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Experte über Abhängigkeit der Autoindustrie: „Mit mehr E-Autos wären wir weniger erpressbar“

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Von: Julian Baumann

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Ein Mercedes-AMG EQS bei einer Testfahrt in Kalifornien.
Laut einem Experten ist der Fokus auf E-Autos eine Möglichkeit, von der Abhängigkeit durch fossile Energielieferungen loszukommen (im Bild: Mercedes-AMG EQS). © Mercedes-Benz AG - Global Communication

Der Ukraine-Krieg zeigt die Abhängigkeit der Autoindustrie von fossilen Energielieferungen. Laut einem Experten sind mehr E-Autos ein Lösungsansatz.

Stuttgart/Karlsruhe - Die großen Autohersteller setzen immer deutlicher auf das E-Auto und schwören dem altgedienten Verbrenner ab. Mercedes-Benz will beispielsweise ab 2030 nur noch batteriebetriebene Autos bauen. Die Transformation zur E-Mobilität ist auch dem politischen Druck nach einer CO2-neutralen Produktion geschuldet. Der Ukraine-Krieg und der Boykott von Erdöllieferungen aus russischer Förderung machen eine Abkehr vom Verbrenner derzeit aber noch wichtiger. Seit einigen Tagen steigen die Benzin- und Dieselpreise exponentiell an. Beide Kraftstoffe lagen am Montag (14. März) bei einem Preis von über zwei Euro pro Liter.

Der Krieg in der Ukraine hat die Abhängigkeit der Autoindustrie von Öl- und Gaslieferungen aus Russland und der Ukraine mehr als deutlich gemacht. Experten prophezeien als Folge bereits einen noch deutlicheren Fokus der Branche auf die E-Mobilität. Dass die Energiewende eine Chance bietet, von der derzeitigen Abhängigkeit durch fossile Energielieferungen loszukommen, vermutet auch E-Auto-Forscher Patrick Plötz vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Durch eine höhere Menge an E-Autos sei die Autoindustrie weniger erpressbar, was die Lieferungen fossiler Energien anbelangt, sagte der Physiker im Interview mit dem Manager Magazin.

E-Auto-Experte: „Wir dürfen uns nicht in neue Abhängigkeiten begeben“

Ölfirmen wie Shell haben nach der Invasion Russlands in die Ukraine angekündigt, in Zukunft kein Erdöl aus dem osteuropäischen Land mehr beziehen zu wollen und auch die USA haben bereits ein Boykott verhängt. Dadurch werden die Ressourcen für die Produktion von Benzin und Diesel immer knapper und die Preise steigen weiter an. Durch den stärkeren Fokus auf reine E-Autos könnte dieses Problem deutlich reduziert werden. Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) nannte die erneuerbaren Energien kürzlich „Freiheitsenergien“. „Ich könnte mir vorstellen, dass Teile der Energiewende und der Elektromobilität einen Akzeptanzschub bekommen“, vermutet auch E-Auto-Experte Patrick Plötz.

Seit 100 Jahren sei die Industrie von fossilen Energielieferungen abhängig, erklärte Plötz dem Manager Magazin. „Mit mehr Elektrofahrzeugen wären wir geopolitisch weniger erpressbar, zumindest was unsere momentane starke Abhängigkeit im Bereich der fossilen Energien anbelangt.“ Bei der Produktion von E-Autos werden aber Rohstoffe benötigt, die ebenfalls zum Großteil aus dem Ausland importiert werden. Dazu zählt beispielsweise auch Nickel aus Russland für die Batterien. „Wir dürfen uns nicht in neue Abhängigkeiten begeben“, mahnte Patrick Plötz. Man werde zwar auch künftig Rohstoffe importieren müssen, Autohersteller seien aber schon mit Lösungsansätzen dabei, den Engpass auszugleichen. Mercedes-Benz errichtete beispielsweise in Gaggenau eine Fabrik für das Recycling von E-Auto-Batterien.

Bisheriger E-Auto-Boom hat politische Ursachen und ist nur ein „Zwischensprint“, sagt der Experte

Nicht zuletzt durch die staatliche Förderung bei einem E-Auto-Kauf ist aktuell ein regelrechter Boom bei den batteriebetriebenen Modellen zu bemerken. Auch Mercedes-Benz verkaufte im Jahr 2021 mehr E-Autos als jemals zu vor. Der starke Fokus auf die E-Mobilität habe aber politische Ursachen, sagte Patrick Plötz dem Manager Magazin. „Ein Großteil der Dynamik, die wir die letzten drei Jahre gesehen haben, basiert auf den strengeren CO2-Flottengrenzwerten in Europa“, so der Experte. „Die haben die Hersteller gezwungen, wirklich neue Fahrzeuge auf den Markt zu bringen.“ Da die Grenzwerte nun erreicht seien, sehe er die Gefahr, dass sich das Wachstum verlangsame.

Demnach war der starke Fokus auf batteriebetriebene Modelle bei Autobauern wie Mercedes-Benz und Co. bislang dem politischen Druck geschuldet. „Der bisherige Elektroautoboom war ein Zwischensprint, um die Zielwerte zu erreichen“, sagte Patrick Plötz. Da die nächste Verschärfung der Grenzwerte erst für das Jahr 2025 angesetzt ist, könnte das Wachstum erst dann wieder neuen Schwung erhalten. „Zumindest finanziell haben die Konzerne aktuell keine unmittelbaren Gründe, den Anteil der Elektroautos weiter zu vergrößern.“ Er erwarte eine Verlangsamung des E-Auto-Booms, allerdings aber keinen Stopp. „Elektrofahrzeuge werden sich weiter durchsetzen, die Marktanteile werden steigen – aber wahrscheinlich nicht mehr so schnell“, so der Experte des Fraunhofer-Instituts in Karlsruhe.

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