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„Müssen verdammt aufpassen“: Stromkostenexplosion könnte Umstieg auf E-Autos gefährden, warnt Experte

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Von: Julian Baumann

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Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management der Fachhochschule Bergisch Gladbach, steht zwischen ausgestellten Autos in einer Halle von „Motorworld“.
Autoexperte Stefan Bratzel warnt davor, dass die Strompreisexplosion den E-Auto-Boom abwürgen könnte. © Sina Schuldt/dpa

Autoexperte Stefan Bratzel warnt angesichts der extremen Strompreise vor den Auswirkungen auf den Hochlauf der E-Mobilität und fordert Reaktionen vonseiten der Regierung.

Stuttgart/Bergisch Gladbach - Die Energiepreise kennen seit Wochen nur noch eine Richtung: nach oben. Der Handel dringt bereits auf eine zeitnahe Verabschiedung eines dritten Entlastungspakets, doch auch die Autoindustrie bekommt die steigenden Kosten immer deutlicher zu spüren. Nach dem Ende des Tankrabatts steigen zwar auch die Spritpreise wieder deutlich an, die Strompreise steigen jedoch deutlich schneller und wirken sich so auf den Hochlauf der E-Auto-Produktion aus, in dem sich die großen Autohersteller Mercedes-Benz, VW und Co. derzeit befinden.

Aufgrund der immer weiter steigenden Strompreise warnte bereits die Automobilbranche vor den Folgen für die Zukunft der E-Autos. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) bezweifelte, dass die erneuerbaren Energien für den Hochlauf der E-Mobilität allein in Deutschland produziert werden könnten und sprach sich für strategische Partnerschaften aus. Auch Autoexperte Stefan Bratzel vom Center for Automotiv Management (CAM) in Bergisch Gladbach sprach im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) eine dringende Warnung aus. „Die Strompreisexplosion könnte zu einer akuten Gefahr für die Verkehrswende werden, da müssen wir verdammt aufpassen.“

E-Auto-Nutzungskosten müssen deutlich günstiger bleiben als bei Verbrennern, sagt Experte

Die Produktion eines E-Autos ist in den meisten Fällen kostenintensiver als die eines vergleichbaren Verbrenner-Modells. Das E-Auto EQE ist laut Mercedes-Benz aber bereits so rentabel wie das Verbrenner-Pendant. Der Vorteil eines batteriebetriebenen Modells ist, neben den klimaschonenden Aspekten, aber der insgesamt günstigere Verbrauch. Durch die steigenden Stromkosten könnte sich das aber umkehren. „Der Hochlauf der Elektromobilität droht zu scheitern, wenn der Stromer im Verbrauch teurer wird als Benziner oder Diesel“, machte Stefan Bratzel deutlich. „Weil sich dann kaum noch jemand ein Elektroauto kaufen würde.“ Laut dem Experten würde dadurch der gesamte Umstieg ins Wanken kommen, was „unbedingt“ verhindert werden müsse.

Ein oftmals angeführtes Hindernis der Transformation zur E-Mobilität in Deutschland ist die noch immer mangelnde Ladeinfrastruktur im Land. Auch Mercedes-Chef Ola Källenius nannte den Ausbau eines der wichtigsten Voraussetzungen für den Durchbruch der E-Autos. Batteriebetriebene Modelle haben sich inzwischen zwar gegen alle anderen Antriebe durchgesetzt, wenn die kWh an den Ladesäulen mehr kostet, als der Liter Benzin an den Tankstellen, könnten sich die Autofahrer aber wieder umentscheiden. „Die Nutzungskosten der Elektromobilität müssen deutlich günstiger bleiben als bei Verbrennern“, sagte Stefan Bratzel der NOZ. „Es braucht diesen Preisabstand, um die Autofahrer für den Wechsel zu gewinnen und die Industrie nicht komplett zu verunsichern.“

Autoexperte wendet sich an Politik: „Wichtig ist, dass sich Autofahrer keine neuen Verbrenner kaufen“

Wie zuvor bereits der Verband der Automobilbranche wandte sich auch Autoexperte Stefan Bratzel mit Forderungen an die Politik. „Es braucht ein regulatives Korsett, das die Strompreise unter den Spritpreisen hält, so dass man im direkten Vergleich mit einem Elektroauto auf 100 Kilometern billiger unterwegs ist als mit einem Benziner oder Diesel!“, forderte er. Zumal ab kommendem Jahr Autofahrer auch nicht mehr für alle E-Autos eine Prämie bekommen, was den Hochlauf zusätzlich ausbremsen könnte. Bratzel ist auch der Ansicht, die Inflation und die dadurch nachlassende Kaufkraft könnte die E-Mobilität ausbremsen. „Auch das könnte den Markthochlauf verzögern, dazu führen, dass die Autofahrer länger mit ihren Diesel oder Benzinern unterwegs sein werden.“

Mit der Entscheidung der EU-Länder ab 2035 nur noch klimafreundliche Neuwagen zu erlauben, sollte der Hochlauf der E-Auto-Produktion eigentlich beschleunigt werden. Bis dahin dürfen Mercedes, BMW und VW aber weiterhin Verbrenner verkaufen und selbst nach 2035 werden benzin- und dieselbetriebene Autos nicht ohne weiteres von den Straßen verschwinden. „Wichtig ist, dass sie sich keine neuen Verbrenner kaufen“, sagte Stefan Bratzel der NOZ. „Auch da ist die Politik gefragt, die Nutzung der E-Mobilität praxistauglicher zu gestalten, also die Ladeinfrastruktur auszubauen.“ Ein Energieverband bezeichnete den angeblichen Ladesäulenmangel für E-Autos kürzlich aber als „völlig falsches Bild“.

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