Ausgerottete Tiere kehren zurück

Erster Wolf nach 155 Jahren im Odenwald ansässig - das hat Folgen für die Region

Ein Wolf im Erlebnispark Tripsdrill in Cleebronn, Baden-Württemberg.
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Im Odenwald ist der erste Wolf seit 155 Jahren ansässig - deswegen wurde die Region nun zum Fördergebiet ausgewiesen
  • Sabrina Kreuzer
    vonSabrina Kreuzer
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Eine Märchenfigur findet neuen Lebensraum in Baden-Württemberg: Während im Schwarzwald schon länger zwei Wölfe leben, gibt es mindestens ein Exemplar im Odenwald - die Region ist nun Fördergebiet.

Update vom 25. März, 12 Uhr: Stuttgart - Nun ist es sicher: Im Odenwald gibt es mindestens einen sesshaften Wolf. Seit Mitte September wurden in der Region immer wieder Spuren eines Wolfes gefunden, der GW1832m genannt wird. Wie die Deutsche Presseagentur berichtet, gilt ein Wolf als sesshaft, wenn ein eindeutig zuzuweisender Nachweis auch nach sechs Monaten noch gefunden wird. So ist es der Fall beim Wolf im Odenwald. Er ist der erste Wolf seit 155 Jahren in der Region.

Wie das Umweltministerium am Mittwoch in Stuttgart mitteilte, ist der Odenwald nun wegen des Wolfes als neues Fördergebiet Wolfsprävention ausgewiesen worden. Für die Bauern und Nutztierhalter in der Region bedeutet das, dass es besondere Anforderungen für den Schutz von Schafs- und Ziegenherden gibt. Im Gegenzug zu den Ausgaben für Zäune werden in einem Fördergebiet nahezu sämtliche Kosten für den zusätzlichen Herdenschutz vom Land erstattet.

Laut Informationen der dpa umfasst das neue Fördergebiet Wolfsprävention 94 Städte und Gemeinden. Diese liegen zwischen Neckargemünd (Rhein-Neckar-Kreis) und Boxberg (Main-Tauber-Kreis), Wertheim (Main-Tauber-Kreis) und Neckarsulm (Landkreis Heilbronn). Die Region hat eine Fläche von 2630 Quadratkilometern.

Erstmeldung vom 18. März: Mudau - Der letzte Wolf, der im Odenwald lebte, steht ausgestopft in einer Vitrine im Stadtmuseum von Eberbach (Neckar-Odenwald-Kreis): Er fletscht die spitzen Zähne, sein helles Fell glänzt hinter der Glasscheibe - vor über 150 Jahren hat dieses Exemplar, das als „Letzter Wolf des Odenwalds“ ausgestellt ist, noch Angst und Schrecken in der Region verbreitet.

Doch nun, genau 155 Jahre später, gibt es einen neuen Wolf im Odenwald - zumindest hoffen das Experten. Das Tier, das unter der Labor-Kennung GW1832m bekannt ist, wird seit Mitte September 2020 immer wieder in der Region entdeckt: Damals hinterließ ein Wolf eine blutige Spur im Neckar-Odenwald-Kreis. Die Rhein-Neckar-Zeitung berichtete erst in dieser Woche von einer erneuten Sichtung des Tieres mithilfe einer Wildkamera. „Es scheint ihm hier zu gefallen“, sagt der Wildtierbeauftragte des Kreises, Tobias Kuhlmann der Deutschen Presseagentur (dpa). Laut Kuhlmann ist der Odenwald eines der wenigen naturnahen Gebiete. Es sei also kein Wunder, dass sich ein Wolf hier wohlfühlt, denn „hier findet der Wolf Ruhe und ausreichend Nahrung.“

Im Odenwald wurde seit September 2020 immer wieder ein Wolf gesehen - sollte er bleiben, ist er der erste seit 155 Jahren.

