Übungsplatz im Naturschutzprojekt

„Große Katastrophe“: Bundeswehr-Projekt in Baden-Württemberg versetzt Bevölkerung in Angst

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Die Bundeswehr möchte einen Standortübungsplatz bei Villingen-Schwenningen erweitern. Die angrenzenden Gemeinden sind davon wenig begeistert - können sich aber wohl kaum wehren.

  • Bei Villingen-Schwenningen soll ein Standortübungsplatz der Bundeswehr erweitert werden.
  • Vertreter der Bundeswehr haben die Pläne dazu in einer Gemeinderatssitzung vorgestellt.
  • Die betroffenen Gemeinden haben das Vorhaben heftig kritisiert, können sich aber wohl kaum wehren.

Villingen-Schwenningen - Die Bundeswehr genießt in der Bevölkerung teilweise nicht den besten Ruf. Immer wieder machen die Streitkräfte durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam. Erst Ende Juli hatte ein niedrig fliegender Kampfjet eine Gemeinde bei Freiburg in Angst versetzt. Ein Tornado-Kampfjet der Bundeswehr war in etwa 300 Metern Höhe über die Gemeinde Müllheim gedonnert, das Grollen des Antriebs hatte viele Anwohner besorgt. Es handelte sich dabei allerdings nur um einen Übungsflug. In Hockenheim hatte ein Paar Ende Juni einen gefährlichen Kampfstoff gefunden. Die Handgranate lag am Ufer eines Baggersees und stammt wohl noch aus dem Bürgerkrieg in Jugoslawien - hatte also mit der Bundeswehr nichts zu tun.

Dabei erfüllt die Bundeswehr durchaus auch wichtige Aufgaben innerhalb Deutschlands. In Baden-Württemberg sicherten Soldaten Mitte Mai einen Corona-Krisenherd. Allerdings gab es im selben Zusammenhang auch Kritik. Denn laut Innenminister Thomas Strobl sollten Bundeswehr-Soldaten in Baden-Württemberg das Corona-Kontaktverbot überwachen.

Jetzt gibt es wieder Aufregung um die Bundeswehr in Baden-Württemberg. Der Standortübungsplatz in Donaueschingen soll erweitert werden, betroffen ist davon auch Villingen-Schwenningen. Die an den Übungsplatz angrenzenden Gemeinden zeigen sich von dem Vorhaben der Bundeswehr nur wenig begeistert.

Villingen-Schwenningen: Übungsplatz der Bundeswehr hat Folgen für Natur und Menschen

Die Bundeswehr möchte mit dem 521 Hektar großen Standortübungsplatz mehr Ausbildungsinhalte anbieten. Die Fläche entspricht etwa 521 Fußballfeldern. Die Erweiterung betrifft auch die Gemarkung von Villingen-Schwenningen, weshalb Vertreter der Bundeswehr ihr Vorhaben dort in einer Gemeinderatssitzung verteidigten, wie der Schwarzwälder Bote berichtet. Eine Mehrheit konnten die Vertreter dabei allerdings nicht vom neuen Standortübungsplatz überzeugen. Vor allem zwei Aspekte sind nach Ansicht der Gemeindevertreter nicht vertretbar.

Die für den Standortübungsplatz vorgesehene Fläche betrifft nämlich das Naturschutzgroßprojekt Baar, das zum Erhalt der dortigen Biodiversität errichtet wurde. Entsprechend müsse das Projekt noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung und eine artenschutzrechtliche Prüfung durchlaufen, erklärte Oberstleutnant Lars Thiemann laut Schwarzwälder Bote. Außerdem sei eine Lärmprognose notwendig.

Der Standortübungsplatz der Bundeswehr bei Villingen-Schwenningen soll erweitert werden. Die betroffenen Gemeinden sind davon wenig begeistert.

Besonders schockiert von den Plänen der Bundeswehr ist die ebenfalls betroffene Gemeinde Tannheim. Denn dort gibt es eine Nachsorgeklinik, die sich auf die familienorientierte Nachsorge von Familien mit krebs-, herz- und mukoviszidosekranken Kindern spezialisiert hat.

