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Baden-Württemberger nimmt in zwei Jahren fast 100 Kilo ab - und schreibt ein Buch darüber

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Von: Sina Alonso Garcia

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Philipp Türck
Philipp Türck brachte einst 180 Kilo auf die Wage. Mittlerweile wiegt er knapp 88 Kilo und hat sein Leben komplett umgekrempelt. Rechts im Bild: Das Cover seines Buchs „Balu bewegt sich“. © Marcus Jäck/Philipp Türck (Fotomontage BW24)

Vor etwas mehr als zwei Jahren wog Philipp Türck aus Wangen noch 180 Kilo. Dann traf er eine Entscheidung, die sein Leben radikal verändern sollte.

Wangen - 61 Prozent der Männer sowie 47 Prozent der Frauen in Deutschland leiden an Übergewicht. Darunter fallen alle, die einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 und mehr haben. Ab einem BMI von 30 gilt man als adipös. Philipp Türck aus Wangen im Kreis Göppingen brachte vor rund zwei Jahren 180 Kilo auf die Wage, was bei seiner Größe von 1,78 Metern einem BMI von über 56 entspricht. Obwohl er damit als stark adipös und dadurch als anfällig für Herz-Kreislauf-Erkrankungen galt, hat er das Problem lange nicht bewusst wahrgenommen. „Menschen, die 180 Kilo wiegen, stellt man sich ja so vor, dass sie nur daheim vor dem PC sitzen. So war das bei mir nicht. Ich war trotzdem viel unterwegs. Für mich war das damals nicht so präsent, dass ich so dick war“, sagt der 31-Jährige gegenüber BW24.

Anmerkung der Redaktion

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 21.01.2022 veröffentlicht. Da er für unsere Leser noch immer Relevanz besitzt, haben wir ihn erneut auf Facebook gepostet.

Während Türck selbst sein starkes Übergewicht lange verdrängte, zeigte sich sein Umfeld zunehmend besorgt. Sein Chef bei der Sparkasse, für die Türck als Kundenberater arbeitet, sprach ihn mehrfach darauf an. Ein Kumpel, mit dem er zur Vier-Schanzen-Tournee nach Oberstdorf fuhr, drohte ihm gar: „Wenn du so weitermachst, nehme ich dich nicht mehr mit.“ Auch sein Hausarzt legte ihm ans Herz, etwas gegen sein Übergewicht zu tun - und empfahl ihm eine Magenverkleinerung.

Philipp Türck: „Habe lange damit gehadert, ob ich es durchziehen soll“

Bei einer Voruntersuchung an der Uniklinik in Tübingen unterzog sich Türck einem für die Magenverkleinerung obligatorischen Check. „Ich wurde sowohl körperlich als auch psychisch komplett durchgecheckt. Ein Gremium der Klinik sowie Vertreter der deutschen Ethik-Kommission haben dann entschieden, ob ich für den operativen Eingriff bereit bin.“ Nur, wenn die Experten die OP genehmigen, wird sie von der Krankenkasse bezahlt. „Es ist einfach wichtig zu wissen, dass der Kopf bei so einer Entscheidung mitmachen muss. Alleine den Körper durch eine OP zu verändern, reicht nicht.“ Wie sich in den Gesprächen herausstellte, hielt das Expertengremium ihn für einen geeigneten Kandidaten für eine Schlauchmagen-Operation.

Schlauchmagen-Operation

Bei der Schlauchmagen-Operation wird die Magengröße um bis zu 97 Prozent verkleinert. Bei adipösen Menschen kann der Mageninhalt bei zwei bis drei Litern liegen. Normal sind 1,2 bis 1,6 Liter. Mit der Operation wird das Organ auf etwa 80 bis 120 Milliliter verkleinert. Patienten empfinden dadurch beim Essen deutlich schneller ein Sättigungsgefühl.

