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„Ein Irrsinn“: Hersteller überbieten sich bei Reichweiten von E-Autos – aber ist das überhaupt notwendig?

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Von: Julian Baumann

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In der Autoindustrie kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die Hersteller bei den Reichweiten der E-Autos gegenseitig überbieten wollen. Aber ist das überhaupt noch notwendig?

Stuttgart - Die Reichweite von E-Autos hat sich durch Fortschritte, was die Batterietechnik angeht, in den vergangenen Jahren immer weiter verbessert. Laut einer Statistik betrug die durchschnittliche Reichweite im Jahr 2020 352 Kilometer und im Jahr 2025 soll sie Berechnungen zufolge bereits bei 784 Kilometer pro Akkuladung liegen. Doch bereits heute gibt es auf dem Markt mehrere Modelle, die diese Leistung überbieten. „Das Thema Reichweite ist ein Dauerbrenner und eins der Hauptargumente gegen Elektroautos, seit es E-Autos gibt“, erklärte Matthias Vogt, Experte für Elektromobilität beim ADAC, gegenüber BW24.

Mercedes-Benz hatte mit dem Super-E-Auto EQXX im vergangenen Jahr den eigenen Rekord gebrochen und fuhr mehr als 1.200 Kilometer mit einer Akkuladung. Bei dem Modell handelt es sich allerdings um ein Forschungsfahrzeug, das den Fortschritt der Technik aufzeigen soll. „Aktuell bewegen sich die angebotenen Reichweitenkönige im Bereich zwischen 700 und 800 Kilometern“, sagte Matthias Vogt. „Die 1.000 Kilometer Reichweite werden noch nicht erreicht, beziehungsweise sind Ankündigungen und werden wohl in absehbarer Zeit Realität sein.“ Das Start-up Nio hatte bereits 2021 eine 1.000-Kilometer-Batterie angekündigt.

E-Auto-Reichweiten steigen immer weiter an: ADAC sieht 200 bis 300 Kilometer als ausreichend

Der chinesische Autobauer Geely hat kürzlich ebenfalls ein E-Auto-Topmodell mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern angekündigt. In einer Facebook-Gruppe stellt ein Nutzer diesbezüglich eine durchaus berechtigte Frage. „Mal ehrlich, wer braucht eine Reichweite von 1.000 Kilometern?“, fragt er. „Und das mit einem 140er-Akku, bald knacken wir die 200 Kilowattstunden“, fügt ein weiterer hinzu. „Ein Irrsinn.“ Eine elektrische Reichweite von 1.000 Kilometern mag auf dem Papier nicht mehr nach viel klingen, damit könnte man aber ohne Probleme von Stuttgart nach Budapest fahren, ohne einmal laden zu müssen. Solche Strecken nehmen wohl nur die wenigsten Autofahrer am Stück auf sich – auch nicht mit einem Verbrenner.

Der EQXX von Mercedes-Benz auf der Rennstrecke in Silverstone (UK).
Mercedes-Benz hat mit dem Forschungsfahrzeug EQXX im vergangenen Jahr mehr als 1.200 Kilometer mit einer Akkuladung zurückgelegt. Im Alltag sind solche Reichweiten aber kaum notwendig. © Mercedes-Benz AG – Communications.

Laut dem ADAC-Experten würden Umfragen jedoch regelmäßig zeigen, dass die Reichweitenwünsche ähnlich dem sind, was man heute von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor kennt. „Von daher ist es nachvollziehbar, dass die Reichweiten der Fahrzeuge weiter steigen, um der Reichweitenangst von Kunden zu begegnen“, erklärte Matthias Vogt gegenüber unserer Redaktion. „Die Erfahrung zeigt jedoch auch, dass die meisten E-Auto-Nutzer diese Riesen-Reichweiten eigentlich kaum brauchen und der Großteil der Alltagszenarien problemlos mit 200 bis 300 Kilometer realistischer Reichweite darstellbar sind.“ Mit der in den vergangenen Jahren stark verbesserten Ladetechnologie und einem geeigneten Fahrzeug ließe sich in 20 bis 30 Minuten aber wieder 200 bis 300 Kilometer Reichweite nachladen.

E-Autos haben mit Ladepausen „keinen nennenswerten Zeitnachteil“

Nicht nur die Ladetechnologie, sondern auch die Anzahl an Ladepunkten wird immer weiter ausgebaut. Der Bundesnetzagentur wurden zum Stand 1. Dezember 2022 rund 64.000 Normalladepunkte und 12.755 Schnellladepunkte im Bundesgebiet gemeldet. Eben an solchen Schnellladepunkten, die oftmals an Autobahnen zu finden sind, lassen sich E-Autos innerhalb von rund 30 Minuten wieder zu 80 Prozent laden. Der ADAC rät Autofahrern, die häufiger Langstrecken mit dem E-Auto fahren, bewusst auf eine große Reichweite und eine gute Schnellladetechnologie zu achten. Mit einer großen Reichweite meint der Automobilclub allerdings nicht Werte von mehr als 1.000 Kilometern.

„Von Langstreckentauglichkeit sprechen wir, wenn ein Elektroauto ungefähr 400 Kilometer Erstreichweite bietet und 300 Kilometer in 30 Minuten nachladen kann“, führte der Experte aus. Dann könne man mit einer 30-minütigen Pause rund 700 Kilometer fahren. Eine solche Pause sollte bei Langstrecken allerdings auch dann eingelegt werden, wenn das E-Auto theoretisch 700 Kilometer ohne Ladestopp schaffen würde. „Wir raten dazu, alle 2 oder 3 Stunden eine Pause zu machen“, sagte auch Melanie Mikulla vom ADAC gegenüber BW24. „Unter Berücksichtigung von empfohlenen Pausen hat man eigentlich keinen nennenswerten Zeitnachteil gegenüber einer Fahrt mit einem Verbrenner“, erklärte Matthias Vogt.

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