In Baden-Württemberg und Bayern

„Enorme Bedrohung“ durch illegale Kriegsspiele: Gruppe stellt im Wald den 2. Weltkrieg nach

Deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg (Symbolbild).
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Deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg (Symbolbild).
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Eine Gruppe von 19 Personen aus Baden-Württemberg und Bayern soll sich mit Wehrmachtsuniformen verkleidet und in einem Wald Szenen des 2. Weltkriegs nachgestellt haben. 

Backnang - Vor 75 Jahren endete der bislang verhängnisvollste Krieg der Menschheitsgeschichte. Mehr als 70 Millionen Menschen verloren damals ihr Leben. Die Auswirkungen des 2. Weltkriegs sind selbst heute noch spürbar. Trotzdem scheint es Menschen zu geben, die sich von den Bildern und Überlieferungen zeitgenössischer Gräueltaten nicht abschrecken lassen und dennoch ins Gewand eines Wehrmachtssoldaten schlüpfen, um Szenen dieser schlimmen Zeit nachzustellen.

So mutmaßlich geschehen in einem Waldstück bei Biberach: 19 Frauen in Männer im Alter zwischen 27 und 77 Jahren sollen sich dort zu illegalen Kriegsspielen getroffen haben. Einem Zeugen waren in einem Gebäude bewaffnete Personen in Wehrmachtsuniformen aufgefallen, die dieser der Polizei meldete. Das teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart in einer gemeinsamen Mitteilung mit dem Polizeipräsidium Ulm mit. Ermittlungen hätten demnach den Verdacht gegen weitere Personen ergeben. Erst kürzlich wurde in Baden-Württemberg ein Kriegswaffen-Lager entdeckt.

Baden-Württemberg: Mehrere Personen treffen sich im Wald, um den 2. Weltkrieg nachzuspielen

Am gestrigen Donnerstagmorgen folgte in Süddeutschland eine großangelegte Razzia, bei der etwa 400 Polizisten aus mehreren Bundesländern - darunter Spezialeinsatzkommandos - zum Einsatz kamen. Durchsucht wurden insgesamt 17 Wohnungen - unter anderem in den baden-württembergischen Landkreisen Biberach, Tübingen und dem Ostalbkreis. Bei der Razzia seien laut Angaben der Polizei „unter anderem Computer, eine Vielzahl an Waffen, Munition, Uniformteile, Fahrzeuge und verfassungsfeindliche Symbole“ beschlagnahmt worden. In Esslingen, Sigmaringen sowie in Backnang im Rems-Murr-Kreis soll die Anzahl der beschlagnahmten Funde so groß gewesen sein, dass zum Abtransport ein Lastwagen notwendig war.

Mit verfassungswidrigen Symbolen, Handgranaten und Wehrmachtsuniformen stellten mehrere Personen in einem Wald Szenen des 2. Weltkriegs nach. (Symbolbild)

In Backnang (Rems-Murr-Kreis) herrscht aufgrund der Vorkommnisse Bestürzung. „Das macht ein mulmiges Gefühl. Wie können solche Mengen an Waffen und Nazi-Kram so lange unentdeckt bleiben?“, fragt Kreisrat Philip Köngeter in einer Pressemitteilung. „Waffen und sogar Granaten hat man gefunden, das ist eine enorme Bedrohung für die Bevölkerung. [...] Nazis und sogenannte Reichsbürger stellen zunehmend eine Gefahr dar“.

Großrazzia in Backnang: 19 Wohnungen durchsucht - irre Kriegsspiele im Wald

Die Beschuldigten stehen unter Verdacht, gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen zu haben. Dieses schreibt vor, „dass Waffen, die zur Kriegführung bestimmt sind, nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden dürfen.“ Eine behördliche Genehmigung sollen die Verdächtigen ersten Erkenntnissen der Polizei zufolge nicht gehabt haben.

Sachverständige sollen daher nun prüfen, ob es sich bei den Waffen unter Umständen nur um täuschend echte Nachbildungen, sogenannte Anscheinswaffen, handelt. Selbst das öffentliche Führen dieser steht jedoch unter strengen behördlichen Auflagen. Um tatsächlich echte Exemplare handelt es sich anscheinend bei den gefundenen Granaten. Zwei der Zündkapseln wurden in Sigmaringen von Experten kontrolliert gesprengt.

Gruppe von 19 Personen trifft sich im Wald zu Kriegsspielen - mit Wehrmachtsuniformen und Nazi-Symbole

Für ihre Kriegsspiele sollen die Verdächtigen ebenfalls keine Genehmigung gehabt haben. Der Hinweis darauf macht einen User auf Twitter stutzig: „Klingt als gäbe es gegebenenfalls entsprechende Genehmigungen?“. Tatsächlich ist in Deutschland die Dar- beziehungsweise Nachstellung des Nationalsozialismus verboten. Ausnahmen gibt es jedoch beispielsweise bei Filmaufnahmen oder für Theateraufführungen.

Auf Twitter zeigen sich viele Kommentatoren schockiert. „In Baden-Württemberg [...] treffen sich Erwachsene in Wehrmachtsuniformen, horten Waffen usw - wie dumm muss man eigentlich sein, um derartiges zu machen?!?!“, heißt es in einem Tweet. Eine andere schreibt: „Es klingt nach neunziger Jahre, aber passiert gerade aktuell um uns herum: In Biberach [...] hat sich eine Gruppe getroffen, um bewaffnet in Wehrmachtsuniformen „Kriegszenarien nachzustellen“ ... Wofür trainiert so eine Gruppe wohl?“.

Insbesondere die Tatsache, dass die Verdächtigen laut Polizei wieder entlassen wurden, stößt auf Kritik. „Wie, die kamen vorerst wieder auf freien Fuß?“, twittert in Nutzer empört. Ein anderer antwortet zynisch: „Jap, so sieht es wohl aus. Bestimmt nur harmlose Waffennarren oder Karnevalsgruppe mit Wehrmachtsuniformen“. Mit Humor nahm es folgender Kommentator, der ironisch vermutet: „Wieso trifft sich die Rotte in Wehrmachtsuniformen mit Waffen im Wald? BDSM-Szene oder radikale Rechtsextreme? Oder sogar beides“. Wieder ein anderer witzelt: „Besser ausgerüstet als die Bundeswehr“.

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