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Softwarekonzerne üben Druck auf Autobauer aus - „jeder Mercedes wird mit unseren Chips ausgestattet sein“

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Von: Julian Baumann

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Innenansicht des Concept EQ mit Navigationssystem das auf die GPU-Technologie von Nvidia setzt.
Die Softwarekonzerne drängen immer mehr in den Automarkt. Mercedes-Benz kooperiert beispielsweise mit Nvidia. © Mercedes-Benz AG - Global Communications

Die Abhängigkeit der deutschen Autobranche von den großen Softwarekonzernen wird immer größer. Mercedes-Benz kooperiert beispielsweise mit Nvidia.

Stuttgart - Als Mercedes-Benz vor beinahe zwei Jahren die Entwicklung des eigenen Betriebssystems MB.OS ankündigte, sagte Konzern-Chef Ola Källenius, die elektronische Komponente sei notwendig, um „das Hirn und das zentrale Nervensystem der Fahrzeuge der Zukunft zu steuern“. Inzwischen ist die Software in der weltweiten Autobranche bereits mindestens so wichtig wie die Motortechnik oder die Leistung eines Fahrzeugs. Davon profitieren auch die großen US-Chipkonzerne wie Nvidia, die immer stärker in den Automarkt drängen. Mercedes-Benz stattet ab 2024 alle Modelle mit Software-Komponenten von Nvidia aus. Die Zusammenarbeit des Autokonzerns mit dem Softwareriesen führt immer mehr zu verschobenen Machtverhältnissen.

Mercedes-Benz und die anderen großen Autobauer setzen immer mehr auf E-Autos und Digitalisierung der Produktionslinien. Im Kern ist aber der Traditionskonzern aus Stuttgart noch immer ein Autohersteller, weswegen die eigene Software-Entwicklung an die Grenzen stößt. Deshalb ging Mercedes bereits vor einiger Zeit ein risikoreiches Bündnis ein, das Handelsblatt schrieb bereits von einer „Schicksalsgemeinschaft“. Doch nicht nur beim Unternehmen mit dem Stern steigt die Abhängigkeit der großen US-Softwarekonzerne weiter an, die gesamte deutsche Autobranche ist betroffen.

Mercedes-Benz und Co.: Technische Weiterentwicklung führt zu verhängnisvollen Abhängigkeiten

Das Softwareunternehmen Nvidia, mit dem Mercedes-Benz bereits seit einiger Zeit zusammenarbeitet, entwickelte ursprünglich Grafikchips für Computerspiele. Inzwischen drängt das Unternehmen aber immer weiter in die Autoindustrie vor. „Mit diesem Geschäft sind enorme Einnahmepotenziale verbunden“, sagte der Chef der Autosparte von Nvidia, Danny Shapiro, dem Handelsblatt. Gerade durch technische Entwicklungen wie dem autonomen Fahren oder dem immer umfangreicheren Infotainment-Systemen in den Autos wird eine große Rechenpower benötigt. Eben deshalb werden Chiphersteller wie Nvidia oder Intel unverzichtbar für Mercedes, BMW und Co..

Mercedes-Benz hat als erster Autobauer der Welt die Freigabe für das autonome Fahren der Stufe 3 erhalten. Die Mercedes S-Klasse kann demnach vollautonom auf der Autobahn fahren. Durch die Kooperation mit Nvidia zahlen die Schwaben dafür aber einen hohen Preis. Laut Berichten hat sich Mercedes bereits für 15 Jahre an das Softwareunternehmen gebunden. Der Konzern muss laut Insidern jeden Euro beim Verkauf von Software-Komponenten für das autonome Fahren mit Nvidia teilen. „Jeder einzelne Jaguar, jeder einzelne Mercedes wird mit unseren Chips ausgestattet sein“, sagte Danny Shapiro. „Das verändert die Dynamik des Automobils. Es ist jetzt eine aufrüstbare Maschine.“

Autobauer müssen „unbedingt vermeiden, zu einer Art Hardwarelieferant zu werden“, warnt Experte

Die steigende Abhängigkeit der deutschen Autobauer von US-Softwarekonzernen wie Nvidia oder Intel ist auch dem Konkurrenzkampf mit Tesla geschuldet. Der E-Auto-Pionier baut seine Software-Komponenten selbst und passt sie dementsprechend direkt an die jeweiligen Anforderungen an. Um damit mithalten zu können, müssen die deutschen Autokonzerne langjährige Kooperationen mit den Softwareunternehmen eingehen. Aktuell kann eine Mercedes-S-Klasse mit eingebautem Infotainment-System noch als Auto mit eingebauter Software bezeichnet werden. Das könnte sich in Zukunft im schlimmsten Fall aber umkehren. „Die Autohersteller werden von ihren Chiplieferanten immer abhängiger“, warnte Berater Klaus Schmitz von Arthur D. Little laut dem Handelsblatt. „Sie müssen unbedingt vermeiden, zu einer Art Hardwarelieferant zu werden.“

Wie wichtig Halbleiterkomponenten und Chips für die Autobranche sind, zeigt aktuell auch die anhaltende Chipkrise, die durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft wurde. Mercedes-Benz und viele andere Autohersteller mussten aufgrund des Teilemangels temporär ihre Produktionen stoppen. Die Komponenten werden im Fahrzeugbau in Zukunft wohl noch wichtiger werden. Manche Autokonzerne haben bereits ein sogenanntes Revenue-Sharing, also ein Teilen der Einnahmen mit den Chipherstellern beschlossen. „Dass sich deutsche Fahrzeughersteller auf das Revenue-Sharing eingelassen haben, ist eine Zeitenwende“, sagte Berater Schmitz. „Das ist ein historischer Schritt.“

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