Rund 1.000 Impfdosen

Ärztin verimpft Astrazeneca auf Edeka-Parkplatz: Menschen strömen in Massen - „Her damit“

Menschen stehen in einer Schlange vor Edeka Berger in Pforzheim.
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Vor dem Edeka Berger in Pforzheim bildeten sich am Mittwoch lange Schlangen. Alle wollten den begehrten Impfstoff.
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Der Astrazeneca-Impfstoff bleibt in Arztpraxen reihenweise liegen. Eine Pforzheimer Ärztin startete deshalb am Mittwoch eine große Impf-Aktion für Freiwillige auf einem Supermarkt-Parkplatz. Innerhalb kurzer Zeit war der Impfstoff vergriffen.

Update vom 6. Mai, 10.37 Uhr: Weil Patienten in ihrer Praxis die Astrazeneca-Impfung vermehrt verweigert hatten, suchte sich eine Pforzheimer Ärztin andere Abnehmer. Am Mittwoch, 5. Mai, verimpfte sie mit weiteren Ärztinnen insgesamt 1.000 Astrazeneca-Impfdosen an Menschen, die keine Vorbehalte gegen den Impfstoff hegen.

Eigentlich war die Aktion von 14 bis 20 Uhr angesetzt. Bereits nach einer Stunde waren jedoch bereits 700 Impfdosen vergeben, wie der SWR berichtet. Lange Schlangen hatten sich schon vor dem Startschuss auf dem Parkplatz von Edeka Berger in Pforzheim-Huchenfeld gebildet, die Menschen rückten aus ganz Süddeutschland an.

Aktion in Pforzheim: Impfwillige überrennen den Edeka-Parkplatz - „Her damit!“

Wegen des großen Andrangs starteten die Ärztinnen die Impfungen bereits um 13.22 Uhr, wie die Heilbronner Stimme berichtet. Neben Nicola Buhlinger-Göpfarth waren auch die Ärztinnen Christina Sanwald aus Pforzheim und Susanne Bublitz aus Pfedelbach mit von der Partie. Sie alle haben aus ihren Arztpraxen übrige Impfdosen mitgebracht - das erklärt die stattliche Zahl von rund 1.000 Dosen.

Die Freude der Menschen über die Möglichkeit, eine Impfdose zu ergattern, war offenbar groß. Ein Mann aus Schorndorf betonte im Gespräch mit der Heilbronner Stimme, er habe gegenüber Astrazeneca absolut keine Vorbehalte: „Kein Problem, her damit, die Gefahr Corona zu bekommen, ist größer als eine Thrombose.“ Eine andere Frau, die aus Lauffen am Neckar extra früh morgens hergefahren ist, sagte der Zeitung: „Es hat sich gelohnt.“ Sie versorge ihre vorerkrankten Eltern, die noch nicht geimpft seien und habe sich seit Wochen um Impftermine bemüht.

Impf-Offensive in Pforzheim: Auch Nicht-Priorisierte wurden geimpft

Neben impfberechtigten Menschen wurden auf dem Pforzheimer Edeka-Parkplatz laut SWR auch Menschen geimpft, die eigentlich nicht priorisiert sind. Das heißt, dass sich beispielsweise auch unter 60-Jährige, für die der Impfstoff offiziell nicht freigegeben ist, dort impfen lassen haben. Verboten ist das nicht. So können die Jüngeren nach Absprache mit einem Arzt auch freiwillig eine Astrazeneca-Spritze bekommen.

Bei der Aktion vor Ort waren auch Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung sowie des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Die Impf-Offensive in Pforzheim soll im Ländle wohl nicht einmalig bleiben: „Es werden weitere Kollegen diesem Vorbild folgen“, sagte Manfred King, Pressesprecher des Hausärzteverbands, der Heilbronner Stimme.

Update vom 5. Mai, 10.11 Uhr: Der Impfstoff Astrazenecea hat ein Image-Problem. Das bekommen auch die Hausärzte zu spüren, die den Impfstoff nicht loskriegen. Teilweise rede man sich „dumm und dusselig“, weil impfberechtigte Patienten über 60 Jahre den Impfstoff nicht haben wollen, berichtet die Pforzheimer Ärztin Nicola Buhlinger-Göpfahrt. Jetzt reicht es der Medizinerin. Anstatt zu diskutieren, startet sie am heutigen Mittwoch, 5. Mai, auf dem Parkplatz eines Pforzheimer Supermarkts eine Impf-Offensive. Los geht es um 14 Uhr, ein Termin ist nicht nötig.

700 liegengebliebene Astrazeneca-Dosen will Buhlinger-Göpfahrt mit ihrer Aktion an den Mann und an die Frau bringen. Da das Misstrauen vieler Patienten gegen den höchst wirksamen Impfstoff leider groß sei, hätten die Dosen zuvor keine Abnehmer gefunden, so die Ärztin. Der Zeitaufwand für die Gespräche mit den Impfberechtigten auf ihrer Warteliste sei enorm und kaum zu rechtfertigen.

Aktion in Pforzheim-Huchenfeld: Geimpft wird bis 20 Uhr, so lange Impfstoff da ist

Die Aktion findet bei Edeka Berger in der Industriestraße 58 in Pforzheim-Huchenfeld statt. Die Termine für die Zweitimpfung gibt es für die Geimpften dann gleich vor Ort. Auch die Zweitimpfung soll in ein paar Wochen bei einer ähnlichen Aktion auf dem Supermarktparkplatz in Huchenfeld stattfinden. Geimpft wird bis 20 Uhr, solange der Impfstoff reicht. Voraussetzung für die Teilnahme an der Impf-Aktion ist, dass die Menschen impfberechtigt sind und, sofern sie unter 60 sind, ausdrücklich mit der Astrazeneca-Impfung einverstanden sind. In Deutschland wird Astrazeneca aktuell nur für Personen ab 60 Jahren empfohlen. Trotz seiner hohen Wirksamkeit war das Vakzin wegen selten auftretender Blutgerinnsel im Zusammenhang mit der Impfung in Verruf geraten.

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen und der DRK-Ortsgruppe empfängt Buhlinger-Göpfarth die Freiwilligen am Mittwoch auf dem Parkplatz des Edeka-Supermarkts. Die Impfwilligen müssen der aktuellen Priorisierungsgruppe angehören. Wenn später noch Impfstoff übrig ist, können sich bei der Aktion auch nicht priorisierte Personen impfen lassen.

Erstmeldung vom 3. Mai: Karlsruhe/Pforzheim - Neben den Impfzentren bieten mittlerweile auch Hausärzte in Baden-Württemberg Termine für die Corona-Impfung an. Dabei kommt der Impfstoff Astrazeneca aktuell nur noch bei Menschen über 60 Jahren zum Einsatz. Der Grund sind selten auftretende Blutgerinnsel, die im Zusammenhang mit der Impfung vor allem bei jüngeren Frauen beobachtet wurden. Hausärzte berichten nun, wie sich ältere Menschen, die eigentlich impfberechtigt sind, zunehmend skeptisch gegenüber Astrazeneca zeigen.

Um die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, dass keine Impfdosen liegen bleiben. Leider ist das aber gerade beim Vakzin Astrazeneca der Fall. „Wir diskutieren uns mit den Patienten dumm und dusselig“, sagt Nicola Buhlinger-Göpfarth vom Landesvorstand des Hausärzteverbandes der Deutschen Presseagentur (dpa). „Viele Praxen bekommen den Impfstoff, wenn überhaupt, nur mit maximalem Zeitaufwand an die Patienten“, so die Pforzheimer Ärztin weiter.

Astrazeneca-Impfung: „Es gibt hundert andere, die sich damit gerne impfen lassen wollen“

Problematisch ist die Verweigerung des Astrazeneca-Impfstoffs in Baden-Württemberg für Hausärzte auch deshalb, weil sie die Zeit, in der sie mit den Patienten diskutieren, nicht bezahlt bekommen. „Außerdem wissen wir genau, dass es hundert andere gibt, die sich damit gerne impfen lassen wollen“, ärgert sich Nicola Buhlinger-Göpfarth. Die Kommunikation des Bundes zu dem Wirkstoff sei desaströs. Die Folgen würden auf dem Rücken der Hausärzte ausgetragen, so die Medizinerin.

Als Reaktion will Buhlinger-Göpfarth an diesem Mittwoch vor einem Pforzheimer Supermarkt rund 250 Dosen Astrazeneca verimpfen, für die sie in ihrer Sprechstunde keine Abnehmer fand. „Ich trau mich jetzt einfach mal“, sagte sie zu der geplanten Aktion. Zwei Kolleginnen hätten sich ihr inzwischen angeschlossen. Geimpft würden Impfwillige mit Impfberechtigung. In Sachen Impfberechtigte tut sich derweil immerhin etwas. So sind seit 3. Mai in Baden-Württemberg Menschen aus der Prio-Gruppe 3 impfberechtigt.

Während Patienten von Hausärzten vermehrt Astrazeneca verweigern, sieht die Situation in den Impfzentren offenbar anders aus. Dort würden die Menschen ihren Termin mit Astrazeneca in der Regel wahrnehmen, wie ein Sprecher des Sozialministeriums erklärte. Übrig bleibende Dosen würden möglichst an andere Impfwillige gegeben.

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