 600 vielleicht 900 oder 1.100 [Infektionen] haben“, sagte Antes zum SWR. „Aber wenn ich das mal auf 81 Millionen dividiere, dann sind das ja winzige Zahlen - das heißt, die Wahrscheinlichkeit, auf einen Infizierten zu treffen, ist sehr nah bei Null bei uns.“ Dennoch, so der Statistiker, könne man die Situation nicht verharmlosen. „Wir sitzen ganz klar auf einem Pulverfass“, sagte Antes. „Die Frage ist, was passiert - und das haben wir in der Hand.“ Aber nicht, indem wir auf eine Welle starrten. „Sondern wir müssen irgendwie das Bewusstsein wiederbeleben, dass wir - jeder einzelne - dafür verantwortlich ist, diese Infektionsraten klein zu halten.

Wodurch die steigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg bedingt werden, ist bislang unklar. Naheliegend ist jedoch, dass die weitreichenden Lockerungen der Maßnahmen* für einen Anstieg der Neuinfektionen sorgen. Seit dem 1. Juli ist abgesehen von wenigen Ausnahmen wie das Tanzen in Clubs fast alles wieder erlaubt - wenn auch unter Einhaltung der üblichen Hygieneauflagen. Geschlossene Kneipen gehören mittlerweile ebenso der Vergangenheit an wie die Schulschließungen in Baden-Württemberg*. Speisewirtschaften wie Restaurants, Cafés und Eisdielen sind trotz Coronavirus in Baden-Württemberg schon seit dem 18. Mai wieder geöffnet*. Auch Reisen in Risikogebiete könnten eine entscheidende Rolle beim Anstieg der Infektionszahlen spielen.

Rubriklistenbild: © Joan Mateu/AP/dpa

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