Hitzige Diskussion

Reutlinger Kinderarzt: Debatte über Corona-Impfungen für Kinder kommt „völlig zur Unzeit“

Ein Kleinkind mit einem Laufrad steht vor einem Absperrband.
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Spielplätze gesperrt, Freunde treffen verboten, Kitas und Schulen weitgehend geschlossen: Für Kinder gibt es wegen der Corona-Krise massive Einschränkungen.
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Länder wie Kanada oder die USA starten jetzt mit der Corona-Impfung für Kinder. Auch in Deutschland wird über die Impfung der Jüngeren diskutiert. Ein Reutlinger Kinderarzt meint: Wir haben andere Sorgen.

Reutlingen - Bei den Impfungen gegen das Coronavirus in Baden-Württemberg stehen Kinder in der Priorisierung ganz hinten an. Die Jüngeren in der Gesellschaft stecken das Virus besser weg als die Älteren und müssen in der Regel keine schlimmen Symptome befürchten. Während Deutschland auf seine Schritt-für-Schritt-Priorisierung vertraut, beginnen andere Länder bereits, auch Kinder gegen Corona zu impfen. Kanada hat erst kürzlich die Corona-Impfung für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben, in den USA könnte es in wenigen Tagen losgehen. Wäre so ein Vorgehen auch in Deutschland vorstellbar? Ein Reutlinger Kinderarzt meint: Bloß nicht.

Im Gespräch mit dem SWR betonte Till Reckert, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Baden-Württemberg, dass er gerne an der derzeitigen Impf-Priorisierung festhalten möchte. „Wir sehen den Erfolg, dass die über 80-Jährigen jetzt nicht mehr bei der Corona-Inzidenz oben sind. Insofern kann ich die von der Stiko (Ständige Impfkommission) und vom Ethikrat vorgeschlagene Impf-Priorisierung verstehen, die wir noch eine ganze Weile beibehalten müssen“, so Reckert. Aktuell sind bei der Corona-Impfung Menschen aus Prio 3 dran.

Corona-Impfung für Kinder: Reutlinger Kinderarzt sieht das Problem woanders

In seiner Praxis hätten Kinder, die positiv auf Corona getestet wurden, keinerlei Coronavirus-Symptome gezeigt, so der Reutlinger Arzt. „Aber woran die Kinder wirklich leiden, ist ein Mangel an Mitgefühl, Empathie und sozialem Beieinandersein.“ Reckert hat festgestellt: „Ganz viele Kinder haben so eine Art Long-Covid-Syndrom - nicht, weil sie Corona hatten, sondern weil sie einfach müde sind, weil sie motivationslos sind, weil sie sozial deprimiert sind.“

Jedenfalls kommt die Diskussion über die Corona-Impfung für Kinder in Deutschland, „völlig zur Unzeit“, wie er dem SWR sagte. Sein Gegenvorschlag: „Ich plädiere dafür, dass man die Erwachsenen impft und dann das Leben für Kinder wieder öffnen kann.“ Sein Credo: „Ich impfe in meiner Praxis die Großeltern und die priorisierten Eltern - für die Kinder.“

Corona-Impfung für Kinder in Deutschland laut Kanzlerin Angela Merkel „nicht vor Frühjahr 2022“

Wann Kinder in Deutschland mit der Impfung dran sind, ist noch offen. Voraussichtlich können Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren noch im Sommer gegen das Coronavirus geimpft werden, wie die Bundesregierung mitteilte. Bei jüngeren Kindern befürchtet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jedoch, dass es noch „sehr, sehr lange dauern“ könnte. „Und mit sehr lange meine ich nicht vor Frühjahr 2022“, kündigte Merkel beim Impfgipfel Ende April an. „Wir werden also eine schwierige Situation an den Grundschulen haben. Dort müssen wir uns auf einen Betrieb mit ungeimpften Kindern einstellen.“

Immer wieder untersuchen Studien die Rolle von Kindern in der Corona-Krise, um herauszufinden, ob und wie oft sie sich infizieren. Auch eine Studie aus Baden-Württemberg prüfte, wie hoch das Risiko bei Kindern ist. Ein Freiburger Kinderarzt warnte kürzlich, dass die Corona-Spätfolgen bei Kindern immer schlimmer werden.

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