Ökonom aus Offenburg

Coronavirus: 31-Jähriger aus Baden-Württemberg in China unter Quarantäne - „Fühle mich sicherer als in Europa“

  • Marleen van de Camp
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Seit das Coronavirus in Baden-Württemberg wütet, steht ein 31-jähriger in Peking unter Quarantäne. Auf Twitter veröffentlichte er Fotos, erklärt, warum er sich in China sicherer fühlte als hier.

  • Als sich das Coronavirus in Baden-Württemberg ausbreitete, stand ein 31-jähriger Offenburger in Peking 14 Tage unter Quarantäne
  • Auf Twitter veröffentlichte er Fotos aus China und lobte den Umgang der Bevölkerung mit Covid-19
  • Er erklärt, warum er sich während der Corona-Pandemie in China sicherer fühlt als in Europa

Offenburg/Peking - Bevor das Coronavirus Baden-Württemberg erreichte, breitete es sich in China aus. Die neuartige Lungenkrankheit Covid-19 nahm ihren Ursprung in der chinesischen Provinz Wuhan. Auf den ersten Blick scheint China also kein Ort zu sein, an dem man sich während der Corona-Pandemie aufhalten möchte.

Der in Offenburg geborene Ökonom Lukas Hensel (31) sieht das anders. Hensel lebt mit seiner Frau in Oxford und Peking. Am 19. März kehrte das Paar mit Air China aus Großbritannien in die Volksrepublik zurück und musste 14 Tage in Quarantäne verbringen. Auf Twitter schilderte Lukas Hensel diese Erfahrung und postete Handyfotos aus der Isolation. Sein überraschendes Fazit: Er fühlt sich während der Corona-Pandemie in China sicherer als in Europa. Dort gehen Behörden und Bevölkerung ganz anders mit dem Coronavirus um als in seiner Heimat Baden-Württemberg.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Mann aus Offenburg in China in Quarantäne

Schon auf der Hinreise fielen dem Baden-Württemberger Lukas Hensel gravierende Unterschiede auf. Der Offenburger veröffentliche bei Twitter Fotos vom Flughafen London Heathrow, aus dem Flugzeug und von der Ankunft in Peking. In Heathrow fielen ihm Menschen auf, die völlig ungeschützt umherliefen - ein Bild, das sich derzeit trotz der rasanten Ausbreitung des Coronavirus auch in Baden-Württemberg bietet.

Coronavirus: Ein 31-Jähriger aus Baden-Württemberg erlebt die strengen Kontrollen in China - hier ein Agenturfoto von Zoll-Mitarbeitern am Flughafen Haikou-Meilan

In Peking dagegen hätten alle Flughafenmitarbeiter Ganzkörper-Schutzanzüge getragen und es sei undenkbar, ohne Schutzmaske den öffentlichen Raum zu betreten. Seiner Wahrnehmung nach sehe man in Europa das Tragen einer Maske als übertriebene Reaktion an, twitterte er. In China dagegen gelte es als unverantwortlich, keine Schutzkleidung zu tragen.

Umgang mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg nicht vergleichbar mit der Lage in China

Während die Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg immer weiter auf ihren Höhepunkt zuläuft, scheint China die Covid-19-Epidemie eingedämmt zu haben. Und trotzdem sind die Sicherheitsvorkehrungen der Chinesen laut Lukas Henselnach wie vor sehr viel strenger als etwa im derzeit stark vom Coronavirus geplagten Baden-Württemberg. Hensel glaubt, dass sich abgesehen von ihm und seiner aus Korea stammenden Ehefrau Sangjung nur Chinesen auf dem Flug von London nach Peking an Bord befanden. Alle wurden gebeten, Atemmasken aufzusetzen. Die chinesischen Sitznachbarn des Paars - Eltern mit einem Kleinkind - trugen zusätzlich freiwillig Schutzanzüge.

Regelmäßig wurde die Körpertemperatur aller Passagiere mit Infrarotpistolen gemessen. Die Flugbegleiter verteilten anstelle der üblichen Einreiseformulare Gesundheitsfragebögen. Nach der Landung dauerte es eine Stunde, bis die Türen des Flugzeugs geöffnet wurden. „Doch alle (einschließlich der Kinder) blieben ganz ruhig und die Mitarbeiter von Air China waren sehr hilfreich und professionell“, schreibt Hensel auf Twitter.

Mann aus Baden-Württemberg schildert, wie anders China mit dem Coronavirus umgeht

Am Flughafen in Peking fotografierte der Offenburger Lukas Hensel Plakate auf Chinesisch und Englisch, die angesichts der Corona-Pandemie ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen sollten: „Wir alle sind Kämpfer gegen die Epidemie, aber keine Ausgestoßenen“ steht darauf oder „In Liebe vereint, stehen wir zusammen“. Hensel vermutet, dass diese Plakate gegen die Stigmatisierung von Coronavirus-Infizierten wirken sollen.

Alle Ankömmlinge aus Europa wurden abseits von den anderen Passagieren abgefertigt, ihre Temperatur wurde nochmals gemessen, das Gepäck desinfiziert. Dieser Prozess habe vier Stunden, also etwa viermal so lange wie üblich gedauert, schreibt der gebürtige Offenburger. Weit weniger streng scheinen da die Kontrollen, die am Flughafen Stuttgart wegen des Coronavirus durchgeführt werden: Rückkehrer aus Corona-Risikogebieten müssen am Flughafen der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg lediglich eine Aussteigerkarte ausfüllen, damit sie kontaktiert werden können, falls andere Passagiere im gleichen Flugzeug an Covid-19 erkranken.

