Wirtschaft bedroht

„Es ist ein Unding“: Ökonom Hans-Werner Sinn kritisiert die Corona-Impfstrategie

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Im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg ruht die Hoffnung auf einem Impfstoff. Laut Ökonom Hans-Werner Sinn sollte die Impfung so schnell wie nur möglich durchgeführt werden.

Freiburg - Die Lage aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg scheint sich nicht beruhigen zu wollen. Täglich meldet das Landesgesundheitsamt eine hohe Zahl an neuen Infektionen und auch die Todesfälle steigen immer weiter an. Nachdem der von Bund und Ländern beschlossene Teil-Lockdown im November nicht den gewünschten Erfolg brachte, befindet sich das ganze Land seit dem 16. Dezember in einem harten Lockdown.

Experten sagten bereits vor Monaten, dass die Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg durch die Maßnahmen zum Infektionsschutz zwar aufgehalten werden kann, ein Ende der Pandemie jedoch erst mit einem Impfstoff näher rücke.

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Im Kampf gegen das Coronavirus steht Baden-Württemberg kurz vor dem Beginn der Impfungen. Die ersten Personen sollen den Impfstoff noch in diesem Jahr erhalten. Laut Hans-Werner Sinn sei das jedoch nicht schnell genug, wie der Volkswirt aus München im Gespräch mit der Badischen Zeitung (BZ) sagte. Daneben sprach der Ökonom auch über die Situation der deutschen Wirtschaft.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Verbote als Mittel gegen die Pandemie

Im Gespräch mit der BZ sagte Ökonom Hans-Werner Sinn, dass die Pandemie nur durch Verbote in den Griff zu bekommen sei. Man könne sich nicht auf die Vernunft der Menschen verlassen. „Die Bürger sind vor allem am eigenen Wohl interessiert, weniger an dem der anderen“, sagte der Münchener Volkswirt.

Wenn Bürger beispielsweise zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil einen Laden betreten, hielten sie dem gegenüber, dass sie sich selbst mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg infizieren könnten. Dass sie dadurch auch andere anstecken könnten, käme den wenigsten in den Sinn. „Ihre Kosten-Nutzen-Abwägung ist verzerrt. So ist das nun mal mit uns Menschen“, sagte Sinn der BZ.

Ökonom Hans-Werner Sinn warnt vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie

In der Pandemie bedarf es deshalb der kollektiven Maßregelung, sagte Hans-Werner Sinn der BZ. „Es ist zu erwarten, dass in einem demokratischen System grundsätzlich auch jene für die Maßregelung stimmen, die selbst zu wenig auf die Gefahr der anderen achten“. Das sei kein Widerspruch, sondern ein für Ökonomen selbstverständlicher Unterschied zwischen dem Denken der Masse und dem Denken der einzelnen Individuen. Gäbe es diesen Unterschied nicht, könnte jeder machen was er will, sagte der Volkswirt der BZ.

Coronavirus in Baden-Württemberg: „Die Pandemie ist zweifellos ein Notfall“

Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat fatale Folgen für die Wirtschaft, die durch den Lockdown noch verstärkt werden. Im Gespräch mit der BZ zeigt sich Hans-Werner Sinn jedoch zuversichtlich, solange die Impfung schnellstmöglich durchgeführt werde. Nur so könne man wirtschaftliche Existenzen retten.

„Der deutschen Wirtschaft geht es verhältnismäßig gut“, sagte der Ökonom. Während des Teil-Lockdowns seien nur Gaststätten und Konzertveranstalter betroffen gewesen, was nur rund vier Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmache. „Jetzt ist der Lockdown härter; aber auch das ist kein Vergleich zum Frühjahr, als die Automobilindustrie für Wochen zugemacht hat. Das Entscheidende ist: Wir müssen impfen, so schnell es geht“, sagte Sinn der BZ.

Mit der bisherigen Impfstrategie der Bundesrepublik zeigt sich Ökonom Hans-Werner Sinn im Gespräch mit der BZ wenig zufrieden „Es ist unverständlich, dass der in Deutschland entwickelte Impfstoff in Großbritannien und in den USA verabreicht wird, während wir damit noch warten sollen, bis die EU uns den eigenen Impfstoff zuteilt“, sagte er der Zeitung.

Auch im Kampf gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg musste der Impfstoff mehrere Zulassungsverfahren überstehen. Das sei jedoch nur ein vorgeschobenes Argument. „Es ist ein Unding, die Zulassung nicht per Notfallverfahren zu machen. Die Pandemie ist zweifellos ein Notfall“, sagte Sinn der BZ. „Jeder Tag, den wir früher impfen, schützt Leben und wirtschaftliche Existenzen.“

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler

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