„Als der Termin für die OP feststand - der Eingriff sollte im August 2019 stattfinden - habe ich immer wieder damit gehadert, ob ich das wirklich durchziehe“, so Türck. Ein einschneidendes Erlebnis im Juni 2019 brachte ihm schließlich Klarheit. „Ein ehemaliger Mitschüler von mir starb damals bei einem Motorradunfall. Auf der Beerdigung ist mir plötzlich bewusst geworden: Wenn ich so weiter mache wie bisher, bin ich der Nächste.“

Magenverkleinerung: Philipp Türck war fünf Wochen nach der OP um 30 Kilo leichter

Zunächst hielt Türck die OP vor seinem Umfeld geheim und erzählte nur seinen engsten Freunden und seiner Familie davon. Dass er die medizinische Hilfe annahm, war ihm zunächst unangenehm. „Da ich allerdings in den ersten fünf Wochen nach der OP bereits 30 Kilo Gewicht verlor, konnte sich jeder, der bei halbwegs gesundem Menschenverstand war, ausmalen, was passiert war.“ Die Auswirkungen des Eingriffs bekam er schon einen Tag nach der OP zu spüren: „Weil ich wahnsinnig schnell satt war, schaffte ich es gerade mal, zwei Esslöffel Suppe zu essen.“ Auch in den darauffolgenden Tagen habe er ungefähr nur so viel gegessen, wie in einen Joghurtbecher passe.

In den Monaten nach der OP purzelten die Kilos rapide weiter. Inzwischen wiegt Türck um die 88 Kilogramm, mit Tagesschwankungen sinkt sein Gewicht auf bis zu 86 Kilo. Da sein Magen nicht mehr so viel aufnehmen kann wie früher, ernährt er sich vorrangig von magerem Fleisch, Fisch und leichten Speisen. Dabei achtet er darauf, genug Eiweiß zu sich zu nehmen. „Viele müssen nach einer Magenverkleinerung Eiweißpulver nehmen, um an ihren Mindestbedarf zu kommen. Es ist wichtig, Muskelmasse zu behalten.“ Generell sei es dadurch, dass man schneller satt sei, überhaupt schwierig, auf eine hohe Kalorienanzahl am Tag zu kommen.

Philipp Türck: Nach der OP merkte er erst, was er davor alles verpasst hatte

Obwohl er vor der OP nicht unbedingt unzufrieden war, wurde Türck danach schlagartig bewusst, was er damals alles nicht machen konnte und wie viel mehr Lebensqualität er nun dazugewonnen hat. „Ich habe wieder angefangen mit Handballspielen und gehe viel wandern.“ Auch mit dem Flugzeug zu fliegen war für ihn lange Zeit nicht denkbar, weil es jahrelang Unbehagen bei ihm auslöste. „Seit einem Flug nach New York im Jahr 2013 bin ich sieben Jahre lang nicht mehr in ein Flugzeug gestiegen. Ich habe mir damals nicht so viele Gedanken darüber gemacht, warum ich nicht fliegen will. Mittlerweile glaube ich, ich hätte es eher gemacht, wenn ich nicht so schwer gewesen wäre.“

Auch Türcks Umfeld reagierte extrem positiv auf die Veränderung. „Mein kleiner Bruder sagt: Die guten Eigenschaften sind geblieben, aber die schlechten Eigenschaften sind zurückgegangen.“ Lange Zeit sei das Verhältnis zu seinem Bruder sehr distanziert gewesen. „Ich habe mich früher manchmal sehr unfair ihm und seiner Frau gegenüber verhalten, wurde schnell zornig und konnte schlecht teilen.“ Nach seiner OP besserte sich das Verhältnis zu seinem Bruder so stark, dass sie sich sogar gemeinsam ein Haus gekauft haben, in dem sie gemeinsam mit der Frau des Bruders leben. „Ich habe gelernt, mehr auf andere einzugehen“, sagt Türck.

