Suche nach Depot

Endlager: In Baden-Württemberg könnte bald der gesamte Atommüll aus Deutschland lagern

  • Valentin Betz
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Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossen. Doch wo der Atommüll gelagert wird, ist noch offen. Auch Baden-Württemberg kommt als Standort in Frage.

Stuttgart - Spätestens seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima steht der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie fest. Auch wenn einige Experten nach wie vor überzeugt sind von der Atomenergie: Dass der Ausstieg vernünftig ist, zeigte erst Mitte Juli das AKW Neckarwestheim II. Am letzten aktiven Atomkraftwerk in Baden-Württemberg zeigten sich auffällige Schäden (BW24* berichtete). Beim AKW Philippsburg bei Karlsruhe ist man hingegen schon weiter. Das Kraftwerk wird Stück für Stück zurück gebaut. Bei der Sprengung der Kühltürme flog eine Drohne über das AKW Philippsburg und sorgte für Gänsehaut mit den Aufnahmen*.

Doch beim Rückbau solcher Atomkraftwerke entstehen gleich zwei Probleme. Zum einen ist selbst das Bauwerk verstrahlt, die Teile müssen in so genannten Reststoffverarbeitungszentren aufbereitet werden. Auf dem Gelände des ehemaligen AKW Fessenheim, an der Grenze zu Frankreich, soll solch ein gruseliges Projekt entstehen*. Es wäre die größte nukleare Müllkippe Europas. Deutlich gefährlicher und strahlender sind allerdings die Brennstäbe. Sie müssen möglichst für die Ewigkeit in einem so genannten Endlager untergebracht werden. Deutschland befindet sich momentan auf der Suche nach einem dafür geeigneten Standort - es könnte auch Baden-Württemberg treffen.

Endlager für Atommüll: Ende September erscheint Bericht mit möglichen Standorten, Baden-Württemberg zittert

Am 28. September veröffentlicht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) einen Zwischenbericht, auf dem mögliche Gebiete für ein Atommüll-Depot gelistet sind. Die Suche nach einem geeigneten Standort ist hochgradig umstritten, Politik, Umweltschützer und Bürgerinitiativen stehen vor der Veröffentlichung des Berichts schon bereit. Denn so wichtig ein sicheres Endlager für Atommüll ist - kein Bewohner in Deutschland möchte es direkt vor der Haustür haben.

Wohin mit dem Atommüll: Deutschland sucht nach einem Endlager für nuklearen Abfall. Auch Standorte in Baden-Württemberg wären geeignet.

„Das ist ein Blick in die Glaskugel. Was wir erwarten ist ein umfangreicher Bericht mit Daten, Methoden und Sekundärdokumenten“, sagte Fritz Mielert, Referent für Umweltschutz beim baden-württembergischen Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Vorfeld zur dpa. Es werde „so eine Art Wundertüte“ geöffnet, denn Transparenz sei nicht gegeben. Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass auch Gebiete in Baden-Württemberg im Bericht genannt würden.

Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller warb vor der Veröffentlichung des Zwischenberichts für Besonnenheit. Er rechne allerdings mit einer „gewissen Aufregung“, sagte er der dpa. „Das ist vollkommen nachvollziehbar, immerhin geht der Suchprozess damit in die nächste konkretere Phase.“ Dabei ist der Zwischenbericht bei weitem noch nicht endgültig, sondern vielmehr eine weitere Eingrenzung für mögliche Atommüll-Endlager. „Wir haben nur diese eine Chance, die Endlagerproblematik zu lösen - die dürfen wir nicht verspielen“, sagte Franz Untersteller zur dpa.

Suche nach Atommüll-Endlager: Winfried Kretschmann stützt fachliche Kriterien und kritisiert Bayerns Haltung

Auch wenn Standorte in Baden-Württemberg für ein Endlager in Frage kämen, will sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann* nicht gegen fachliche Kriterien stellen. Stattdessen plädiert er für die Haltung „Geologie vor Geografie“: Der bestmögliche Standort dürfe nicht von der Frage abhängen, ob es geografisch in den Kram passe. Dabei kritisierte Winfried Kretschmann auch das Nachbarland. Bayern wollte unlängst mit Baden-Württemberg eine mächtige Allianz gegen Berlin schmieden*.

Doch im bayerischen Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern gibt es einen Passus, der Winfried Kretschmann missfällt: „Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist.“ Eine solche Haltung konterkariere das ganze Verfahren, kritisierte Winfried Kretschmann. „Man braucht Vertrauen in den Prozess. Und deshalb sind alle dazu aufgerufen, nichts zu tun, was dieses Vertrauen minimiert.“

Suche nach Endlager für Atommüll nach Prinzip „weiße Landkarte“ - doch Baden-Württemberg heißer Kandidat

Die Suche nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager in Deutschland soll 2032 abgeschlossen sein. Dabei gilt das Prinzip der „weißen Landkarte": Vorausgesetzt, bestimmte Kriterien werden erfüllt, kommt grundsätzlich jeder Ort Deutschlands in Frage. Alleine die Mindestanforderungen grenzen die Möglichkeiten für ein Atommüll-Depot aber schon merklich ein: Das umgebende Gestein darf nur gering durchlässig und muss mindestens 100 Meter dick sein. Das Endlager darf zudem nicht mehr als 300 Meter unter der Erdoberfläche liegen. Ausgeschlossen sind darüber hinaus zum Beispiel Regionen mit vulkanischer Aktivität.

Als Gestein eignen sich neben Granit auch Steinsalz und Ton. Deutschland hatte ursprünglich Salzgestein bevorzugt, im Zuge der Suche nach einem Atommüll-Endlager wird inzwischen aber ein ergebnisoffener Vergleich gefordert. Besonders deshalb wäre auch Baden-Württemberg als Standort für ein Atommüll-Depot denkbar. Der BUND rechnet laut dpa nämlich damit, dass der sogenannte Opalinuston im Zwichenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung erwähnt wird. Die Tonart zieht sich aus Zürich kommend unter der Schwäbischen Alb bis nach Ulm. *BW24 ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © dpa / Sebastian Kahnert

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