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Ex-Ingenieur: Synthetische Kraftstoffe könnten gigantische Anzahl an Verbrennern retten – und das Klima

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Von: Julian Baumann

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Die Autoindustrie setzt auf E-Autos, doch weltweit sind noch immer Milliarden Verbrenner unterwegs. Für einen klimafreundlichen Antrieb der Fahrzeuge könnten synthetische Kraftstoffe die Lösung sein.

Stuttgart/Karlsruhe - Mit dem EU-Entscheid, ab 2035 nur noch klimafreundliche Neuwagen zu erlauben, wird sich die Transformation in der Autoindustrie wohl weiter beschleunigen müssen. Die großen Autohersteller wie Mercedes-Benz oder VW setzen ihren Fokus zunehmend auf die Produktion von Batterie-elektrischen Pkw, allgemein E-Autos genannt. Dabei stellt sich aber das Problem, dass es sowohl in Europa, als auch weltweit eine gigantische Anzahl an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren gibt, die nicht ohne Weiteres von den Straßen verschwinden werden. Für dieses Problem könnten synthetische Kraftstoffe die Lösung darstellen.

Kurz vor dem Jahreswechsel 2022/2023 hat der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche in Chile mit der Produktion von sogenannten E-Fuels, bei Porsche eFuels genannt, begonnen. Der synthetische Kraftstoff wird dort in einer zusammen mit Siemens und anderen Partnern errichteten Pilotanlage aus Wind- und Solarenergie gewonnen. Porsche spricht sich bereits seit Langem für die E-Fuels aus, der Rest der Industrie zeigt sich aber weiterhin skeptisch. In einem Kapitel einer wissenschaftlichen Abhandlung, das BW24 vorliegt, wird jedoch erläutert, warum klimaneutrale Kraftstoffe neben der E-Mobilität die Zukunft sein werden.

E-Fuels als Lösung für die „klimaneutrale Weiterverwendung“ des Verbrenner-Bestandes

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat in der Forschungsinitiative „reFuels - Kraftstoffe neu denken“ gemeinsam mit zahlreichen Partnern – darunter beispielsweise Mercedes-Benz, Porsche, Audi und Bosch – die effiziente Herstellung und Nutzung von regenerativen Kraftstoffen erforscht. Re-Fuels bezeichnet den Überbegriff für erneuerbare, nicht fossile Kraftstoffe. Bei der Vorstellung der Ergebnisse am 19. September 2022 in Karlsruhe war der Kostenpunkt noch immer eine Hürde. In einem Kapitel über die reFuels erklärte der pensionierte Ingenieur, Wissenschaftler und langjährige Mitarbeiter bei Siemens, Hans Wagner, jedoch, warum die synthetischen Kraftstoffe durchaus das Potential haben, das Klima und auch das Volksvermögen zu retten.

Auf Nachfrage von BW24 hat Hans Wagner die Kernaussage seines Kapitels über Re-Fuels vereinfacht für unsere Leser zusammengefasst:

Es gibt eine Lösung für die klimaneutrale Weiterverwendung des weltweit gigantischen Bestandes an Autos, die heute mit fossilen Treibstoffen betrieben werden, aber auch für die Weiterverwendung bereits vorhandenen Transport- und Verteilungsmittel, wie Tanker, Tankfahrzeuge und Tankstellen. Diese Lösung ist die Herstellung künstlicher Kraftstoffe, auch reFuels genannt.

Diese künstlichen Kraftstoffe sind deswegen klimaneutral, weil sie bei ihrer Herstellung das CO₂ in der Luft nutzen, das vorher die Autos „ausgepufft“ haben und verbinden dieses CO₂ mit dem Wasserstoff, der über eine Zerlegung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen wird. Dieses Verfahren nennt man Elektrolyse. Zur Elektrolyse benötigt man Strom, wie er etwa von Windrädern oder Fotovoltaikpanels in windreichen Gegenden, wie in Patagonien oder in sonnenreichen Gegenden wie in Saudi-Arabien oder in der Sahara oder in Namibia gewonnen werden kann.

Dass künstlicher Treibstoff der Champagner für das Auto sei, ist kurzsichtig gedachter Unsinn, denn die Erzeugungskosten (ohne die Steuern) von fossilem Triebstoff liegen bei 60 Cent pro Liter, der von klimaneutralem künstlichen Triebstoff in wind- oder sonnenreichen Gebiete bereits in der Nähe von 80 Cent. Hinzu kommt dann auch noch, dass künstlicher Treibstoff das ideale transportable „Speichermedium“ für den gerade nicht benötigen grünen Strom (den sog. Flatterstrom) ist. Man braucht also nicht noch mehr Batterien.

Und dann ist Wasserstoff eine Zwischenstufe bei der Herstellung des künstlichen Treibstoffs. Er kann effizient zur Stromerzeugung in Brennstoffzellen für Elektroantriebe verwendet und muss nicht weit weniger effizient in Gaskraftwerken zum Kochen von Frühstückseiern verfeuert werden.

Fazit: Klimaneutrale Kraftstoffe retten unser Volksvermögen und zugleich unser Klima.

Produktion von E-Fuels soll neue Lieferketten ermöglichen und Abhängigkeiten reduzieren

Im September hatten die Forscher des KIT erklärt, dass in Karlsruhe die bundesweit größte Anlage für die Produktion von synthetischen Kraftstoffen entstehen werde, die jährlich mehr als 60 Millionen Liter produzieren soll. Mit dem Start der E-Fuel-Produktion von Porsche und Siemens in Chile Ende Dezember nimmt die Produktion demnach Fahrt auf. Hans Wagner erklärte in seinem Kapitel, dass dieser Umstand auch die Karten neu mischen werde. „Länder ohne Erdöl, aber mit viel Wind, können von nun an in die Produktion von Benzin und Diesel einsteigen“, schreibt er. „Dabei werden neue Lieferketten entstehen und die Abhängigkeit von den Ölquellen und deren Besitzern wird immer geringer.“

Autos stehen auf der Autobahn 8 in Fahrtrichtung München im Stau.
Weltweit sind nach wie vor Milliarden Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs. Mit synthetischen Kraftstoffen könnten sie umweltfreundlich angetrieben werden. © Marijan Murat/dpa

Beim Kapitel über die Re-Fuels wurde Hans Wagner nach eigenen Angaben von KIT-Professor Thomas Koch unterstützt. „Den Professor Koch kenne ich über den Professor Wellnitz in Ingolstadt, der mit seinen Studenten ein H2 Auto gebaut hat“, erklärt Wagner gegenüber BW24. „Professor Koch hat mein Kapitel über die reFuels redigiert.“ Der Karlsruher Maschinenbauprofessor hatte kürzlich erklärt, dass, wenn der Verbrenner verboten ist, gegen das E-Auto gehetzt werde. Mit einem Durchbruch der E-Fuels, neben dem Fokus auf die Produktion von E-Autos, müsste der Verbrenner aber demnach nicht endgültig beerdigt werden. „Mit der Herstellung der klimaneutralen synthetischen Kraftstoffe wäre das weltweit gigantische Vermögen an Diesel- und Benzin-Fahrzeugen gerettet.“

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