Die Corona-Quarantäne in Baden-Württemberg und Peking im Vergleich

Jeder, der nach Peking einreise, muss die ersten 14 Tage vor Ort in Quarantäne verbringen. Darum seien alle Passagiere mit Bussen zu einem Veranstaltungszentrum in der Nähe des Flughafens gebracht worden, schreibt Lukas Hensel. Auch dort sei die Atmosphäre sehr ruhig gewesen. Die Quarantäne werde in der 22-Millionen-Metropole Peking von Beauftragten der einzelnen Stadtteile organisiert. „Wer alleine lebt, kann die Quarantäne zu Hause verbringen, wenn der Stadtteilvorsteher es erlaubt“, schreibt Hensel. Wer nicht in seinem Stadtteil versorgt werden könne, müsse die Quarantäne auf eigene Kosten in einer Sammeleinrichtung verbringen.

Die Entscheidung hänge davon ab, ob die Wohnumstände sich für eine Corona-Quarantäne eigneten, zum Beispiel müsse eine Klimaanlage vorhanden und die Gemeinschaft in der Lage sein, die Person zu versorgen. Denn in China würden Lebensmittel (grundsätzlich) online bestellt - anders als in Deutschland und Baden-Württemberg, wo durch das Coronavirus Lieferdienste derzeit soviel zu tun haben wie nie.

Da Lieferwagen aber gerade in Peking nicht bis zu den Häusern fahren dürften, bringe der Stadtteilbeauftragte jedem persönlich die Bestellungen nach Hause, wie Hensel erklärt. Lukas und Sangjung Hensel hatten Glück: Ihre Gemeinschaft war bereit und in der Lage, sie zu versorgen.

Quarantäne-Vertrag und versiegelte Wohnungstür: So streng ist das Kontaktverbot

Bei der Ankunft in ihrem Stadtteil legte die Stadtteilbeauftragte Lukas Hensel und seiner Frau einen Quarantäne-Vertrag vor, durch dessen Unterzeichnung sie sich verpflichteten, ihre Wohnung für die kommenden 14 Tage nicht zu verlassen. Sie erhielten auch umfangreiches Informationsmaterial zu Covid-19. Die Beauftragte brachte das Paar zu Fuß in seine Wohnung und versiegelte die Tür von außen, sodass sofort erkennbar wäre, wenn sie die Wohnung verließen. Zweimal täglich müssten sie der Vorsteherin während der Corona-Quarantäne ihre Körpertemperatur mitteilen.

Diese Maßnahmen stehen in krassem Kontrast zu der Situation in Deutschland, wo viele Menschen das wegen des Coronavirus behördlich angeordnete Kontaktverbot ignorieren - ob aus Einsamkeit, Unwissenheit oder anderen Gründen. Am vergangenen Wochenende beispielsweise stellte die Polizei in Baden-Württemberg Hunderte Verstöße gegen die Corona-Verordung fest. In China sei es laut Lukas Hensel selbstverständlich, sich an das Kontaktverbot zu halten. „Es würde sich auch niemand aktiv dem Staat widersetzen und sich zum Beispiel in großen Gruppen treffen“, sagte Lukas Hensel im Interview mit dem Tagesspiegel. Die soziale Kontrolle sei sehr hoch.

Peking statt Baden-Württemberg: Offenburger fühlt sich während Corona-Krise in China sicherer

Auf die Frage, ob er sich während der Corona-Pandemie in China oder in Europa sicherer fühle, antwortete Lukas Hensel: „In China“. Bei Twitter schreibt der Ökonom auf Offenburg: „Alle hier waren sehr freundlich und professionell, und hielten sich dabei strikt an sinnvolle Richtlinien.“ Ist China nun also eine Art Musterland, das Deutschland und auch Baden-Württemberg im Kampf gegen Covid-19 als Vorbild dienen sollte? Ganz so einfach ist es nicht. Schließlich wurde die Volksrepublik für ihren intransparenten Umgang mit dem Coronavirus bereits massiv kritisiert.

Im Dezember 2019 waren in China die ersten nachgewiesenen Infektionen mit dem Coronavirus aufgetreten. Im Januar wurden dann Patienten in Thailand positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Andere Nationen werfen China vor, Informationen über Covid-19 zurückgehalten oder verfälscht zu haben. Zudem versuchte die Regierung in Peking, die Schuld für die Ausbreitung dem Ausland zuzuschieben.

Experten vermuten, dass die Infektion auf einem sogenannten wet-Market in der chinesischen Stadt Wuhan von einem Tier auf einen Menschen übertragen wurde. Auf den traditionellen chinesischen wet-Markets werden noch lebendige Tiere zum Kauf angeboten und häufig vor Ort geschlachtet. Zudem werden die von der chinesischen Regierung aktuell veröffentlichten Zahlen zu Neuinfektionen international angezweifelt, da sie überraschend niedrig sind.

Rubriklistenbild: © Pu Xiaoxu/XinHua/dpa

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