Teufelskreis

Karlsruher Forscher alarmiert: Dramatisches Artensterben in Baden-Württemberg

Ein Brauner Bär sitzt auf einem Ast.
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Die Forscher verzeichneten einen extremen Rückgang der Artenvielfalt bei Nachtfaltern in Baden-Württemberg (Symbolbild).
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Ohne die Artenvielfalt auf unserer Erde wäre kein Leben möglich. Der Rückgang dieser Biodiversität ist eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit - auch in Baden-Württemberg.

Stuttgart/Karlsruhe - Vor allem im Frühling und Sommer brummt und surrt es in der freien Natur. Bienen, Schmetterlinge, Falter oder Käfer scheint es in Hülle und Fülle in Gärten, Parks und auch in Städten zu geben. Doch dem ist nicht so. Schon seit Jahren warnen Forscher davor, dass ein Insektensterben stattfindet, es sogar mit jedem Jahr dramatisch zunimmt. Eine Langzeituntersuchung hatte letztes Jahr schon vor einem Massensterben gewarnt.

Für Baden-Württemberg gab es bisher jedoch keine wissenschaftliche Grundlage - bis jetzt. Forscher der Karlsruher Landesanstalt für Umwelt und des Naturkundemuseums haben in einer Studie untersucht, wie weit das Insektensterben im Südwesten vorangeschritten ist. Das Ergebnis ihrer Forschung ist nicht nur besorgniserregend, sondern geradezu alarmierend.

Karlsruher Studie beweist Schreckliches: Zahl der Nachtfaler um 25 Prozent zurückgegangen

Über die letzten drei Jahre hinweg sammelten die Forscher aus Karlsruhe Daten über die in Baden-Württemberg lebenden Insektenarten und ihre Verbreitung. Zwar scheint der Zeitraum für solch eine groß angelegte Untersuchung zu kurz, doch das Karlsruher Naturkundemuseum eilte den Forschern zu Hilfe. Wie der SWR berichtet, sammelt das Museum seit Anfang der 1970er Jahre Nachtfalter. Anhand der Insekten konnten die Forscher ihre Datenbank erweitern.

Was die Wissenschaftler dabei herausfanden, lässt aufhorchen: Seit den 19070ern ging die Zahl der Nachtfalter um unglaubliche 25 Prozent zurück. Allein in den letzten 21 Jahren schrumpfte die Artenvielfalt im Südwesten um 12 Prozent. Das Erschreckende: 113 der in Baden-Württemberg lebenden Nachtfalter-Arten wurden seit 2000 nicht wiedergefunden. Besonders in den letzten zehn Jahren konnten die Forscher einen extremen und erschreckenden Rückgang verzeichnen.

Laut dem SWR sind die Zahlen zudem besonders erschreckend, da sie nicht im landwirtschaftlichen Umfeld erhoben wurden, sondern in ökologischen Gebieten. Dort ist ebenfalls ein Rückgang der Artenvielfalt um 25 Prozent zu verzeichnen. In Baden-Württemberg sowie in anderen Bundesländern Deutschlands herrscht auf den großen Ackerflächen eine besonders hohe Artenarmut. Besonders schlimm ist zudem die Artenvielfalt in den Feuchtgebieten Baden-Württembergs betroffen. Vor allem in der Rheinebene spitze sich die Lage zu, so die Forscher.

Landwirtschaft, Lichtverschmutzung und Klimawandel - vielfältige Gründe für das Artensterben

Die Forscher entdeckten aber auch, dass seit dem Jahr 2000 65 neue Nachtfalterarten hinzukamen. Offenbar kommen sie mit den steigenden Temperaturen besser zurecht als ihre anderen Artgenossen.

Doch was löst das Insektensterben überhaupt aus? Die Gründe sind vielfältig. Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel, Lichtverschmutzung in Städten sowie der Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft sind nur zwei von vielen Faktoren. In Sachen Lichtverschmutzung wird im Südwesten bereits geforscht, eine insektenfreundliche Beleichtung soll kommen. In der Landwirtschaft muss sich hingegen noch einiges ändern. „Wir bringen Gifte aus, die zehntausendfach so giftig sind wie DDT (ein Insektizid, das in den 70ern verboten wurde). Da müssen wir uns über das Artensterben nicht wundern“, sagt Robert Trusch, Insektenforscher am Naturkundemuseum Karlsruhe, gegenüber dem SWR.

Dabei sind die Insekten gerade für die Landwirtschaft essenziell. Etwa der Rückgang der Wildbienen im Land könnte katastrophale Folgen haben. Rund 80 Prozent der Wildpflanzen werden von diesen Bienen bestäubt, schreibt der Naturschutzbund (NABU). Schrumpft der Bienenbestand weiterhin oder fällt irgendwann ganz weg, könnten Ernten von Obst und Gemüse wegbrechen.

Baden-Württemberg: Artensterben bei Insekten hat schlimme Kettenreaktion zur Folge

Auch das Sterben anderer Insektenarten löst eine schlimme Kette an Folgen aus. Denn sterben die Insekten weg, hat das wiederum Auswirkungen auf andere Tierarten. Insektenfressende Vögel etwa würden ihre Nahrungsgrundlage verlieren, somit würde ihre Zahl ebenfalls schwinden. Diesen Vogel-Schwund bemerken Forscher bereits jetzt. Unterdessen kehren andere Arten wieder nach Baden-Württemberg zurück: Wolf, Luchs und Schakal werden wieder im Südwesten gesichtet. Vor allem die Ansiedlung der Luchse wird bereits von der Landesregierung unterstützt.

Rettung könnten mehr Biotope im Land bringen. Solche Flächen sind auch vom Land geplant. Baden-Württemberg plane 15 Prozent der Landschaftsflächen als Biotope auszuweisen, so Umweltstaatssekretär Andre Baumann gegenüber dem SWR. Aber auch Verbraucher können helfen: Wer auf regionale Produkte setzt, kann die Bauern vor Ort unterstützen. Besser noch sind Bio-Betriebe, die gänzlich auf Insektizide verzichten. Auch ein geringerer Fleisch- und Konsum trägt dazu bei, die Insektenvielfalt zu schützen.

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