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Übermotorisiert und unnötig schwer: „E-Autos sind nicht per se nachhaltig“, sagt Experte

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Von: Julian Baumann

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US-Präsident Joe Biden sitzt bei einem Besuch bei Autohersteller General Motors in einem vollelektrischen GMC Hummer.
E-Autos werden immer größer und schwerer und beeinträchtigten dadurch die eigentlich gute Klimabilanz. © Adam Schultz/White House via www.imago-images.de

E-Auto-Modelle trumpfen mit immer mehr Reichweite und Technik auf. Weil dadurch auch die Akkus immer schwerer werden, beeinträchtigt das die Klimabilanz der Stromer zunehmend.

Stuttgart - Mercedes-Benz ist mit seiner elektrischen Luxuslimousine EQS endgültig ins E-Auto-Zeitalter gestartet und hat wenig später eine SUV-Version des elektrischen Leitmodells vorgestellt. Auch vom „kleinen Bruder“, der Business-Limousine EQE, stellte Mercedes-Benz kürzlich eine SUV-Version vor. Wenn man sich derzeit die Produktpalette der E-Auto-Marke Mercedes-EQ anschaut, sieht man, dass diese hauptsächlich aus großen Limousinen und SUV besteht. Der schwäbische Traditionskonzern ist damit aber nicht alleine. E-Autos in Deutschland werden allgemein immer größer, da die Hersteller Kleinwagen aus dem Sortiment streichen.

Dass nahezu alle großen Autohersteller ihren Fokus auf E-Autos setzen, kommt nicht von ungefähr. In der EU sollen ab 2035 nur noch emissionsfreie Neuwagen verkauft werden dürfen. Die batteriebetriebenen Autos gelten im Vergleich zu Benzinern und Diesel als sehr viel umweltfreundlicher und nachhaltiger und werden deshalb als Zukunft der Mobilität bezeichnet. Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, sieht die ständige Aufrüstung der Modelle in Bezug auf die Klimabilanz aber kritisch, wie er dem Handelsblatt sagte.

Hersteller bei E-Autos in der Zwickmühle: Mehr Reichweite und Leistung bedeutet mehr Gewicht

Zu Beginn des aktuellen E-Auto-Booms war die vergleichsweise geringe elektrische Reichweite ein oft genannter Kritikpunkt. Um die Kunden zufriedenzustellen, haben die großen Hersteller ihre Modelle deshalb immer weiter aufgerüstet und versprechen inzwischen Reichweiten von 600 oder 700 Kilometern mit einer Batterieladung. Das Super-E-Auto EQXX von Mercedes-Benz brach sogar den eigenen Rekord und legte eine Strecke von 1.200 Kilometern mit einer Ladung zurück. Die Schattenseite ist jedoch, dass für mehr Reichweite auch größere Batterien benötigt werden, die die E-Autos zum einen schwerer und zum anderen auch teurer machen.

„Elektroautos mit starken Leistungswerten bieten zwar eine tolle Beschleunigung, sie benötigen aber meist auch eine große Batterie, wodurch sich wiederum der CO2-Fußabdruck erhöht“, führte Stefan Bratzel aus. E-Autos haben insgesamt zwar eine deutlich bessere Kohlendioxid-Bilanz als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. „Allerdings sind Elektroautos nicht per se nachhaltig“, so Stefan Bratzel gegenüber dem Handelsblatt. Eine Studie, die belegen sollte, dass E-Autos nicht so umweltfreundlich sind wie gedacht, sorgte bereits zu Beginn des Jahres für Wirbel. Laut Bratzel liegt der Fokus der Autoindustrie derzeit zu sehr auf Leistung und Reichweite und zu wenig auf den Verbrauchswerten der Modelle.

Autobauer nutzen „grünes Image“ der E-Autos aus - „ökologisch sehr kritisch zu bewerten“

Konkret bekämpfen die Autohersteller mit der immer weiter steigenden elektrischen Reichweite zwar ein kritisiertes Problem der E-Mobilität, das führt wiederum aber zu einem anderen: dem hohen Gewicht der Stromer. Laut einer Studie trägt der Abrieb von Bremsen, Reifen und der Fahrbahn auch bei E-Autos einen nennenswerten Beitrag zur CO2-Belastung bei. Dieser ist zwar deutlich geringer als bei Verbrenner-Modellen, je schwerer das Fahrzeug ist, desto mehr machen sich aber auch die Abreibungen bemerkbar. Dem Handelsblatt zufolge nutzen die Autohersteller das „grüne Image“ der Stromer immer mehr aus, da viele Modelle nur auf dem Papier wirklich nachhaltig sind.

Gerade in den USA setzen die Hersteller verstärkt auf große Automodelle - auch im elektrischen Bereich. General Motors hat mit dem GMC Hummer beispielsweise einen vollelektrischen „Supertruck“ vorgestellt, der über viereinhalb Tonnen wiegen und mit gleich drei Elektromotoren auf eine Leistung von rund 1.000 PS kommen soll. Ford hat als Leitmodell der E-Auto-Strategie den protzigen Pick-up F150-Lightning im Portfolio. Auch Mercedes-Benz will mit der elektrischen G-Klasse EQG 2024 einen großen elektrischen Geländewagen auf den Markt bringen.

Selbst wenn die Reichweite gleich bleibt, brauchen E-Autos für mehr Leistung auch eine größere Batterie und werden dadurch teurer. „Ökologisch ist das sehr kritisch zu bewerten“, meinte Bratzel. Der Experte sieht nun sowohl die Hersteller in der Pflicht, die Batterietechnologie so weiterzuentwickeln, dass die Fahrzeuge nicht beständig schwerer werden. Und zugleich auch die Politik, die den Ausbau der Ladeinfrastruktur vorantreiben müsse. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos ist auch in Deutschland noch immer eine Debatte. Mit mehr zugänglichen Ladepunkten und schnelleren Ladeleistungen wäre eine besonders hohe Reichweite pro Akkuladung aber kein unbedingtes Kaufkriterium mehr.

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