Philipp Türck: „Wahrscheinlich war es eine innere Unzufriedenheit“

Warum es damals so weit kam, dass er so viel zugenommen hat, kann Türck gar nicht mehr genau sagen. „Bis zur 5. Klasse war ich normalgewichtig.“ Zwar habe er pro Mahlzeit nicht mehr als andere gegessen, dafür aber viele Zwischenmahlzeiten eingeschoben. „Als ich nach dem Abi anfing, zu arbeiten, wurde es noch schlimmer. Wahrscheinlich lag das an einer inneren Unzufriedenheit.“ Wenn er inzwischen gemeinsam mit Freunden Fotos von früher anschaut, denkt er: „Das bin doch nicht ich.“

Seine Erfahrungen teilt Türck in einem Buch, das er gemeinsam mit einem Bekannten aus seinem Ort geschrieben hat. „Wir saßen eines Abends zusammen in der Kneipe, als mein Bekannter, der selbst schon ein Buch über seine Depressionen geschrieben hat, auf die Idee kam, meine Geschichte gemeinsam aufzuschreiben.“ Anfangs reagierte Türck skeptisch. „Ich dachte, über das Abnehmen gibt es doch schon genug Bücher.“ Als er kurze Zeit später anfing, zu recherchieren, was es auf dem Buchmarkt so gibt, merkte er jedoch, dass viele der Bücher eher die medizinische Sicht beleuchteten und weniger den psychischen Prozess. „Viele Erfahrungsberichte lassen die negativen Aspekte auch eher außen vor. Ich habe dann überlegt, dass ich vielleicht doch nochmal eine neue Seite beleuchten könnte.“

Buchprojekt „Balu bewegt sich“: „Möchte Menschen zeigen, dass es in Ordnung ist, Hilfe anzunehmen“

Im März 2020 fingen Türck und sein Bekannter dann an, sich regelmäßig zu treffen. „Ich habe ihm meine Geschichte erzählt, wir haben es auf Tonband aufgenommen und er hat es später aufgeschrieben.“ Gerade während der Lockdowns sei ihm das Projekt eine willkommene Abwechslung gewesen. „Durch meine Erfahrung möchte ich anderen Menschen zeigen, dass es völlig in Ordnung ist, Hilfe anzunehmen. Ich selbst habe mich lange dagegen gewehrt und wollte mir nicht eingestehen, dass ich es alleine nicht schaffe.“ Auch will er aufzeigen, wie es ist, mit negativen Reaktionen anderer umzugehen. „Während viele Menschen sich mit mir über meine Gewichtsabnahme gefreut haben, gab es tatsächlich andere, die gesagt haben: Mit einer Magenverkleinerung ist das Abnehmen doch einfach, das würde jeder schaffen.“ Mit Bestimmtheit kann er inzwischen sagen: „Ich habe das für mich selber gemacht, nicht für irgendjemand anderen.“

Mit dem Buch „Balu bewegt sich“ (Balu ist Türcks Spitzname, Anm. d. Red.) verfolgen die Autoren nicht das Ziel, Profit zu machen. Ein Teil des Gewinns wird an die DKMS gespendet. Der Rest fließt in ein Bauprojekt des Vereins „Wangen bewegt sich“. Der Verein, den Türck im März 2021 mitgegründet hat, strebt an, in Wangen einen Outdoor-Fitness-Park bauen. „Ich wollte das Buch nur schreiben, wenn wir es ohne Gewinnabsicht machen. Viel wichtiger war mir, den Leuten zu zeigen, wie es sein kann, wenn man diesen Schritt geht.“ Statt das Buch über Amazon anzubieten, wo die Plattform 30 Prozent des Gewinns einfährt, entschieden sich Türck und sein Bekannter, es auf dem Online-Shop ihres Vereins unter wangen-bewegt-sich.shop zu verkaufen.

Nach der Magenverkleinerung hatte Türck immer wieder Kontrolltermine beim Uniklinikum Tübingen. „Die Abstände der Termine werden immer größer. Es soll einfach eine Hilfestellung sein. Beispielsweise geht es darum, zu schauen, wie es mit der Ernährung läuft und wo man noch nachbessern könnte.“

Durch seinen mutigen Schritt, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, zeigt Philipp Türck Menschen, die an Adipositas leiden, einen Weg auf, wie man seine Lebensqualität wieder zurückgewinnt. Neben seinen Erfahrungen zum Thema Adipositas, Operation, Vor- und Nachsorge finden sich in dem Buch auch kurze Beiträge seiner Familie und seiner Freunde.

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