Luftreiniger statt Luftfilter

Freiberger Start-up erzeugt künstliche Gewitter in einer Box - für einen bestimmten Zweck

Blitze entladen sich am Nachthimmel.
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Gewitter reinigen die Luft: Ein Start-up aus Freiberg am Neckar macht sich das zu Nutze (Symbolbild).
  • Julian Baumann
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Aufgrund des Coronavirus, das sich über Aerosole überträgt, ist Raumlufthygiene aktuell ein besonders wichtiges Thema. Ein Start-up aus Freiberg nutzt dafür künstliche Gewitter.

Freiberg - Noch mehr Unwetter braucht in diesem Sommer in Deutschland wohl niemand. Dass Gewitter aber auch einen positiven Nutzen haben können, zeigt aktuell ein Start-up aus Freiberg (Kreis Ludwigsburg*). Aufgrund der anhaltenden Krise durch das Coronavirus in Baden-Württemberg* ist eine Raumlufthygiene ganz besonders wichtig. Die gefährliche Lungenkrankheit verbreitet sich nämlich durch sogenannte Aerosole von Mensch zu Mensch. In vielen Einrichtungen wird die Luft bereits mit bestimmten Filtern gereinigt, um eine Virenlast zu vermeiden. Knapp 900 Kommunen in Baden-Württemberg wollen Luftfilter in Schulen und Kitas*.

Inzwischen werden bereits sehr leistungsstarke Luftfilter gegen die Verbreitung von Coronaviren eingesetzt. Karlsruher Forscher entwickelten ein Gerät, das Coronaviren in der Luft nahezu vollständig zerstört (BW24* berichtete). Das Start-up Prolog Airclean aus Freiberg am Neckar entwickelte jedoch eine Alternative zu den Luftfiltern. Das Unternehmen erzeugt künstliche Gewitter in einer Box, die die Luft reinigen sollen, berichtet die Bietigheimer Zeitung. Die Idee kam den Start-Up Unternehmern nicht etwa durch das imposante Naturspektakel, sondern durch die buchstäbliche Ruhe nach dem Sturm. Nach einem Gewitter ist die Luft nämlich besonders frisch und rein.

Gewitter aus der Box: „Natürlicher Reinigungsprozess“ statt künstlichem Luftfilter

Die Krise aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg führte zu vielen Einschränkungen. Das nutzten manche Betriebe und auch Tüftler jedoch, um erfinderisch zu werden. Im vergangenen Herbst setzten Restaurants und Cafés in Stuttgart die Technik aus OP-Sälen ein*, um die Coronaviren in der Luft fast auf null zu reduzieren. Auch das Freiberger Start-up nutzte die Zeit, um ihre Erfindung voranzutreiben. „Die Wirtschaftsflaute im März 2020 war bestens geeignet, um die Entwicklung voranzutreiben“, sagte Lisa Herre von ProLog AirClean der Bietigheimer Zeitung. „Es gab ein Problem und ich überlegte, wie man schnell etwas gegen Viren in der Luft machen kann.“

Deshalb habe die Ingenieurin aus Bietigheim eine Röhre entwickelt, die aus zwei Metallgittern besteht, einem innerhalb einer Glasröhre und einem außerhalb. Wenn die sogenannte Ionisationsröhre an Strom angeschlossen wird, kommt es zu Spannungsladungen, die etwa den gleichen Effekt haben wie kleine Blitze, schreibt die Bietigheimer Zeitung. „Gewitter sind die Entladung der Atmosphäre und ein natürlicher Reinigungsprozess“, erklärt Lisa Herre. Inzwischen besteht das Start-Up aus der baden-württembergischen Kleinstadt aus sieben Mitarbeitern, drei Monteuren, einem Mitarbeiter für Planung und Einkauf, zwei Mitarbeitern und Lisa Herre, die inzwischen die Leitung übernommen hat.

Start-Up aus Freiberg: Luftreiniger statt Luftfilter - Wirkung vom Umweltbundesamt bestätigt

Vor allem in der kommenden kalten Jahreszeit sind Luftfilter beispielsweise in Schulen aber auch in Restaurants und Co. wichtig, da nicht mehr so einfach stoßgelüftet werden kann. Laut einer Studie der Universität Stuttgart entpuppen sich die mobilen Luftfilter jedoch als wenig wirksam*. Das Freiberger Start-up entwickelte statt einem Luftfilter mit ihrer Gewitter-Box jedoch einen Luftreiniger. „Die Luft wird nicht angesaugt – und damit an den beispielsweise Schülern vorbeigeführt – und in einem Filter gesammelt, der anschließend in den Sondermüll muss“, erklärte Lisa Herre der Bietigheimer Zeitung. „Bei der bipolaren Ionisation werden die Ionen in den Raum geblasen und die Keime inaktiviert. Wir sammeln Schadstoffe nicht, sondern inaktivieren sie, und zwar dort, wo sie sind, ohne sie herumzuwirbeln.“

Die Ionisationsröhren, die künstliche Gewitter erzeugen, werden von dem Start-up in ein Deckengerät eingebaut. Bislang habe das Unternehmen gut 1.000 solcher Geräte hergestellt. Eine Stadt im Kreis Heilbronn habe bereits eine Schule mit den Geräten und auch das Rathaus ausgestattet. Einen Nachteil hat die Ionisation jedoch noch: Sie ist noch nicht so bekannt wie andere Möglichkeiten, die Luft zu reinigen. „Bei vielen Ausschreibungen werden wir von vornherein ausgeschlossen, weil speziell ‚Luftfilter’ und nicht ‚Luftreiniger’ ausgeschrieben werden“, sagte Bettina Pfisterer, Leiterin der Marketing-Abteilung der Bietigheimer Zeitung. Dabei habe das Umweltbundesamt die Wirkung von Luftreinigern bereits bestätigt. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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