Schmerzhafte Kennzeichnung

Ende der Qual: Chips statt Ohrmarken - Bauer in Balingen setzt sich für Tierwohl ein

 Eine Kuh steht auf einer Weide.
+
Mikrochip statt Ohrmarken: Ab 2021 sind EU-weit neben den gelben Ohrmarken auch implantierte Chips zur Identifikation von Rindern zugelassen (Symbolbild).
  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
    schließen

Seit der BSE-Krise werden Rinder mit Marken gekennzeichnet, um ihre Herkunft zurückverfolgen zu können. Doch die Methode ist schmerzhaft für die Tiere. Ein Hof in Balingen geht deshalb andere Wege - trotz Gegenwind.

  • Der Uria-Hof in Balingen implantiert seinen Rindern Chips, anstatt ihnen Ohrmarken einzustanzen.
  • Bis jetzt wurde der Hof dafür sanktioniert, erst 2021 wird das Verfahren EU-weit zulässig.
  • Das Einstanzen von Ohrmarken ist für Rinder schmerzhaft, außerdem besteht erhöhtes Wundinfektionsrisiko.

Balingen - Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg rückten zuletzt Schlachtbetriebe verstärkt in den Fokus. In Baden-Württemberg und anderen deutschen Bundesländern hatten sich zahlreiche Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt. Deshalb hatte die Landesregierung besondere Regeln für Schlachtbetriebe erlassen, beispielsweise regelmäßige Tests auf eine Infektion. Ein Schlachtbetrieb im Enzkreis darf den strengen Corona-Schutz jetzt trotz Massen-Infektionen umgehen.

Das Coronavirus hat allerdings auch positive - wenn auch zeitlich begrenzte - Effekte auf unseren Umgang mit Nutztieren. Wegen des Coronavirus hat Baden-Württemberg Tiertransporte in Nicht-EU-Staaten verboten. An den EU-Außengrenzen müssen Tiertransporte wegen der Corona-Beschränkungen teils lange warten, währenddessen können die Nutztiere aber nicht ausreichend versorgt werden. Es gibt aber auch Landwirte in Baden-Württemberg, die sich lange vor der Corona-Pandemie für das Tierwohl einsetzen. Wie der Schwarzwälder Bote berichtet, implantiert der Uria-Hof in Balingen seinen Rindern seit Jahren Mirkochips, anstatt ihre Ohren auf schmerzhafte Weise mit Marken zu durchstechen. Dafür wurde der Betrieb von Ernst Hermann Maier jahrelang sanktioniert - bis jetzt.

Uria-Hof in Balingen: Mikrochips statt Ohrmarken, aber auch Sanktionen statt Subventionen

Die gelben Ohrmarken, die Rinder an beiden Ohren tragen müssen, sind laut Werner-Bonhoff-Stiftung auf die BSE-Krise zurückzuführen. Die Tierseuche ist auch auf den Mensch übertragbar. Die EU entschied deshalb im Jahr 2000, dass Rinder Ohrmarken bekommen, um die einzelnen Tiere und ihre Geburtsbetriebe identifizieren zu können. Damit war auch die Familie Maier - inzwischen wird der Hof von den Kindern Annette und Edgar betrieben - einverstanden.

Allerdings wehrten sie sich trotzdem gegen das Einstanzen von Ohrmarken bei Rindern. Das Verfahren verursacht Schmerzen, birgt ein Wundinfektionsrisiko und die Gefahr von allergischen Reaktionen. Der Uria-Hof entschied sich deshalb bereits 1999, seinen Rindern Mikrochips mit einer Identifikationsnummer zu implantieren, anstatt ihnen Ohrmarken zu stanzen. Der reiskorngroße Chip wird links der Schwanzwurzel implantiert und stört Tiere nicht - auch bei Haustieren und Pferden kommt er zum Einsatz. Abgelesen wird die Identifikationsnummer dann mit einem Sender.

Seit 2013 wird der Hof deshalb mit Sanktionen belegt, genauer gesagt werden Subventionen gestrichen. Nach Angaben des Schwarzwälder Boten verliert der Uria-Hof deshalb jährlich 40.000 Euro - bis jetzt. Ab 2021 wird das Chip-Verfahren EU-weit zulässig. „Jetzt haben wir also die Situation, dass wir spätestens ab dem nächsten Jahr nicht mehr sanktioniert werden können, weil es gegen geltendes EU-Recht verstoßen würde. Das heißt also, dass wir die Subventionsgelder, die uns sowieso zustehen, wiederbekommen“, erklärte Ernst Hermann Maier laut Schwarzwälder Bote auf der Hauptversammlung des von ihm gegründeten Vereins Uria e. V. Warum lässt die EU das Implantieren von Mikrochips erst jetzt zu? Ernst Maier hat dafür eine wahrscheinlich eher unbeliebte Erklärung. „Ohrmarken sind ein Bombengeschäft. Die Hersteller bekommen die Aufträge automatisch, und wenn die Bauern nicht spuren, bekommen Sie es mit den Behörden zu tun“, so Ernst Maier zum Schwarzwälder Boten.

Nicht nur Mikrochips: Uria-Hof in Balingen setzt sich in vielen Bereichen für das Tierwohl ein

Dass die Rinder auf dem Uria-Hof überhaupt anhand einer Identifikationsnummer überprüft werden, ist dabei eigentlich überflüssig. Denn: Im Gegensatz zu anderen Nutztierbetrieben verlässt den Uria-Hof kein Rind lebendig. Alle dort gehaltenen Rinder sind das ganze Jahr draußen, Kühe und Kälber werden nicht getrennt. „Am Tag der Schlachtung gehen wir mit einem Gewehr mit Schalldämpfer auf die Weide und schießen das Tier - dort wo es sich gerade aufhält - in den Kopf, direkt ins Gehirn“, so Ernst Maier gegenüber dem Schwarzwälder Boten. Das Tier sei dann betäubt und spüre überhaupt nichts mehr.

Erst dann wird das Rind in einer mobilenm Schlachtbox getötet, die Ernst Maier selbst entworfen hat. In der Box werden die toten Rinder in die hauseigene Schlachterei transportiert, so der Schwarzwälder Bote.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare