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„Wundere mich, dass es so lange gut gegangen ist“: Wie der US-Einfluss bei Tesla in Berlin für Probleme sorgt

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Von: Julian Baumann

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Die Mitarbeiter der Tesla-Fabrik in Brandenburg klagen über extreme Arbeitsbedingungen und auch die IG Metall ist in Sorge. Ein Experte erklärt, warum in Grünheide so vieles aus deutscher Sicht falsch läuft.

Stuttgart/Grünheide - Seit US-Autohersteller Tesla im März 2022 die Giga Berlin in Grünheide (Brandenburg) eröffnet hat, kommen immer wieder Berichte aus der großen Autofabrik nahe der Bundeshauptstadt ans Licht. Einige davon sind durchaus positiv: Tesla hat Anfang November den 1.000 Arbeitslosen eingestellt und auch sonst profitiert die Region der Hauptstadt von der Ansiedelung des E-Auto-Konzerns. Aus wirtschaftlicher Sicht kann zudem positiv hervorgehoben werden, dass die deutsche Tesla-Fabrik einen Produktions- und Auslieferungsrekord nach dem anderen aufstellt. Diese Geschwindigkeit wirkt sich allerdings alles andere als positiv auf die steigende Zahl an Mitarbeitern aus.

Ende des vergangenen Jahres deckte ein Bericht gravierende Mängel an der deutschen Tesla-Fabrik auf und nur wenige Zeit später klagten die Tesla-Mitarbeiter in Grünheide über eine „knallharte Ausbeutung“. Im Interview mit der WirtschaftsWoche erklärte Christoph Barmeyer, Professor für interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau, dass Tesla die gewohnten Praktiken aus den USA eben auch auf deutschem Boden anwende. Zudem machte der Experte auch Tesla-Boss Elon Musk verantwortlich, der seine Vorstellungen und Zielvorgaben knallhart durchsetze. Ein Ex-Tesla-Manager erklärte, dass Musk „stets professionell, aber überhaupt nicht sozial“ sei.

Tesla Berlin: Am deutschen Standort kommen laut Experte aktuell mehrere Dinge zusammen

Laut Christoph Barmeyer kommen bei Tesla in Grünheide aktuell mehrere Dinge zusammen. „Erstens überträgt das US-amerikanische Mutterunternehmen seine Managementpraktiken auf die deutsche Tochter, weil es diese als völlig normal ansieht“, sagte der Experte. „Zweitens ist das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ein völlig anderes, das ebenfalls übertragen wird.“ Zudem sei auch Elon Musk als sehr spezieller Unternehmer mitverantwortlich. „Er geht sehr unkonventionell vor“, sagte Barmeyer. „Musk investiert mehrere Milliarden und drückt seine Vorstellungen dann aber auch recht rigoros durch, weil er die Macht dazu hat.“

Die Giga Berlin von Tesla ist nicht nur die erste große Produktionsanlage des Unternehmens in der Bundesrepublik, sondern auch in Europa. In der zuvor eröffneten Gigafabik in Shanghai (China) klagten die Mitarbeiter ebenfalls über die Arbeitsbedingungen. Tesla-Mitarbeiter in Shanghai mussten im Lockdown auf dem Fabrikboden schlafen, um die Produktion aufrechtzuerhalten. In Deutschland gelten allerdings festgelegte Regelungen für den Arbeitsschutz und die Arbeitszeiten. Darüber scheint sich Tesla aber immer wieder hinwegzusetzen, was auch die Gewerkschaft IG Metall deutlich kritisierte.

Bundeskanzler Olaf Scholz (l, SPD) und Elon Musk, Tesla-Chef, nehmen an der Eröffnung der Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg teil.
Statt nach deutschen Gesetzen wird in der Giga Berlin von Tesla offenbar nach US-Regelungen gearbeitet. © Patrick Pleul/dpa

Das liegt laut dem Experten ebenfalls an deutlich anderen Regelungen in den USA. „In den USA herrscht das Common Law, es gibt kein vergleichbares kodifiziertes Arbeitsrecht, das grundsätzliche Fragen regelt“, erklärte er. „Alles wird zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern vertraglich geregelt. Tarifverträge mit festgelegten Löhnen kannte Tesla bislang nicht.“ Deshalb sorgten im vergangenen Jahr auch ungleiche Löhne in der Tesla-Fabrik bei Berlin für großen Ärger. Neu eingestellte Mitarbeiter wurden offenbar für die gleiche Tätigkeit besser bezahlt, wie Angestellte, die bereits länger beim E-Autobauer tätig sind.

Tesla lässt in Berlin nach US-Regelung arbeiten – damit können nicht alle Mitarbeiter umgehen

Eigentlich müsste es Tesla aber von Anfang an klar gewesen sein, dass sich das US-Unternehmen auf deutschem Boden eben auch den in Deutschland geltenden Gesetzen unterwerfen muss. Laut einem Bericht hat die Giga Berlin aber bis heute keinen funktionierenden Brandschutz, was allerdings von den Behörden in Brandenburg geduldet wird. „Ehrlich gesagt, wundere ich mich, dass es bisher so lange gut gegangen ist“, sagte Christoph Barmeyer der WirtschaftsWoche. Die angesprochenen Probleme seien jedoch nicht Tesla-spezifisch, sondern in der Vergangenheit bereits bei US-Unternehmen beobachtet worden, die nach Deutschland expandierten.

Tesla bietet in Grünheide verschiedene Jobs, Ausbildungsstellen und auch Praktika an, Interessenten müssen sich aber offenbar darauf einstellen, dass in der Fabrik nach dem Vorbild der USA gearbeitet wird. „Das ist dann auch Typ-Sache: Manche Mitarbeiter finden die US-amerikanische Unternehmenskultur und ihre neuen Freiheiten und die Tatsache, dass viel dynamischer entschieden wird, ganz hervorragend“, sagte Barmayer. „Andere können mit der Geschwindigkeit und dem Druck nicht umgehen.“ Aktuell produziert Tesla in Grünheide sogar so viele E-Autos, dass der Platz auf dem Fabrikgelände nicht ausreicht. Deshalb parken tausende Tesla-Modelle auf dem Parkplatz des Flughafens Berlin-Brandenburg.

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