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Studierende aus Stuttgart mit Elektro-Renner auf Weltrekordkurs

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Stefan Zilz (l-r), Simon Stober, Pavel Povolni und Dominik Wallner präsentieren ihren selbstgebauten Elektro Rennwagen.
Studenten der Universität Stuttgart wollen mit ihrem selbstgebauten Elektro-Renner einen neuen Weltrekord aufstellen. © Christoph Schmidt/dpa

„Marke Eigenbau“, das mag für Zäune, Modelleisenbahnen und die eine oder andere Terrasse gelten. Aber für einen Rennwagen, der Rekorde bricht? Studenten aus Vaihingen tüfteln an ihrem Boliden herum, um bald die Schnellsten der Welt zu werden.

Stuttgart (dpa/lsw) - Vom Hörsaal direkt ans Rennauto und zwischendurch auch mal eine Runde über den Asphalt preschen? Für Dutzende Studierende aus Stuttgart wäre das jederzeit möglich - zumindest wenn ihr Rennwagen grad nicht aufgebockt zum Feintuning, zum Schleifen oder für die Reparatur in der kleinen Werkstatt auf dem weitläufigen Campus der Uni Vaihingen steht. Dort schrauben die Mitglieder des sogenannten Greenteams, sie fräsen und entwerfen, oft rund um die Uhr, freiwillig und unbezahlt.

Ihr Ziel: der Weltrekord im Beschleunigen mit einem rein elektrisch angetriebenen Wagen. Für den Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde gilt es, am kommenden Donnerstag (1. September) in Horb die aktuelle Bestleistung von rund 1,5 Sekunden zu brechen.

Eigentlich nichts Neues für die Stuttgarter, der Kampf um die schnellste Zeit ist seit einem Jahrzehnt bereits ein Hin und Her vor allem zwischen den Teams aus Vaihingen und Zürich. Den Rekord hatten die Stuttgarter schon zwei Mal inne - und stets konnten die Schweizer die Leistung unterbieten. Lag die eigene Marke 2012 noch bei 2,681 Sekunden, kam das Greenteam 2015 dann auf flinke 1,779 Sekunden. Nicht genug: Mit ihrem selbst entwickelten Leichtbau-Boliden holte das Formula-Student-Team des Akademischen Motorsportvereins Zürich (AMZ) den Rekord nur ein Jahr später mit 1,513 Sekunden zurück zu den Eidgenossen.

Was damals kaum zu schlagen schien, ist für die Stuttgarter Herausforderer jetzt durchaus greifbar: «Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden. Und in Tests sind wir schon in diese Region gekommen», sagt Stefan Zilz (29). Gemeinsam mit insgesamt 17 anderen ist er im Greenteam bemüht, jedes überflüssige Gramm und auch die nötige Aerodynamik aus dem Elektro-Rennwagen E0711-11 Evo herauszutüfteln.

Knappe 147 Kilo bringt der Carbon-Rennwagen auf die Waage, durch den Vierrad-Antrieb mit selbst entwickelten Motoren und neu entworfenem Hochvolt-Akkumulator kommt er auf eine Leistung von bis zu 250 PS. Die Spitzenbeschleunigung des Boliden entspricht der Beschleunigung einer Rakete, die ihre zweite Brennstufe abwirft.

Viele Zahlen, viel Arbeit, für den einen entscheidenden Tag in Horb: «Wir bereiten uns seit bereits knapp einem Jahr vor, es sind Dutzende Stunden pro Woche und vor einem Rennen schlafen wir ab und zu auch gar nicht mehr», sagt Pavel Povolni, der dem Förderverein GreenTeam Uni Stuttgart vorsteht. «Das ist pure Leidenschaft, es geht nicht ohne sie», ergänzt der 26-Jährige. Als Alumni und Promovierender tüftelt und entwickelt er ebenso wie andere Ehemalige und Studierende am E-Boliden.

Das GreenTeam Uni Stuttgart, 2009 gegründet, nimmt regelmäßig am internationalen Konstruktionswettbewerb für Studierende «Formula Student» teil. Dabei konstruieren und fertigen Studierende einen E-Rennwagen, der in unterschiedlichen Disziplinen wie Beschleunigung und Ausdauer bewertet wird. Allein in Baden-Württemberg gibt es an den Unis und Hochschulen rund 20 solcher Teams. In Stuttgart haben sich 18 Studierende aus dem Pool der etwa 200 Team- und Fördervereinsmitglieder zusammengeschlossen, um abseits der Rennen den Weltrekord zu knacken.

Während die einen als frühere Studenten das Knowhow aus der Berufswelt mit in die Werkstatt bringen, Kontakte spielen lassen und Sponsoren werben können, nutzen die anderen das Rennteam, um Erfahrungen zu sammeln und ein Netzwerk zu knüpfen. «Man ist Student, kommt aus der Vorlesung und wächst hier als Team zusammen», beschreibt es Povolni. «Es war uns von Beginn an wichtig, gemeinsam zu zeigen, was möglich ist und dass sogar Studenten die Technik von morgen entwickeln können.»

Dabei hatten sie vor Kurzem noch gedacht «Das war‘s». In den Sekunden, als der Rennwagen beim Test auf der Geraden ausbrach und in den Reifenstapel am Fahrbahnrand krachte. Wichtige Teile - kaputt. Die Hoffnung, mit diesem demolierten Rennwagen den Weltrekord zurückzuholen - dahin. «Es war aber relativ schnell klar, dass wir ihn wieder aufbauen», erinnert sich Povolni. «Wir haben alle zusammengetrommelt und irgendwann standen sogar die Großeltern der Alumni an der Drehbank, um zu helfen.»

Weniger als 1,5 Sekunden sind nun das Ziel in Horb, ein Formel-1-Wagen braucht dafür etwa 2,5 Sekunden. Es zählt nicht die gefahrene Zeit in einem einzigen Rennen, sondern es wird ein Mittelwert errechnet aus den beiden schnellsten Versuchen des Tages. Stets unter den Argusaugen der extra anreisenden Guinness-Richterin, die die strengen Vorgaben für Zeugen, Zeitmessung und die Steigung im Blick hat. (Von Martin Oversohl, dpa)

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