Standortübungsplatz der Bundeswehr sorgt für massive Kritik der betroffenen Gemeinden um Villingen-Schwenningen

Die Tannheimer Ortsvorsteherin Anja Keller äußerte sich in der Gemeinderatssitzung in Villingen-Schwenningen besonders vehement: Für sie sei nicht nachvollziehbar, warum ein solcher Übungsplatz in dicht besiedeltem Gebiet geplant werde. Mitten im Naturschutzgroßprojekt werde „der Wald zertrampelt“, so Anja Keller laut Schwarzwälder Bote. Man wolle in Tannheim „kein tägliches Geballer“. Die Vertreter der Bundeswehr entgegneten, dass man den Wald vor Ort nicht roden, sondern nutzen wolle: „Die dortige Topographie ist gewollt, wir möchten in natürlicher Kulisse üben“, so Lars Thiemann. Außerdem werde die vorgesehene Fläche nicht eingezäunt, bei Übungsszenarien würden Wachposten aufgestellt, um Waldbesucher zu warnen.

Im Zusammenhang mit dem Übungsplatz der Bundeswehr machte sich Anja Keller außerdem Sorgen um den Genesungsprozess der Kinder in der Tannheimer Nachsorgeklinik. Unterstützung erhielt sie dabei von Thomas Müller, dem Geschäftsführer der Nachsorgeklinik. Der Übungsplatz sei für die Nachsorgeklinik „eine große Katastrophe“, so Thomas Müller laut Schwarzwälder Bote. Die Klinik habe mit Bedacht einen Standort am Waldrand ausgesucht, weil auch die Nähe zu einem Erholungsgebiet gebraucht werde. Ein Standortübungsplatz und eine Nachsorgeklinik – diese beiden Dinge würden sich reiben. Stadtrat Karl-Henning Lichte wurde ebenfalls deutlich: Sollte das Übungsgelände an diesem Standort kommen, hätten Kinder keine Zukunft mehr in der Klinik.

Übungsplatz bei Villingen-Schwenningen: Standort der Bundeswehr nur für Grundlagen vorgesehen

Laut Schwarzwälder Bote reagierten die Vertreter der Bundeswehr verhalten auf die Kritik an der Erweiterung des Standortübungsplatzes. Zwar böte die Erweiterung die Möglichkeit, in Schießanlagen den Umgang mit Panzerfäusten oder Granatpistolen zu üben. Auch Waldkampfübungen seien möglich. Scharfe Munition werde allerdings nicht verwendet, ebenso wenig würde man einen Detonationsknall hören.

Oberst Herfried Martens vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr beugte gleichzeitig auch Befürchtungen vor, aus dem Standort bei Villingen-Schwenningen könne ein Truppenübungsplatz werden. Während ein Standortübungsplatz zu einer Kaserne gehört und dort meist nur grundlegende Übungen durchgeführt werden, befindet sich ein Truppenübungsplatz weit entfernt von einer Kaserne, die Soldaten fahren dort extra für eine Übung hin. Truppenübungsplätze sind auch deutlich größer, in Heuberg in Baden-Württemberg umfasst der Truppenübungsplatz beispielsweise 4.800 Hektar. Entsprechend kann unter diesen Bedingungen auch mit scharfer Munition geübt werden.

Auch wenn die betroffenen Gemeinden die geplante Erweiterung der Bundeswehr nach wie vor kritisch sehen: Viel dagegen ausrichten können sie wohl nicht. Laut SWR hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stadtverwaltung beauftragt, die Gegenargumente bei den Ministerien und der Politik vorzubringen, um so das Vorhaben der Bundeswehr abzuwenden. Die Nachsorgeklinik in Tannheim hat eine Petition gegen den Standortübungsplatz ins Leben gerufen, über 5.000 Personen haben diese bereits unterzeichnet.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

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