Viele ausgerottete Tierarten kehren zurück - auch in Baden-Württemberg gibt es wieder Wölfe

Wölfe in Baden-Württemberg sind keine Neuheit mehr und dennoch etwas Besonderes: Viele ausgerottete Tierarten kehren zurück. Schon länger ist bekannt, dass im Schwarzwald zwei Wölfe leben. „Wir rechnen damit, dass es schon bald einen territorialen Wolf auch im Gebiet des Odenwalds geben wird“, sagt Felix Böcker vom Wildtierinstitut von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg der dpa. Da der Odenwald nicht nur zu Baden-Württemberg, sondern auch zu Bayern und Hessen gehört, stehe man in engem Austausch mit den benachbarten Bundesländern. „Natürlich gelten für den Wolf keine politischen Grenzen“, so Böcker. Es ginge nicht darum, einen Aufenthalt auf baden-württembergischer Gemarkung nachzuweisen, sondern um die ganze Region des Odenwalds.

Für Tobias Kuhlmann ist es nur „eine Frage der Zeit, bis der Wolf in dieser Region wieder sesshaft ist“. Davon spricht man, wenn ein eindeutig zuzuweisender Nachweis auch nach sechs Monaten noch gefunden wird - also beispielsweise der Kot eines Tieres. Eine erste Spur dieser Art stammt von Mitte September des vergangenen Jahres, auch eine im Schnee entdeckte jüngere Urinprobe stammt ebenfalls von GW1832m, so die dpa. Das sei jedoch kein Grund zur Sorge, meint der Wildtierbeauftragte: „Wölfe waren früher bei uns. Und ich habe kein Problem damit, dass dieser Wolf hier ist. Das sieht aber anders aus, wenn aus einem Wolf ein Rudel wird. Dann muss es neu bewertet werden.“

Wolfsrudel in Deutschland sind keine Seltenheit, in Baden-Württemberg gibt es sie noch nicht

Wölfe in Baden-Württemberg gibt es noch nicht so viele, allerdings sind Rudel keine Seltenheit in Deutschland. Wie die dpa berichtet, gibt es nach Schätzungen des Bundesamtes für Naturschutz bereits fast 130 Wolfsrudel und insgesamt mehr als 1.000 Wölfe zwischen Nordsee und Alpenrand - und die Zahl steigt schnell. „Es gibt jedes Jahr 30 Prozent mehr Wölfe. Da wissen wir, wohin die Reise geht“, sorgt sich Alfons Gimber, der Vorsitzende der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. Der Schäfer aus Lobbach (Rhein-Neckar-Kreis) ist sich nicht sicher, ob jedes Bundesland „sein eigenes Wolfsrudel“ braucht: „Der Wolf muss irgendwann auch mal gemanagt werden.“ Außerdem müssten Wölfe, die Schafe rissen, „entnommen“, also geschossen werden. Dieser Punkt ist zwar umstritten, aber der Abschuss besonders auffälliger Wölfe ist ordnungsrechtlich bereits möglich. Nach einer Wolfsichtung in Baden-Württemberg, hatten Jäger die Halter von Nutztieren schon im Juli 2020 gewarnt.

Wenn der Wolf im Odenwald wirklich Stammgast bleibt, dann macht das einen deutlichen Unterschied: Denn ein sesshaftes Tier würde bedeuten, dass in der Region ein weiteres Fördergebiet Wolfsprävention ausgewiesen wird. In solchen Gebieten gelten besondere Anforderungen an den Herdenschutz: Er muss wolfsabweisend sein. Ein Sprecher des Umweltministeriums sagt der dpa: „Im Gegenzug dazu werden den Nutztierhalterinnen und -haltern im Fördergebiet nahezu sämtliche Kosten für den zusätzlichen Herdenschutz vom Land erstattet.“

Die Angst vor Wölfen in Baden-Württemberg ist unbegründet

Eine Angst vor Wölfen wäre damit nicht mehr begründet. So sieht das zumindest Felicitas Rechtenwald vom Naturschutzbund Deutschland in Baden-Württemberg: „Ich verstehe die Sorgen und Ängste der Schäfer, aber der Herdenschutz und der Ausgleich für Schäden durch Wolfsangriffe ist bislang ein guter Weg.“ Den Wolf in Baden-Württemberg sieht sie als letzten Tropfen, der das Fass bei den Schäfern zum Überlaufen bringt: „Es geht dort der Nachwuchs verloren, die Bezahlung ist schlecht, die Nachfrage nach Fleisch geht zurück. Man könnte mehr für die Schäfer tun, wenn man Lamm aus der Region kaufen würde und nicht aus dem Ausland.“

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